Gemeinschaftsunternehmen - Thyssenkrupp und Tata bereit für Mega-Stahlfusion

Nach anderthalbjährigen Verhandlungen treiben Thyssenkrupp und Tata Steel ihre Pläne für eine Fusion der Stahlgeschäfte entschieden voran. Gegen 4000 Jobs stehen auf der Kippe.
20.09.2017 09:43
2000 Jobs in der Stahlproduktion wären bei Stahlfusion von Thyssenkrupp und Tata bedroht.
2000 Jobs in der Stahlproduktion wären bei Stahlfusion von Thyssenkrupp und Tata bedroht.
Bild: pixabay.com

"Wir gehen die strukturellen Herausforderungen der europäischen Stahlindustrie an und schaffen eine starke Nummer Zwei", sagte Thyssenkrupp-Chef Heinrich Hiesinger am Mittwoch. Beide Konzerne sollen an dem Gemeinschaftsunternehmen mit Sitz in den Niederlanden je 50 Prozent halten.

Der Stahlbranche mit ihren über 300.000 Beschäftigten in Europa und über 80.000 in Deutschland machen seit Jahren Überkapazitäten, Preisdruck, Billigimporte aus China und immer schärfere Klimaschutzauflagen zu schaffen. Hiesinger verspricht sich von der Fusion unter anderem Grössenvorteile. Zudem würden sich die Geschäfte der Partner gut ergänzen. Thyssenkrupp sei stärker in der Automobilbranche, Tata bei den Industriekunden. Das neue Unternehmen mit dem Namen Thyssenkrupp Tata Steel erzielt einen Pro-forma-Umsatz von 15 Milliarden Euro.

An der Börse schossen die Aktie von Thyssenkrupp kurz nach Handelsbeginn um mehr als vier Prozent in die Höhe. Das Joint Venture sei ein wichtiger Schritt im Transformationsprozess des Konzerns, hiess es in einem Marktkommentar der DZ Bank.

Fusion soll Einsparungen von bis zu 600 Millionen Euro bringen

Durch eine Zusammenlegung der Verwaltung, des Vertriebs, des Einkaufs, der Logistik sowie einer besseren Auslastung will Hiesinger Einsparungen von jährlich 400 bis 600 Millionen Euro erzielen. Zudem werde der Konzern, der auch Aufzüge, Autoteile, Anlagen oder U-Boote herstellt, das Stahl-Joint-Venture durch die 50-Prozent-Beteiligung nur noch "at-equity", zum anteiligen Buchwert, bilanzieren. Dadurch würden wesentliche Bilanzkennzahlen der AG deutlich verbessert. Arbeitnehmervertreter hatten dem Manager vorgehalten, es gehe ihm in erster Linie um diese "Bilanzkosmetik." Thyssenkrupp machen hohe Schulden und eine schwache Eigenkapitalquote zu schaffen.

Hellhörig dürften die Arbeitnehmervertreter auch durch die Ankündigung werden, dass in der Verwaltung bis zu 2000 Stellen wegfallen könnten und in der Produktion ebenso viele. Die Lasten sollen zwischen den Unternehmen in etwa geteilt werden. Die IG Metall reagierte umgehend. "Wir wollen Sicherheit mit Blick auf die Risiken. Wir fordern Garantien für die Beschäftigten", sagte ihr Vertreter im Aufsichtsrat von Thyssenkrupp Steel Europe, Detlef Wetzel, der Nachrichtenagentur Reuters. "Wenn das nicht passiert, dann wird das nichts." Hiesinger sei am Ende des Fusionsprozesses auf die Zustimmung des Aufsichtsrats angewiesen. Am Freitag wollen die Stahlarbeiter in Bochum gegen die Pläne demonstrieren.

Hiesinger: Kein Abschied von Stahl

Hiesinger spricht bereits seit anderthalb Jahren mit Tata über eine Fusion. Nachdem die Gespräche unter anderem wegen der lange Zeit ungelösten Frage der 15 Milliarden Euro schweren Pensionslasten von Tata in Grossbritannien zur Hängepartie wurden, soll es nun schneller gehen. Die Verhandlungen wollen Thyssen und Tata bis Anfang nächsten Jahres abschliessen, die gesamte Transaktion soll bis Ende 2018 nach Zustimmung der Kartellbehörden komplett über die Bühne gebracht werden.

Thyssenkrupp hatte nach Angaben des Managements auch andere Optionen geprüft, darunter eine Abspaltung, einen Börsengang oder einen Verkauf des Stahlgeschäfts und sogar eine Aufspaltung des Gesamtkonzerns. "Das Joint Venture mit Tata Steel Europe ist eine Zukunftsperspektive, die nicht nur Wertsteigerung für die Aktionäre verspricht, sondern für unsere Mitarbeiter Klarheit schafft und Zehntausende von Arbeitsplätzen langfristig sichert." Als Abschied vom Stahl will Hiesinger die Entscheidung nicht verstanden wissen. Der Konzern bleibe über das Joint Venture am Stahl beteiligt. "Denn im Stahl liegen unsere Wurzeln."

(Reuters)