«Gold wird noch einmal höher gehen»

Ein führender Edelmetallhändler nennt Gründe für den zuletzt tieferen Goldpreis und sagt, weshalb er in Kürze mit einer Fortsetzung des Höhenflugs rechnet.
01.06.2016 08:33
Von Lorenz Burkhalter
Goldbarren, fein säuberlich aufgestellt.
Goldbarren, fein säuberlich aufgestellt.
Bild: Pixabay

Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise musste Holland die ABN Amro mit einer Finanzspritze in Milliardenhöhe aus der Bredouille helfen. Schon damals gehörte das traditionsreiche Geldhaus zu den führenden Edelmetallhändlern. Was ABN Amro sagt, hat an den Rohstoffmärkten folglich Gewicht.

Schon im Dezember sagten die für die Grossbank tätigen Strategen einen deutlich höheren Goldpreis vorher. Und sie sollten Recht bekommen: Entgegen der damals gängigen Expertenmeinung sprang der Unzenpreis zwischen Anfang Januar und Ende April in Dollar betrachtet um mehr als 20 Prozent nach oben. Seither ist das Edelmetall allerdings 6 Prozent unter die Jahreshöchststände gefallen, was bei vielen Marktakteuren für grosse Augen sorgte.

Vier Gründe für eine Fortsetzung des Höhenflugs

Bei ABN Amro erklärt man sich diese Formschwäche mit den jüngsten Aussagen von Vertretern der US-Notenbank. Diese deuten auf eine weitere Leitzinserhöhung entweder im Juni, spätestens aber im Juli hin. Gleichzeitig seien in den ersten vier Monaten dieses Jahres an den Terminmärkten spekulative Positionen aufgebaut worden, so die Strategen.

Die Experten lassen sich vom jüngsten Rücksetzer allerdings nicht entmutigen und rechnen beim Edelmetall schon in Kürze mit einer Fortsetzung des Höhenflugs. Ihre unmissverständliche Botschaft: "Gold wird noch einmal höher gehen".

Gute charttechnische Ausgangslage: Die Strategen weisen darauf hin, dass der Unzen-Preis für Gold noch immer über dem bei 1163 Dollar liegenden gleitenden Durchschnitt auf 200 Tage notiert. Solange das Edelmetall nicht unter diese Marke fällt, halten sie den kurzfristigen Aufwärtstrend für intakt.

Weiterer Zinsschritt nicht in Stein gemeisselt: Der amerikanische Anleihenmarkt nehme eine 30-prozentige Wahrscheinlichkeit einer Leitzinserhöhung im Juni und sogar eine 54-prozentige Wahrscheinlichkeit eines Zinsschritts im Juli vorher. Damit sei mindestens eine Erhöhung um 25 Basispunkte bis Ende Jahr eingepreist, so die Experten. Da sich die US-Notenbank bei ihrem Entscheid an den Nachrichten aus der heimischen Wirtschaft orientiert, werden erneute Verzögerungen bei ABN Amro jedoch nicht kategorisch ausgeschlossen. Der Hintergrund: Je tiefer die Zinsen, desto attraktiver sind ausschüttungslose Anlagekategorien wie beispielsweise die Edelmetalle.

Dollarstärke nicht von Dauer: Nachdem der Dollar seit Ende April gegenüber den gängigsten Währungen zwischen 3 und 6 Prozent zulegen konnte, halten die Strategen das Aufwärtspotenzial für ausgereizt. Damit sprechen sie die schon seit Jahren zu beobachtende Wechselwirkung zwischen dem Greenback und dem Goldpreis an. Steigt der Dollar, fällt der Preis für das Edelmetall – und umgekehrt. In Erwartung weiterer Verzögerungen bei der Erhöhung der Leitzinsen und verhaltener Nachrichten aus der Wirtschaft rechnen die Experten eher wieder mit einem rückläufigen Greenback, was gut für die Edelmetallmärkte sein sollte.

Situation an den Terminmärkten hat sich entspannt: Was die ausufernden Spekulationen an den Terminmärkten anbetrifft, geben die Rohstoffstrategen ebenfalls Entwarnung. Im Zuge des Goldpreiszerfalls der letzten vier Wochen sei es bei den spekulativen Positionen zu einer Bereinigung gekommen, so die Experten. Von dieser Seite her erwartet man bei ABN Amro in Zukunft sogar neue Impulse.

Die Strategen sehen den Preis für eine Unze Gold bis Ende Jahr auf 1370 Dollar, bis Ende 2017 sogar auf 1450 Dollar klettern. Vom aktuellen Stand aus entspricht das einem Aufwärtspotenzial von 13 respektive sogar von 19 Prozent. Diese Prognosen liegen deutlich über jenen vieler anderer und im Edelmetallhandel vermutlich weniger versierter Banken.