WEF 2015

«Griechen-Wahl kann zu Konfusion führen»

Im cash.ch-Interview am WEF zeichnet Wirtschaftsnobelpreisträger Christopher Pissarides ein «Worst-Case»-Szenario für Griechenland nach den Wahlen am Sonntag und gibt Entwarnung für eine weitere Euro-Abwertung.
23.01.2015 01:05
Interview: Daniel Hügli, Davos

cash: Herr Pissarides, Griechenland wählt am diesem Wochenende ein neues Parlament. Falls das Linksbündnis, welches die internationalen Sparauflagen nicht mehr erfüllen will, die Wahlen gewinnen sollte, was passiert dann?

Christopher Pissarides: Es wird Konfusion geben. Wir wissen nicht, was passieren wird. Falls das Linksbündnis die Wahlen gewinnen sollte, dann werden deren Exponenten zweifellos alte Kapitel in Griechenland wieder öffnen. Die heissen Steuern, Staatshaushalt, Austerität, Strukturreformen. Wir müssen abwarten.

Der Geduldsfaden in der Eurozone mit Griechenland könnte dann mal reissen...

...ich weiss. Oder auch die Geduld der Griechen mit der Eurozone (lacht).

Die Griechen haben sich wiederholt für das Verbleiben in der Eurozone ausgesprochen.

Ja, aber sie wollen nicht zu viele Eingeständnisse machen. Ich glaube nicht, dass Griechenland die Eurozone verlassen wird. Das schlimmstmögliche Szenario wäre dies: Griechenland erhält nichts mehr. Dann würde die Regierung kollabieren und es käme zu Neuwahlen, bevor es zu einem Austritt aus der Eurozone käme. 

Was sagen Sie zum EZB-Beschluss bezüglich Staatsanleihekäufe? Der Umfang war mehr als erwartet wurde.

Das ist ein guter Beschluss, auch in dieser Höhe. Er war dringend notwendig, denn das Programm wirkt dem Deflationsdruck in Europa entgegen. Ich weiss zwar nicht, wie lange es dauern wird, bis die Inflationsraten steigen. Das Programm sollte die Banken nun auch ermutigen, mehr Kredite zu vergeben, damit mehr investiert wird. Wir brauchen dringend mehr Investitionen in Europa, damit die Realwirtschaft wiederbelebt wird.

Die Wirkung solcher Aufkaufprogramme ist ja umstritten. Wird die EZB eventuell noch nachlegen, falls die Wirkung verpufft oder gar nie eintrat?

Nein. Der Umfang dieses Programmes sollte reichen, um die gewünschten Effekte zu erzielen.

Die Problemländer des Euroraumes sind doch nun wieder in der Komfortzone und haben geringeren Reformdruck?

Diese Länder sollten Reformen durchführen, sie sind absolut notwendig. Und es ist ja nicht so, dass bislang keine Reformen durchgeführt wurden. Sie müssen fortgesetzt werden.

...aber der Druck ist nun doch eben wieder schwächer?

Ein Umfeld von Deflation ist sehr schlecht für Investoren. Falls das EZB-Programm erfolgreich sein sollte, wovon ich ausgehe, wird sich ein günstigeres Umfeld für Investoren einstellen. Und Investitionen sind notwendig, damit Strukturreformen erfolgreich sind. Die EZB-Politik wird also zur Erkenntnis führen, dass Strukturreformen absolut notwendig sind.

Anders gefragt: Haben die Problemländer der Eurozone bezüglich Strukturreformen schon genug getan?

Nein, das haben sie nicht. Sie haben ihren Kurs bloss in die richtige Richtung geändert. Aber sie sind noch lange nicht m Ziel.

Glauben Sie, dass der Euro nun noch viel weiter fallen wird?

Ich glaube nicht, dass der Euro nun zwangläufig weiter fallen wird. Der Euro ist bereits schwach. Und nun gibt es Optimismus, dass die Dinge in Europa zum Laufen kommen und dass es zu mehr Investitionen kommen könnte.

Und was sagen Sie zur Gefahr von Spekulationsblasen bei Aktien oder Immobilien durch solche Programme von Zentralbanken?

Ich sehe solche Gefahr von Blasen überhaupt nicht. Und wir sollten uns doch nicht über steigende Aktienkurse beklagen. Sehen Sie, ich bin geborener Optimist. Das habe ich von meiner Mutter gelernt (schmunzelt).