Heisse Märkte - Ist die Lage gefährlicher als vor der Dotcom-Blase?

Mit dem Boom der US-Aktienmärkte steigen auch die Risiken an den Märkten. Eine US-Beratungsfirma vergleicht die Situation mit der Phase vor dem Dotcom-Crash im Jahr 2000 - und zieht daraus dramatische Schlüsse.
03.03.2017 14:10
Von Marc Forster
Bildet sich am Aktienmarkt wieder eine Blase?
Bildet sich am Aktienmarkt wieder eine Blase?
Bild: Pixabay

Ende der 90er Jahre herrschte Goldgräberstimmung: In den Jahren nach 1995 war das Internet der Weg, auf dem die Glücksritter am Aktienmarkt voranpreschten. Die Dotcoms genannten Neugründungen am Technologiemarkt sorgten für eine fiebrige Kurskurve. Das böse Erwachen kam, als ein massiv hoch bewerteter Markt überhitzte. 2000 platzte die Blase. Abermilliarden an Börsenwert gingen den Bach hinunter.

Auch jetzt befindet sich die US-Börse im Turbodrive. Diese Woche überschritt der Dow Jones Industrial Average erstmals 21‘000 Punkte. Im März 2009, nach den schlimmsten Monaten der Finanzkrise, hatte der New Yorker Index unter 6500 Punkten gelegen. Die Technologiebörse Nasdaq arbeitete sich im selben Zeitraum von 1100 auf gut 5900 Punkte.

Die Kurse sind aktuell nicht so exorbitant bewertet wie zur Zeit des Dotcom-Booms. Die Rally jenseits des Atlantiks ist von Erwartungen an den neuen Präsidenten Donald Trump getrieben, der Deregulierung, Steuersenkungen und Infrastrukturausgaben versprochen, aber dazu noch keine Pläne vorgestellt hat.

Direkte Vergleichszahlen

Die Warnungen vor dem Platzen der Aktienblase sind nicht neu. Befürchtungen machen seit Jahren die Runde. Aber haben sich die Vorzeichen abermals geändert? Der unabhängige Informationsdienstleister für Finanzunternehmen 720 Global hat nun die Wirschaftsdaten der späten 90er Jahre und der vergangenen Jahre verglichen. Dabei ist die wirtschaftliche Gesamtlage einiges fragiler als im vorletzten Jahrzehnt, zumindest, wenn Zahlen direkt verglichen werden.

1995 bis 1999 wuchs die US-Wirtschaft jährlich im Schnitt um 4,1 Prozent. Im Zeitraum 2012 bis 2016  sind es nur 1,9 Prozent. Die Produktivität steigerte sich um 1,8 Prozent, während sie in den heutigen Zeiten nur um 0,5 Prozent vorwärts kommt. Dazu kommt, dass die amerikanische Staatsverschuldung heute 17,47 Billionen Dollar beträgt, was 101,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts entspricht. Ende der 90er Jahre belief sich die Staatsschuld auf 5,36 Billionen Dollar, was gemessen an der Wirtschaftleistung lediglich 60,2 Prozent bedeutete.

Wirtschaftsdaten vor der Dotcom-Blase und heute

  1995-1999 2012-2016
BIP-Wachstum 4,08 Prozent 1,90 Prozent
Produktivitätsrate 1,84 Prozent 0,49 Prozent
Staatsverschuldung 5,36 Billionen Dollar 17,47 Billionen Dollar
Staatsverschuldung (gemessen am BIP) 60,23 Prozent 101,40 Prozent
Schulden (Individuell/Unternehmen) 15,49 Billionen Dollar 41,11 Billionen Dollar
Schulden (individuell/Unternehmen, gemessen am BIP) 156,1 Prozent 220,1 Prozent
Staatsdefizit (gemessen am BIP) -0,33 Prozent -3,29 Prozent
Rendite 10-jährige Obligationen 6,05 Prozent 2,13 Prozent
3-Jahres-Gewinnwachstum S&P 500 7,53 Prozent -3,84 Prozent
5-Jahres-Gewinnwachstum S&P 500 9,50 Prozent 0,49 Prozent
10-Jahres-Gewinnwachstum S&P 500 7,74 Prozent 0,89 Prozent

Quelle: 720 Global/marketwatch.com

Mit anderen Worten: Der heutige Boom mit seinen hochgesteckten Erwartungen findet statt vor dem Hintergrund einer schwächeren Wirtschaft, die deutlich weniger produziert und an dessen Spitze eine Regierung steht, die wegen hoher Schulden weniger Manövriermasse hat als vor 20 Jahren.

Als wäre dies noch nicht genug, ist auch die Lage der Unternehmen im Vergleich schlechter. In der Phase 1995 bis 1999 belief sich das Drei-Jahres-Gewinnwachstum der Gesellschaften im S&P 500 auf 7,5 Prozent. Die Kennzahl für den Zeitraum 2012 bis 2016 ist negativ und beträgt -3,8 Prozent.

Obligationenrenditen tief

Allerdings listet 720 Global auch einen Vergleich auf, der die Gesamtsituation und ihre Korrelation mit dem Aktienmarkt etwas relativiert: In den Jahren des Dotcom-Booms betrug die Rendite der zehnjährigen Regierungsobligationen sage und schreibe 6,05 Prozent. In den vergangenen Jahren rentierten die Treasuries mit 2,13 Prozent. In andern Ländern und Währungsräumen sind die Renditen noch tiefer – die Schweizer Bundesoblis rentieren gar immer wieder negativ.

Dieser Vergleich zeigt, weswegen viele Anleger weltweit immer noch schwergewichtig auf Aktien fixiert sind – hohe Bewertungen hin oder her. Für das Beratungsunternehmen 720 Global ist die Gesamtlage dennoch prekär. Die gesamtwirtschaftliche Lage rechtfertigten weder die Risiken noch die hohen Prämien, die man heute im Aktienhandel antreffe.