Gurit-CEO erwartet «besseres 2014»

Im Interview mit cash sagt Gurit-CEO Rudolf Hadorn, wie er den Konzern wieder profitabler machen will. Zudem äussert er sich zur Aktienkursentwicklung von Gurit und zu Fusionsgerüchten mit Konkurrent Schweiter.
12.11.2013 01:00
Interview: Frédéric Papp
Rudolf Hadorn, CEO Gurit: «Das Schlimmste ist nun vorbei.»
Rudolf Hadorn, CEO Gurit: «Das Schlimmste ist nun vorbei.»
Bild: ZVG

cash: Herr Hadorn, am 24. November stimmt das Schweizer Volk über die 1:12-Intitiative ab. Welche Folgen hätte eine Annahme der Initiative für Ihr Unternehmen und für die Schweiz?

Rudolf Hadorn: Was könnte eine sehr erfolgreiche, exportorientierte Schweizer Volkswirtschaft und unmittelbar alle seine Bürger Gutes davon haben? Schweizer Unternehmen und bedeutende, global aus der Schweiz agierende Konzern würden international einseitig mit einem bürokratischen Eingriff, welcher zudem unserer freiheitlichen Wirtschaftsordnung zuwider läuft, in eine starre Lohnklammer gedrückt?
 
Wie beurteilen Sie die Wirtschaftsentwicklung für die Schweiz im 2014 und in den Folgejahren?

Weiterhin positiv, wenn die Basis des wirtschaftlichen Erfolgs nicht durch unausgegorene Rezepte und Isolierung geschwächt wird.

Wie sehen Sie die Wirtschaftsentwicklung in jenen Märkten, in denen Gurit schwerpunktmässig tätig ist?

In Asien gehen wir weiterhin von Wachstum aus, die Lohnstückkosten steigen allerdings. Die USA sind für Gurit bis zur Klärung der weiteren Unterstützung der alternativen Energien kurzfristig positiv, mittelfristig bleibt die Lage aber unklar. Europa hat das bekannte Nord-Süd-Gefälle in der Wachstumsdynamik. Inwieweit die weiterhin ungelöste Schuldendynamik dies- und jenseits des Atlantiks nochmals ein Aufflammen von Krisen verursacht? Ich weiss es nicht und hoffe es nicht.

Die langfristigen Zinsen haben jüngst angezogen, verharren historisch betrachtet aber immer noch auf sehr tiefem Niveau. Inwiefern profitiert Gurit von den tiefen Zinsen?

Aufrund der Geschäftsrisiken im Windgeschäft sind wir eher konservativ finanziert und haben kaum Netto-Schulden. Daher profitieren wir wenig davon.

Für das Gesamtjahr erwartet Gurit einen Nettoumsatz zwischen 280 bis 300 Millionen Franken und eine Ebit-Marge von 3 bis 5 Prozent. Werden Sie diese Finanzziele erreichen?

Wir haben unsere Guidance für das laufende Jahr im Vergleich zum 2012 absolut und relativ zwar deutlich nach unten anpassen müssen, die Finanzziele für das Gesamtjahr 2013 sind dennoch ambitiös. Wir sind diesbezüglich aber auf Kurs.

Die Kursentwicklung der Gurit-Aktie der letzten drei Jahre gleicht einem Trauerspiel.

In der Tat. Die Kursentwicklung in den letzten Jahren hing dominant von der Entwicklung des Windmarktes ab. Verglichen mit den Aktien-Kursentwicklungen der Kunden in diesem für Gurit entscheidenden Segment sind wir aber deutlich besser gewesen.

Normalerweise vergleicht man sich mit Konkurrenten und nicht mit den Kunden.

Leider gibt es kaum Konkurrenten, die überwiegend in den Windmarkt liefern und zugleich börsenkotiert sind. Deshalb benchmarken wir mit Kunden und nicht mit Konkurrenten. Das ist der wesentlich bessere Vergleich.

Geht es nun aufwärts mit dem Aktienkurs?

Davon gehen wir aus. Wir bauen neben dem volatilen und teils schwierigen Windgeschäft seit Jahren intensiv neue Geschäfte auf, primär im Komponentenbereich wie Automotive und Formenbau. Wir haben ein Dutzend neuer  Massnahmen aufgegleist, mit denen wir mittelfristig zusätzlich ein bis zwei starke Standbeine zum Wind, Marine und Transportgeschäft entwickeln wollen. Wir brauchen dies für ein stabiles Wachstum. Mit rund 300 Millionen Franken Umsatz können wir alle nicht zufrieden sein. Der Aufbau bestehender und neuer Anwendungen für unser Material- und Systemangebot braucht allerdings Zeit.

In welchen Bereichen sehen Sie denn Wachstumschancen?

Im Automobilsektor sowie im Industrieanwendungs- und im Luftfahrtbereich. Hier bestehen lukrative Märkte für Hochleistungskunststoffe für grosse, leichte und anforderungsreiche Anwendungen. Wir beliefern seit einigen Jahren immer mehr Luxusautobauer, wie zum Beispiel Aston Martin mit Fertigteilen für anspruchsvolle und komplexe Teile. Dieses Geschäft läuft gut und ist ausbaufähig.

Inwiefern ausbaufähig?

Wir haben ein Entwicklungsprojekt am Laufen, mit dem Ziel, die Teile anstatt manuell auch im hydraulischen Pressverfahren herzustellen und zudem temperaturresistent bis 200 Grad zu machen. Dabei verformen die Teile nicht und büssen nichts an Oberflächengüte ein. Das sind völlig neue Wege. Durch die Automatisierung wird der Output von derzeit rund 2000 Stück pro Jahr auf 10'000 bis 30'000 Stück steigen. Im vierten Quartal bekommen wir die erste Presse. Und 2014 wird unser praktisches Testjahr sein. Neben dem Komponentengeschäft haben wir auch im Materialgeschäft für den Automobilmarkt kürzlich in Stuttgart Klarsichtkarbon-Materialien präsentiert. Unsere Kunden haben sehr positiv reagiert.

Wie sieht es in der Luftfahrtbranche aus?

Hier sind wir bereits gut positioniert, wollen aber dieses Standbein langfristig auch verstärken. Allerdings agiert die Branche bei der Einführung neuer Materialien wegen Sicherheits- und Qualifikationsaspekten sehr vorsichtig. In vier bis fünf Jahren dürften aber deutlich mehr Gurit-Materialien in Flugzeugen Verwendung finden, als dies heute der Fall ist.

Fast die Hälfte des Umsatzes macht Gurit im Windenergiemarkt, wo ihr Unternehmen sowohl die Formen als auch die Materialien zur Herstellung von Rotorblättern liefert. Ein Bereich, in dem Gurit in den letzten Quartalen kaum Geld verdiente.

Historisch hatten wir sehr grosse Umsätze mit einem einzigen Kunden mit vorimprägnierten Glasfasern. Diese sind aufgrund einer Technologieumstellung einerseits und dem Absatzverlust des Kunden andererseits bis auf wenige Millionen reduziert worden. Seit 2007 haben wir ein Grossteil des Umsatzrückgangs mit neuen Geschäften kompensieren können. Hinzu kommt, dass praktisch alle Auguren die weltweite Nachfrage des Windmarktes bis 2015 auf etwa 60 Gigawatt an Neuinstallation pro Jahr schätzten. Die ganze Wertschöpfungskette hat auf dieses Ziel hin Kapazitäten installiert. Momentan sind wir aber erst bei rund 45 Gigawatt pro Jahr an Installationsleistung angelangt. Die nun vorhandenen Überkapazitäten – vor allem in Asien - sind die Ursache des harschen Preiskampfes in der Wind-Material-Branche, der auch uns betrifft.

Rechnen Sie mit weiter sinkenden Preisen?

Der Tiefpunkt sollte nun bald erreicht sein. Die Korrekturbewegungen sind im Gange, und die Industrie wird mittelfristig eine ertragreichere, neue Balance finden, was gut für alle Marktteilnehmer sein wird. Allerdings gibt es verschiedene Faktoren, auf die das Unternehmen keinen Einfluss hat.

Verdient Gurit denn Geld mit dem Windgeschäft?

Wir geben keine Eckwerte für einzelne Bereiche bekannt. Sie können aber davon ausgehen, dass für das Windgeschäft unter dem Strich nicht viel übrig bleibt in Anbetracht dessen, dass unsere Anwendungsbereiche wie Marine, Automotive, Aerospace und Tooling profitabel unterwegs sind. Das Windgeschäft ist kein Verlustbereich, aber die Lage ist angespannt.

Wie ist Ihre Prognose für das kommende Jahr für das Windgeschäft?

Im 3. Quartal dieses Jahres verzeichneten wir im Windgeschäft erstmals seit drei Quartalen wieder eine Zunahme. In den anderen, kleineren Bereichen legten wir sogar stark zu. Wir gehen davon aus, dass das Schlimmste nun vorbei ist. Auch deshalb, weil die USA Subventionen für alternative Energien für bis per Ende 2013 angefangene Anlagen bereitstellen. Dies wird uns ein besseres 2014 bescheren. Unsere Kunden sind recht optimistisch für 2014. Über alle Bereiche hinweg betrachtet erwarten wir ein erfolgreicheres 2014.

Planen sie Ihre Wachstumsstrategie mit Akquisitionen zu beschleunigen?

Wir wollen vor allem organisch wachsen. Aber wenn Akquisitionen unsere Strategie beschleunigen helfen, sind wir sehr offen. Dies gilt vor allem für den Bereich Aerospace. Wir hegen derzeit aber keine konkreten Kaufabsichten.

Im Markt kommen immer wieder Fusionsgerüchte mit Schweiter auf. Können Sie sich eine Fusion vorstellen?

Beide Unternehmen konkurrieren miteinander in den kleineren Teilbereichen der Kernwerkstoffe. Vor fünf Jahren hatte Gurit noch kein volles Sortiment in dem Bereich. Heute hingegen sind beide Unternehmen zum Beispiel im Bereich der Balsahölzer sehr prominent vertreten und eine Bündelung dieser Kapazitäten würde von den Kunden zu Recht nicht goutiert.

 

Rudolf Hadorn (50) ist seit November 2007 CEO von Gurit. Zuvor war er fünf Jahre für Ascom zuerst als Finanzchef und von 2004 bis 2007 als CEO tätig. Hadorn sitzt zudem im Verwaltungsrat von Looser und Spirella.