Hüfner: «Negativzinsen sind kein Hilfsmittel»

Die Börsen haben sich etwas beruhigt, aber immer noch geht die Angst vor einer globalen Rezession um. Wie steht es um die Weltwirtschaft, welche Rolle spielen die Notenbanken? Dazu Ökonom und Börsenexperte Martin Hüfner.
09.03.2016 00:05
Interview: Ivo Ruch
Martin Hüfner ist Chefökonom von Assenagon und Autor verschiedener Finanzbücher.
Martin Hüfner ist Chefökonom von Assenagon und Autor verschiedener Finanzbücher.
Bild: ZVG

cash: Herr Hüfner, die Märkte erwarten, dass die Europäische Zentralbank am Donnerstag ihre Geldpolitik lockert. Was erwarten Sie?

Martin Hüfner: Wahrscheinlich wird die EZB den Einlagesatz von minus 0,3 auf minus 0,4 Prozent heruntersetzen. Sehr wahrscheinlich ist auch eine Erweiterung des QE-Programms. Ich rechne mit einer Erhöhung der monatlichen Käufe von 60 auf 70 Milliarden Euro. Auch im Gespräch ist eine Verlängerung des Programms um sechs Monate über den März 2017 hinaus und eine Erweiterung der zu kaufenden Wertpapiere. An sogenannt revolutionäre Massnahmen wie die Käufe von Bankanleihen glaube ich hingegen nicht. Ich vermute generell, dass der Markt momentan mehr erwartet als die EZB liefern wird.

Muss die EZB in ihren Augen überhaupt etwas tun?

Nein, überhaupt nicht. Aber nun hat sie sich in die Zwangslage gebracht, dass sie etwas tun muss, weil sie die Erwartungen geweckt hat. Nach objektiven Gegebenheiten sieht die Situation im Euro-Land nicht so negativ aus. Wir bekommen keine Rezession, der Rückgang der Inflation ist temporär.

In einer Woche fällt die Schweizerische Nationalbank ihren Zinsentscheid. Wird die SNB reagieren?

Nein, das glaube ich nicht. Die SNB muss nicht befürchten, dass der Schweizer Franken durch den EZB-Entscheid unter Druck kommen wird. Der Franken hat sich in der Region zwischen 1,09 und 1,10 etabliert und das wird nach der EZB-Sitzung so bleiben.

Sie sind nicht so pessimistisch, was die Euro-Zone betrifft. Wie schätzen Sie die Lage in China ein? Die Exporte sind ja regelrecht eingebrochen.

Mich haben die jüngsten Zahlen nicht so überrascht, auch wenn 25 Prozent weniger Ausfuhren natürlich gewaltig sind. Das Problem ist, wir wissen nicht, was wir von Zahlen aus China halten sollen. Ist es Ausdruck einer konjunkturellen Schwäche oder ist es eher der Reflex eines Strukturwandels hin zu mehr Dienstleistungen. Das könnte auch der Grund dafür sein, dass die Märkte nicht sehr negativ auf die Import- und Exportzahlen reagierten.

In welchem Zustand befindet sich denn Chinas Wirtschaft?

Neben der mangelnden Transparenz beschäftigt mich das mangelnde Vertrauen in China am meisten. Wir sehen das an der Kapitalflucht aus China heraus. Wenn ein Land Kapitalflucht erlebt, heisst das, dass die Inländer dem Frieden im Land nicht trauen. Das muss die Märkte alarmieren. Andererseits sind die Währungsreserven jüngst nicht mehr so stark zurückgegangen. Das ist ein gutes Zeichen. Insgesamt hat sich die Situation in den Schwellenländern etwas beruhigt. Ist das bereits das Ende der grossen Probleme in der Region? Ich weiss es nicht. Aber momentan freuen wir uns über jede gute Nachricht.

Aus globaler Sicht lastet derzeit viel Hoffnung auf der chinesischen Regierung. Kann sie diese Hoffnungen erfüllen?

Wir hoffen es, aber es wird nicht leicht sein. Das, was die Chinesen derzeit mit monetären Lockerungen unternehmen, ist Kosmetik. Es ist ein Zeichen, dass China seine Probleme als weniger gravierend einschätzt als der Rest der Welt.

Auch über die wirtschaftliche Zukunft der USA wird gerätselt. Wie schätzen Sie die Lage ein?

Der Markt ist zu pessimistisch. Nach dem schlechten vierten Quartal hat sich die Lage etwas verbessert. Der Start ins neue Jahr scheint stärker als erwartet.

Das würde der amerikanischen Notenbank die Möglichkeit für weitere Zinserhöhungen geben. Rechnen Sie damit?

Ja, ich bin optimistischer als viele am Markt. Ich erwarte zwei weitere Zinserhöhungen in diesem Jahr. Die Fed merkt, wie schwierig die Lage mit den negativen Zinsen für andere Notenbanken ist. Negativzinsen sind kein wirkliches Hilfsmittel um die Märkte zu stabilisieren und ihnen zusätzliche Impulse zu geben. Dafür sind die Nebenwirkungen für die Banken, aber auch für die Investitionsneigung und die Altersvorsorge zu gross. Die Fed ist gut beraten, wenn sie sich wieder etwas Munition beschafft, um in normalere Verhältnisse zu kommen. Auch im Rest der Welt müsste man sich langsam überlegen, ob die Geldpolitik nicht an ihre Grenzen gekommen ist.

Also keine globale Rezession in Sicht?

Wir geraten nicht in eine Rezession. Es sieht sogar danach aus, dass sich das Wachstum in der Weltwirtschaft im zweiten Halbjahr etwas stabilisiert. Dafür müssten sich die Notenbanken rechtzeitig positionieren.

Würde durch ein zu schnelles Anheben der Zinsen nicht das magere Wachstum abgewürgt?

Nein, mit 25 Basispunkten Zinserhöhung würgt man kein Wachstum ab. Die Notenbanken sind hinter der Kurve. Sie haben den besten Zeitpunkt verpasst, um die Zinsen zu erhöhen. Sie sollten jetzt nicht warten, sie sollten vorneweg gehen. Wenn sie hinstehen und sagen, wir wollen die Wirtschaft gesunden, aber nicht kaputtmachen mit immer neuen Instrumenten, dann würgen sie nichts ab. Aber sie müssen das dem Markt glaubhaft machen.

Vor einigen Monaten sagten sie, die Märkte seien ungesund, es müsste eine Korrektur kommen. Nun haben wir diese erlebt. Sind die Märkte nun geheilt?

Geheilt wäre übertrieben. Aber die Korrektur, die wir hatten, war fundamental gerechtfertigt. Und es kann auch noch etwas mehr kommen.

Was trauen Sie dem S&P 500 in diesem Jahr noch zu?

Es macht wenig Sinn, angesichts der Unsicherheit allerorten diesbezüglich eine konkrete Prognose zu machen. Insgesamt gehe ich davon aus, dass das zweite Halbjahr besser sein wird als das erste.

Wie sollten sich Anleger derzeit verhalten?

Ich bin immer noch ein Fan von Aktien, aber man sollte sich breit diversifizieren. Schweizer Aktien sind ein interessantes Investment. Nicht nur die grossen Namen wie Roche, Nestlé und Novartis. Auch die vielen sehr guten mittelständischen Unternehmen in der Schweiz. Sie werden von ausländischen Investoren oft etwas vernachlässigt. Auch im Dollar-Bereich ist man gut aufgehoben. Auf eine Erholung des Euro würde ich derzeit aber nicht setzen.

Dr. Martin W. Hüfner (*1942) ist seit 2009 Chefökonom von Assenagon Asset Management. Zuvor war er unter anderem bei der Aquila-Gruppe, der Bayerischen Hypo- und Vereinsbank und der Deutschen Bank tätig. Zudem leitete er fünf Jahre den renommierten Wirtschafts- und Währungsausschuss der Chefökonomen der Europäischen Bankenvereinigung in Brüssel. Der Deutsche ist Autor mehrerer Bücher, unter anderem "Europa – Die Macht von Morgen" (2006), "Comeback für Deutschland" (2007), "Achtung: Geld in Gefahr" (2008), "Rettet den Euro!" (2011) und "40 Geld-Fallen, die Sie besser vermeiden – Warum alles falsch ist, was wir über Wirtschaft wissen" (2014).