Gene - Wettrennen um nächsten Meilenstein in der Gentechnik

In einem Labor in einer Vorstadt von Minneapolis arbeitet ein kleines Unternehmen, das noch nie Gewinne gemacht hat, am nächsten Durchbruch in der Gentechnik.
19.08.2018 04:20
An Sojabohnen und anderen Pflanzen wird die Gentechnik getestet.
An Sojabohnen und anderen Pflanzen wird die Gentechnik getestet.
Bild: pixabay.com

Die Firma Calyxt hat die Gene einer Sojapflanze so verändert, dass aus ihr gesünderes Öl gewonnen werden kann. Zum Einsatz kam dabei ein noch relativ neues Gentechnik-Verfahren - auch als Genschere bekannt: Damit kann das Erbgut gezielt und ohne das Einschleusen artfremder Gene verändert werden. Die neuen Sojabohnen werden bereits in den USA auf Feldern in South Dakota und Minnesota angebaut. Sie könnten die ersten kommerziell verkauften Pflanzen werden, die mit der Technik der Genschere verändert wurden, und Calyxt zum Vorreiter vor weitaus grösseren Wettbewerbern machen.

Mit der Genschere können Pflanzen mit verbesserten Eigenschaften designt werden - von besser schmeckenden Tomaten, Weizen mit niedrigem Glutengehalt bis hin zu Äpfeln, die nicht braun werden. Ein Milliardengeschäft: Nach Einschätzung von Analyst Nick Anderson von der Berenberg Bank könnte sich der 15 Milliarden Dollar schwere weltweite Markt für Biotech-Saatgutmarkt durch diese Fortschritte innerhalb eines Jahrzehnts verdoppeln.

Dabei könnte Europa wieder einmal ins Hintertreffen geraten, denn der Europäische Gerichtshof (EuGH) hatte der Technologie Ende Juli enge Grenzen gesetzt. Nach dem Urteil des EuGH gelten mit dem neuen Verfahren manipulierte Pflanzensorten rechtlich als gentechnisch verändert und müssen folglich als "gentechnisch veränderte Organismen" gekennzeichnet werden. In Europa ist der Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen in zahlreichen Ländern, darunter auch in Deutschland, verboten.

Auch Syngenta mischt mit

Der Verband der chemischen Industrie (VCI) hatte das Urteil als "rückwärtsgewandt und fortschrittsfeindlich" bezeichnet, es koppele die EU von der Entwicklung im Rest der Welt ab. Befürworter der Methode hatten argumentiert, die Ergebnisse liessen sich auch mit konventioneller Züchtung erzielen.

Deutsche Konzerne wie Bayer und BASF, die zu den führenden Unternehmen im Agrargeschäft gehören, wollen nun auf die kommerzielle Anwendung dieser Technik in Europa verzichten und ihre Pläne ausserhalb der EU weiterverfolgen. In den USA wetteifern dagegen bereits Start-ups wie Calyxt gegen Branchenriesen wie DowDuPont und die Schweizer Syngenta. Denn das neue Verfahren gilt nicht nur als kostengünstig und schnell. Das US-Landwirtschaftsministerium hat ausserdem entschieden, diesen Markt nicht zu regulieren.

Neue Technik lockt mit niedrigeren Kosten

Saatgutriesen wie Monsanto und Syngenta haben bislang traditionell den Markt für gentechnisch verändertes Saatgut, der in den 1990er Jahren entstand, dominiert. Sie sehen sich aber zunehmend einem grösseren Feld an Wettbewerbern wie Start-ups und anderen kleineren Konkurrenten ausgesetzt, da die Entwicklungskosten für geneditierte Pflanzen deutlich niedriger sind.

Die Entwicklung und Vermarktung gentechnisch veränderter Pflanzen könne schnell bis zu 150 Millionen Dollar kosten, was sich nur wenige grosse Unternehmen leisten könnten, rechnet der Chef der US-Agrartechnologiefirma Benson Hill, Matt Crisp, vor. Mit der Genom-Editierung könnten diese Kosten um bis zu 90 Prozent sinken. Es gebe daher grosses Interesse, von Pflanzenzüchtern bis hin zu Lebensmittelkonzernen. "Das spricht für die Kraft dieser Technologie und dafür, dass wir uns an einem entscheidenden Zeitpunkt für die Modernisierung des Lebensmittelsystems befinden."

Die Bayer-Tochter Monsanto hat in diesem Jahr bereits 100 Millionen Dollar in das Start-up Pairwise Plants investiert, um die Entwicklung geneditierter Pflanzen zu beschleunigen. Calyxt will das Öl seiner Sojabohnen an Lebensmittelunternehmen verkaufen und hat ein Dutzend anderer geneditierter Pflanzen in der Pipeline, darunter ballaststoffreicher Weizen und Kartoffeln, die länger frisch bleiben. Benson Hill hat sich eigentlich darauf spezialisiert, seine Technologie an andere zu lizenzieren. Wegen der niedrigen Entwicklungskosten hat sich die Firma nun aber entschlossen, eine Maispflanze mit höheren Erträgen selbst zu entwickeln.

Ungewissheiten bleiben

Die Unternehmen hoffen, dass sie den "Frankenfood"-Stempel, den Kritiker gentechnisch veränderten Pflanzen aufdrückten, vermeiden können. Die Akzeptanz durch Regulierer und Verbraucher bleibt aber ungewiss. Trotz des Wohlwollens des US-Landwirtschaftsministeriums plant die US-Gesundheitsbehörde FDA, die Genom-Editierung von Pflanzen und Tieren zu kontrollieren. Die Behörde arbeite an einem "innovativen Ansatz" zur Regulierung der Genom-Editierung, der darauf abziele, die Sicherheit für Mensch und Tier zu gewährleisten und es den Unternehmen ermögliche, nützliche Produkte auf den Markt zu bringen, erklärte FDA-Chef Scott Gottlieb im Juni.

Die Unternehmen forschen derweil mit Hochdruck an ihren neuen Entwicklungen, für sie ist die mangelnde Regulierung ein Wegbereiter. Während von der Entwicklung bis hin zur Kommerzialisierung einer traditionellen gentechnisch veränderten Pflanze in den USA zwölf Jahre vergehen können, liege dieser Zeitraum beim geneditierten Pflanzen nur bei fünf Jahren, sagt Dan Dyer, Chef der Saatgutentwicklung bei Syngenta.

Der Konzern arbeitet an einer besser schmeckenden Tomate, die länger haltbar ist, und hofft, diese Mitte der 2020er Jahre auf den Markt zu bringen. Derweil testet DowDuPont auf einem geheimen Feld im mittleren Westen der USA geneditierten Wachsmais, der höhere Erträge bringen soll. Der kommerzielle Start ist für das nächste Frühjahr geplant.

(Reuters)