Hängepartie nach Brexit-Votum löst weltweit Sorge aus

Die politische Krise nach dem britischen EU-Austrittsvotum hält die Finanzwelt und die Währungshüter in Atem.
06.07.2016 15:22
Paris möchte London beerben und putzt sich als Bankenstadt heraus.
Paris möchte London beerben und putzt sich als Bankenstadt heraus.
Bild: Pixabay

In den USA sprach das Notenbank-Führungsmitglied William Dudley vom Brexit als einer der "dunkelsten Wolken" am Konjunkturhorizont. Grossbritannien will sich mit niedrigeren Steuersätzen gegen eine Abwanderung von Firmen stemmen und stösst damit in Berlin auf Kritik: Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Schäuble sagte, die anderen EU-Länder wollten sich nicht auf ein Wettrennen um die niedrigsten Steuersätze einlassen. Die politische Krise in Grossbritannien nach dem Referendum lastete am Mittwoch weiter auf den Aktienmärkten von Frankfurt bis Tokio. Das Pfund fiel zwischenzeitlich auf ein 31-Jahres-Tief.

Die Talfahrt der britischen Währung wird nach Einschätzung Schäubles voraussichtlich auch Thema der anstehenden G20-Tagung in China sein. Dort werde auch über geopolitische Risiken durch das Brexit-Votum geredet. In London sind die regierenden Konservativen derzeit dabei, einen Nachfolger für den scheidenden Premier David Cameron zu küren. Innenministerin Theresa May hat dabei derzeit die Nase vorn. May wird eher dem Lager der EU-Befürworter zugerechnet, will das Ergebnis des Referendums jedoch respektieren. Die konservativen Abgeordneten sollen in mehreren Wahlrunden zwei Kandidaten bestimmen, die sich im September der Parteibasis in einer Stichwahl stellen. Cameron hatte nach dem Referendum vom 23. Juni seinen Rücktritt bis spätestens Oktober angekündigt.

"Keine Rosinenpickerei"

Frankreichs Notenbank-Chef Francois Villeroy de Galhau fordert rasch Klarheit über die weiteren Schritte nach dem Brexit-Votum. Je schneller das geschehe, desto besser. Rosinenpickerei bei den Verhandlungen mit der EU über die künftigen Handelsbeziehungen könnten die Briten nicht erwarten. Ein Brexit werde zwar Auswirkungen auf die Wirtschaft in der Euro-Zone haben. Die Folgen würden aber moderater ausfallen als in Grossbritannien. Das Münchner Ifo-Institut rechnet nur mit einem kleinen Dämpfer für die deutsche Wirtschaft: Demnach wird das Wachstum 2016 nur um rund 0,1 Prozentpunkte und 2017 um 0,1 bis 0,2 Punkte geschmälert.

Frankreich will die Gunst der Stunde nutzen, um Paris als Finanzstandort aus dem Schatten von London herauszurücken: Ministerpräsident Manuel Valls kündigte an, Paris zu Europas Top-Adresse machen zu wollen. Dazu sollen beispielsweise Steuervorteile für ausländische Mitarbeiter von fünf auf acht Jahre ausgedehnt werden.

Der britische Wirtschaftsminister Sajid Javid will mit Steuersenkungen für Unternehmen und Bürger einen Konjunktureinbruch auf der Insel verhindern. Zudem soll ein bis zu 100 Milliarden Pfund (rund 117,1 Milliarden Euro) schwerer Wachstumsfonds aufgelegt werden. Cameron sagte vor dem Parlament, das Land müsse nun aus seiner Lage das Beste machen und dabei auch seine Steuerpolitik ändern.

Die von den Briten ausgelösten Turbulenzen in Europa bereiten auch jenseits des Atlantiks Sorge: "Falls es an den Finanzmärkten zu grösseren Ansteckungseffekten kommen und die Stabilität der Europäischen Union infrage gestellt werden sollte, wären das gravierende Konsequenzen", warnte Fed-Währungshüter Dudley, der die Notenbank in New York führt. Fed-Vizechef Stanley Fischer hatte jüngst gesagt, der Verlauf der heimischen Konjunktur sei für die Geldpolitik wichtiger als das Votum der Briten. Dennoch wird an den Märkten die Wahrscheinlichkeit eher gering eingeschätzt, dass die Fed den Leitzins von derzeit 0,25 bis 0,5 Prozent dieses Jahr wie eigentlich geplant anheben wird.

Die Unsicherheit über die Folgen der Brexit-Abstimmung hatte am Dienstag schon die britische Notenbank auf den Plan gerufen. Sie warnte vor gravierenden Folgen für die Finanzstabilität des Landes und lockerte mit sofortiger Wirkung die Kapitalregeln für Banken. Erste Schockwellen des Referendums haben bereits den Immobiliensektor erfasst: Die beiden Investmentgesellschaften der Versicherer Aviva und Standard Life froren jüngst jeweils einen milliardenschweren Immobilienfonds ein, weil die Anleger zu viel Geld auf einmal abziehen wollten und es Sorgen vor einem Liquiditätsengpass gab. An der Londoner Börse gerieten erneut Immobilienwerte unter Druck.

(Reuters)