«Handys sind so leicht zu knacken»

Eugene Kaspersky gehört zu den besten Kennern der kriminellen Hackerszene. Im Gespräch mit cash äussert sich der Russe zur Zunahme der Virenattacken und sagt, wieso Handys besonders gefährdet sind.
27.01.2014 15:45
Von Pascal Meisser, Davos

Fast im Wochentakt ereignen sich grössere Hackerangriffe, bei denen Kriminelle Millionen von Daten ausspionieren und zur betrügerischen Bereicherung ausnützen. So wurde vergangene Woche in Deutschland bekannt, dass Online-Kriminelle gegen 16 Millionen E-Mail-Konten geknackt hatten, ein paar Tage zuvor wurden bei einem Cyberangriff auf das Schengener Informationssystem (SIS) Daten von 26'000 Schweizern geklaut. 

"Die Zahl krimineller Cyber-Attacken nimmt dramatisch zu", sagt Eugene Kaspersky im Gespräch mit cash am Rande des WEF in Davos. "2014 rechnen wir mit täglich 300'000 neuen Cyber-Attacken. Vor zwei Jahren waren es noch 200'000, vor drei Jahren sprachen wir von 70'000 Angriffen pro Tag", so der Chef von Kaspersky Lab, dem weltweit viertgrössten Hersteller von Virenschutzprogrammen. 

Stark zunehmend sind auch die Virenangriffe auf Smartphones. Die Angriffe auf mobile Endgeräte gehören laut Experten zu den meistunterschätztesten Problemen im Bereich der IT-Sicherheit. "Kaum jemand schützt bereits sein Handy gegen Viren. Deshalb sind Handys so leicht zu knacken", sagt Kasperski. Dabei bieten nicht nur Softwarehersteller wie Kaspersky Virenprogramme für Handys an, sondern auch Mobilfunkanbieter wie Swisscom. 

Markt für IT-Sicherheit steigt jährlich zweistellig

Unabhängig davon wächst der Markt für Virenschutzprogramme Jahr für Jahr zweistellig. Das Tempo der Virenprogrammierer fordert aber auch die Anti-Viren-Hersteller. "Auf einfache, mit Baukästen programmierte Schadprogramme finden wir binnen Sekunden eine adäquate Antwort. Anspruchsvollere Attacken kosten manchmal weit mehr Mühe. Das kann Stunden, Tage oder sogar Wochen in Anspruch nehmen", sagte Kaspersky einst gegenüber dem "Spiegel".

Er rechnet damit, dass die Zunahme von kriminellen Vorgängen im Internet weiter zunehmen wird. "Es gibt Anzeichen, dass immer mehr Betrüger aus der realen Welt den virtuellen Raum für ihre Delikte zu Hilfe nehmen", sagt der russische Virenjäger. 

Gestohlene Container - dank Internet

So hatte im letzten Herbst im Hafen von Antwerpen ein Coup für Aufsehen gesorgt. Eine Bande von holländischen Drogenschmugglern hatte sich in die Computer von Reedereien gehackt, von wo aus die Position der einzelnen Schiffscontainer überwacht wird. Dies erlaubte es ihnen, einige Container, die ohne das Wissen der Besitzer mit Kokain gefüllt wurden, bei Ankunft im Hafen aufzuspüren. Anschliessend wurden die Frachtbehälter mit eigenen Lastwagen aus dem Hafen gestohlen, bevor die Empfänger der eigentlichen Fracht sie entgegennehmen konnten. 

Schon damals wies ein Europol-Vertreter darauf hin, dass dies ein deutliches Zeichen sei, wie sich die Schmugglerbanden der Zeit anpassen. "Wir sprechen hier von einem sehr effektiven Vorgehen; die Bande sucht im Internet nach einem Hacker, den sie für diesen Job anstellt", sagte Rob Wainwright gegenüber den Medien. 

Eine andere Internet-Attacke legte im letzten September einen Autobahntunnel in der israelischen Stadt Haifa lahm (zum Artikel der israelischen Zeitung Haaretz).  Hacker waren ins Kontrollsystem des Tunnels eingedrungen und sorgten für eine inmediate Schliessung - aus Sicherheitsgründen. Der Verdacht, dass der Iran hinter diesem Angriff stehen könnte, wurde nicht erhärtet. 

Bei solchen Angriffen auf die Infrastruktur sieht Kaspersky die grösste Gefahr für die Zukunft. "Jüngst hatten wir kaum noch Hinweise, dass solche Attacken geplant werden. Solche Vorkommnisse machen unserer Branche aber die grössten Sorgen", so Kasperksy.