Hoffnung auf «sanften Brexit» hilft Pfund

Die schwindende Furcht vor harten Scheidungsverhandlungen zwischen Großbritannien und der EU hat dem Pfund Sterling am Mittwoch Auftrieb gegeben.
12.10.2016 14:36
Portemonnaie mit englischen Pfund.
Portemonnaie mit englischen Pfund.
Bild: ZVG

Auch der US-Dollar war gefragt, der von der Aussicht auf eine nahende Zinserhöhung der Notenbank Fed profitierte. Bei Aktienanlegern schlug die mögliche Straffung der Geldpolitik und durchwachsene Firmenbilanzen dagegen auf die Stimmung. Dax und EuroStoxx50 verloren jeweils etwa 0,4 Prozent auf 10.530 und 3011 Punkte.

Das britische Pfund verteuerte sich um bis zu 1,7 Prozent auf 1,2325 Dollar und steuerte damit auf den zweitgrössten Tagesgewinn seit dem Brexit-Referendum Ende Juni zu. "Die Entscheidung der Premierministerin Theresa May, vor dem offiziellen Antrag zum Austritt Grossbritanniens aus der EU eine Parlamentsdebatte zuzulassen, dämpfe offenbar die Furcht vor einem 'harten Brexit' ", sagte Analyst Neil Wilson vom Brokerhaus ETX Capital. Diese Spekulationen hatten dem Pfund am Freitag einen kurzzeitigen, zehnprozentigen Kurseinbruch eingebrockt.

Zahlreiche britische Abgeordnete favorisieren offenbar einen "sanften Brexit", bei dem das Vereinigte Königreich durch Kompromisse weiterhin Zugang zum EU-Binnenmarkt erhält. Einige wollen die Entscheidung des Referendums auch umkehren. Eine Abstimmung über den Austrittsantrag schloss eine Sprecherin Mays aber aus. Da sich die Premierministerin bei den Brexit-Verhandlungen das Heft kaum aus der Hand nehmen lassen werde, müsse abhängig vom Verlauf der Scheidungsverhandlungen mit weitere Kursausschlägen beim Pfund gerechnet werden, betonte ETX-Experte Wilson. Die aktuelle Erholung sei nur ein Zwischenhoch auf dem Weg des Pfund-Kurses in Richtung 1,20 Dollar. Die britische Regierung pocht auf stärkere Einwanderungskontrollen. Für die EU ist die Freizügigkeit aber Vorbedingung für den Zugang zum europäischen Binnenmarkt.

US-Zinserhöhung

Gleichzeitig warteten Investoren gespannt auf die Veröffentlichung der Protokolle der jüngsten Fed-Sitzung. Von den Mitschriften erhofften sie sich grössere Klarheit über Zeitpunkt und Tempo der geplanten US-Zinserhöhungen. "Da der Markt eine Zinserhöhung im Dezember noch nicht vollständig eingepreist hat, sollte der Dollar bis zum Jahresende noch Aufwärtspotenzial haben", schrieben die Analysten der Rabobank in einem Kommentar. Der Dollar-Index, der den Kurs zu wichtigen Währungen wie Euro oder Yen widerspiegelt, kletterte wenige Stunden vor Veröffentlichung der Fed-Protokolle auf ein Sieben-Monats-Hoch von 97,83 Punkten. Der Euro verbilligte sich im Gegenzug um etwa einen Drittel US-Cent auf 1,1017 Dollar.

Da die Aktienrally der vergangenen Jahre vor allem den Geldspritzen der grossen Notenbanken zu verdanken sei, mache die Aussicht auf steigende US-Zinsen den Dax & Co. zu schaffen, sagte Jochen Stanzl, Analyst des Online-Brokers CMC Markets. Da zudem die enttäuschenden Geschäftszahlen des US-Aluminiumkonzerns Alcoa ein schlechtes Omen für die anlaufende Bilanzsaison seien, fehlten die Argumente für weitere Aktienkäufe. Alcoa-Papiere bauten ihr gut elfprozentiges Vortagesminus im vorbörslichen US-Geschäft am Mittwoch um 0,5 Prozent aus.

BASF nach Zahlen gefragt

Am Aktienmarkt stand BASF im Rampenlicht. Der Gewinn des Ludwigshafener Konzerns ging im dritten Quartal weniger stark zurück als befürchtet. "Die Königin der Chemie ist zurück auf Kurs", urteilte Analyst Christian Faitz vom Vermögensberater Kepler Cheuvreux. BASF-Aktien stiegen um bis zu 2,1 Prozent und waren mit 79,99 Euro so teuer wie zuletzt vor gut einem Jahr.

In Stockholm brachen Ericsson dagegen um bis zu 18,4 Prozent ein. Das ist der grösste Kurssturz seit neun Jahren. Mit 50,50 Kronen waren die Papiere zudem so billig wie zuletzt im Herbst 2008. Der Gewinn des Mobilfunk-Ausrüsters brach im abgelaufenen Quartal um mehr als 90 Prozent ein. Da es dem Unternehmen an Produktneuheiten mangele, sei ein Ende der Talfahrt vorerst nicht in Sicht, betonte Finanzmarkt-Experte Jonathan Roy vom Vermögensverwalter Charles Hanover.

(Reuters)