Gewinnwarnung - «Dieselgate» holt Volkswagen wieder ein

Der Dieselskandal kehrt mit voller Wucht zu Volkswagen zurück: Gut zwei Jahre nach Bekanntwerden der Manipulation von Abgaswerten muss der Wolfsburger Konzern seine Rückstellungen aufstocken.
29.09.2017 15:02
Das Logo von VW. Die Dieselaffäre ist noch nicht ausgestanden.
Das Logo von VW. Die Dieselaffäre ist noch nicht ausgestanden.
Bild: ZVG

Dies, weil in den USA die Nachrüstung und der Rückkauf der betroffenen rund 500.000 Fahrzeuge nicht reibungslos läuft. Im dritten Quartal schlagen deswegen bisher nicht kalkulierte Kosten von rund 2,5 Milliarden Euro zu Buche, die den Betriebsgewinn belasten, wie der Autokonzern am Freitag anlässlich einer Aufsichtsratssitzung in Wolfsburg überraschend mitteilte. Bei dem Treffen befassten sich die Kontrolleure einem Insider zufolge auch mit der am Donnerstag bekannt gewordenen Verhaftung des früheren Porsche-Entwicklungsvorstands Wolfgang Hatz. Mit ihm sitzt erstmals ein ehemaliges Vorstandsmitglied einer Konzerntochter wegen "Dieselsgate" in Untersuchungshaft.

Mit dem größten Umbau der Firmengeschichte und einer großangelegten Elektroauto-Offensive wollten die Wolfsburger den Dieselskandal eigentlich hinter sich lassen. Die Verhaftung von Hatz traf das VW-Management einem Insider zufolge völlig überraschend. Der langjährige Manager, der nach Bekanntwerden des Abgasskandals beurlaubt und das Unternehmen später gegen eine Abfindung verlassen hatte, sei beinahe wieder eingestellt worden. In Wolfsburg befürchte man nun, dass weitere Vernehmungen und Festnahmen bevorstehen könnten.

Hatz sitzt einem anderen Insider zufolge wegen der Ermittlungen der Münchner Staatsanwaltschaft seit Donnerstag in Untersuchungshaft. Welche konkrete Rolle er nach Meinung der Staatsanwaltschaft in dem Abgasbetrug gespielt hat, wurde zunächst nicht bekannt. Die Behörde bestätigte nur, dass in dem Ermittlungsverfahren wegen Betrugs und illegaler Werbung ein zweiter Beschuldigter hinter Gitter gekommen sei. Hatz leitete zeitweise die Motorenentwicklung bei Audi und im VW-Konzern.

Aktien geben nach

Die Börsianer rieben sich vor allem an den zusätzlichen Belastungen in den USA. Anleger wurden auf dem kalten Fuß erwischt und reagierten geschockt: "Da sieht man, dass die Affäre noch lange nicht ausgestanden ist... ", sagte ein Händler. Für andere stellt sich die Frage, ob der Skandal für VW zu einem Fass ohne Boden ist. Arndt Ellinghorst vom Investmentberater Evercore ISI warf dem Konzern mangelnde Transparenz vor: "Das kommt völlig unerwartet, es gab gar keine Anzeichen in der Kommunikation mit dem Kapitalmarkt." Dies werfe die Frage auf, ob der Konzern überhaupt steuerbar sei. "Volkswagen gibt zusätzliche Milliarden in den USA aus, aber wenn es darum geht, Randbereiche zu verkaufen, sich darauf zu verständigen, was in dem Unternehmen freigeschaufelt werden kann, gibt es keine Einigung. Das ist einfach traurig."

Anleger warfen die VW-Aktie nach der Nachricht über weitere Belastungen haufenweise aus ihren Depots. Das Papier des Wolfsburger Konzerns verlor zeitweise mehr als vier Prozent an Wert und war mit Abstand größter Verlierer im Dax. Später dämmte die Aktie ihre Kursverluste ein.

Der Aufwand steigt

Woran es in den USA im Einzelnen hakt, verriet Volkswagen nicht. In der Mitteilung hieß es lediglich, dass die Umsetzung des Rückkauf- und Nachrüstungsprogramms zur Entschädigung der Autobesitzer der betroffenen 2,0-Liter-Fahrzeuge erheblich langwieriger und technisch anspruchsvoller sei als erwartet. "Der technische Aufwand ist größer als gedacht. Wir müssen stärker in die Hardware rein", erläuterte ein Sprecher. Details sollten bei der Veröffentlichung der Quartalszahlen am 27. Oktober genannt werden. Analyst Ellinghorst vermutet, dass wegen der Verzögerung bei der Umrüstung mehr Autobesitzer ihren Wagen zurückgeben als Volkswagen erwartet hat. In Europa laufen die Nachrüstungen den Angaben zufolge dagegen reibungslos, weil hier nur eine neue Software aufgespielt werden muss.

Der Konzern hatte im vergangenen Jahr mit Anwälten und US-Behörden einen Milliarden-Kompromiss ausgehandelt, der die Reparatur und den Rückkauf von betroffenen Fahrzeuge sowie Entschädigungen vorsieht. Einschließlich Strafen und Investitionen in die Elektromobilität, die der Konzern als Teil der Wiedergutmachung in den USA zusagen musste, beliefen sich die Rückstellungen bisher auf 22,6 Milliarden Euro. Davon hatte Volkswagen bis Mitte 2017 rund 15 Milliarden ausgegeben. Mit der neuerlichen Vorsorge klettern die Rückstellungen auf rund 25,1 Milliarden Euro.

Auf die Gewinnprognose für das laufende Jahr ging Volkswagen in seiner knappen Mitteilung nicht ein. Konzernbeobachter gehen daher davon aus, dass sich der Vorstand um Konzernchef Matthias Müller unverändert eine operative Rendite von 6,0 bis 7,0 Prozent vornimmt. Allerdings gibt es auch Zweifel: Die Experten der französischen Bank BNP Paris halten es für möglich, dass Volkswagen seine Dividende für 2017 senken wird. Der VW-Großaktionär Porsche SE geht unterdessen trotz des bei VW belastenden Effekts weiterhin von einem Konzernergebnis zwischen 2,1 und 3,1 Milliarden Euro aus.

(Reuters)