Gewagte These - Strafft die SNB ihre Geldpolitik noch vor der EZB?

Ökonomen der Credit Suisse schliessen einen geldpolitischen Alleingang der Schweizerischen Nationalbank nicht länger aus. Allerdings müssten drei Grundvoraussetzungen erfüllt sein.
16.11.2017 08:25
Von Lorenz Burkhalter
Bauumzäunung an der Schweizerischen Nationalbank in Bern Mitte 2016.
Bauumzäunung an der Schweizerischen Nationalbank in Bern Mitte 2016.
Bild: cash

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) wird einen geldpolitischen Kurswechsel durch die Europäische Zentralbank (EZB) abwarten, bevor sie selbst aktiv wird: So jedenfalls lautet die gängige Meinung der Banken und ihrer Ökonomen.

Nicht ohne Grund, droht der zuletzt schwächere Franken bei einem Alleingang der SNB - sprich: eine Abkehr von den Negativzinsen oder eine Bilanzreduktion - wieder stärker zu werden. Die Signalwirkung für die Finanzmärkte wäre aus Schweizer Sicht verheerend, die Jahre energischer Interventionen für die Katze.

Deshalb sehen auch die Ökonomen der Abteilung Investment Solutions & Products der Credit Suisse die EZB den ersten Schritt machen. Allerdings schliessen sie eine geldpolitische Straffung durch die SNB noch vor der EZB nicht länger aus.

Situation beim Franken hat sich entspannt

Hierzu müssten den Experten zufolge drei Grundvoraussetzungen gegeben sein: Der Franken müsste sich noch einmal markant abschwächen und die Wirtschaft auch in Zukunft robust wachsen. Darüber hinaus bräuchte es Hinweise auf eine anziehende Inflation.

Ende Oktober kletterte der Euro vorübergehend auf über 1,17 Franken und damit auf den höchsten Stand seit der überraschenden Aufgabe des Euro-Mindestkurses durch die SNB von Mitte Januar vor zwei Jahren. Aktuell notiert die europäische Einheitswährung bei 1,1675 Franken. Das ist fast 9 Prozent mehr als zu Jahresbeginn.

Der Verlauf des EUR/CHF (rot) sowie des USD/CHF (grün) über die letzten 12 Monate (Quelle: www.cash.ch)

Viele Devisenstrategen rechnen über die kommenden 12 bis 18 Monate mit einem stärkeren Euro und einem erneut schwächeren Franken, womit eine der Grundvoraussetzungen gegeben sein könnte. Bis Mitte 2018 wird der europäischen Einheitswährung einen Anstieg in die Region von 1,20 bis 1,25 Franken zugetraut. Fragen wirft einzig der zuletzt wieder etwas schwächere Dollar auf. Beim Greenback errechnet sich seit Anfang Januar noch immer ein Minus von 3 Prozent.

SNB oder EZB: Wer erhöht die Zinsen zuerst?

Ökonomen der Credit Suisse schliessen einen geldpolitischen Alleingang der Schweizerischen Nationalbank nicht länger aus (zum Artikel). Sind drei Grundvoraussetzungen erfüllt, könnte die SNB die Zinsen vor der EZB erhöhen. Und auch die Genfer Privatbank Pictet rechnet mit einer SNB-Zinserhöhung bereits im 2018 (zum Artikel). Wer erhöht Ihrer Meinung nach zuerst die Zinsen?

Die EZB.
72% (2624 Stimmen)
Die SNB.
28% (1009 Stimmen)
Gesamtstimmen: 3633

Schweizer Wirtschaft gewinnt nur langsam an Fahrt

Anziehende Inflationsraten erwartet in der Schweiz auf absehbare Zeit hingegen kaum jemand. Zuletzt lag die Teuerung gerademal bei annualisierten 0,5 Prozent. Die Credit Suisse selbst geht bis Ende Jahr zwar von einem Anstieg auf 0,8 Prozent aus. Danach sieht sie die Inflationsrate jedoch wieder zurückfallen. Diese Prognosen decken sich mit jenen anderer Banken.

Nicht nur bei der Teuerung, auch beim Wirtschaftswachstum sind die Grundvoraussetzungen für einen Alleingang der SNB alles andere als gegeben. Am Bruttoinlandprodukt (BIP) gemessen, wuchs die Schweizer Wirtschaftsleistung in der ersten Jahreshälfte mit mageren 0,2 Prozent. Über die Entwicklung im dritten Quartal informiert das Seco erst Ende November. Ökonomen erwarten nur eine allmähliche Beschleunigung.

Was den zukünftigen geldpolitischen Kurs der SNB anbetrifft, so verspricht die nächste geldpolitische Lagebeurteilung vom 14. Dezember wichtige Anhaltspunkte. In der Vergangenheit warnten die Währungshüter immer wieder vor Ungleichgewichten im Immobilienmarkt sowie bei Hypotheken. Als direkte Folge der lockeren Geldpolitik könnten es diese Ungleichgewichte sein, welche die SNB zu einem vorzeitigen Kurswechsel zwingt