Im Börsen-Wirrwar den Ratschlägen trotzen?

Volatile Börsen stellen Analysten-Tipps in Frage. Ist es Zeit, entgegen den Experten-Ratings zu handeln und zu kaufen, wenn alle verkaufen sollen - und umgekehrt? cash checkt SMI-Titel auf «Contrarian»-Möglichkeiten ab.
22.03.2016 23:00
Von Marc Forster
Ausgerechnet die ABB-Aktie gehört zu den besten SMI-Titeln seit Anfang Jahr.
Ausgerechnet die ABB-Aktie gehört zu den besten SMI-Titeln seit Anfang Jahr.
Bild: ZVG

Der Glaube an die Börsen und die Empfehlungen von Experten ist erschüttert, wie ein Leser-Kommentar bei cash deutlich macht. "happyreader" kapituliert nach eigenen Worten und schreibt: "Alles was noch vor wenigen Monaten noch als sicher und gute Werte angepriesen wurde, verliert täglich an Wert - und zwar massiv."

Die Tageszeitung "Welt" aus Berlin empfiehlt in einem kürzlich erscheinen Beitrag, Kursprognosen zu missachten. Hochgejubelte Aktien würden überhaupt nicht performen, dafür könne man mit den "hässlichen Entlein", also von Analysten verschmähten Titeln, durchaus gut fahren, steht dort zu lesen. Negativ erwähnt werden im deutschen Markt gelistete Biotech- und Fintech-Firmen, als völlig unterschätzt erwiesen sich Maschinenbauer und Industriewerte. Im cash-Interview sagt auch Morningstar-Anlagechef Dan Kemp, man solle lieber in unbeliebte Märkte gehen.

Die Realität ändert sich schnell, und Prognosen zu erstellen braucht etwas Zeit. Die Weltgeschichte wie die Entwicklung der Aktienmärkte liefern indessen genug Beispiele, dass Herdentrieb nicht immer in die gewünschte Richtung führt. Fundamentaldaten über Firmen und Volkswirtschaften bieten in Prognosen zwar Leitplanken, aber letztlich spielt auch das Gefühl eine Rolle. Profis handeln gerne mal gegen den Trend und folgen damit dem "Contrarian"-Ansatz. In Zeiten grosser Kursschwankungen und Unsicherheiten werden sie oft noch mutiger.

Geschmähte Aktie steigt als eine der wenigen

Und wie sieht es bei den Schweizer Blue-Chips aus? Lohnt es sich bei den SMI-Titeln, den Herdentrieb zu missachten? Je nach Aktie könnten die antizyklischen Anleger recht haben, beispielsweise ABB. Die Aktie des Industriekonzerns empfehlen 7 von 16 Analysten zum Verkauf. 5 Analysten halten sie auf Hold, wobei eine Hold- bzw. Marktgewichten-Einstufung oft als versteckte Verkaufsempfehlung interpretiert wird. Nur von vier Analsten wird sie zum Kauf empfohlen. Das ist der schlechteste Analysten-Rating-Mix aller SMI-Aktien (siehe Tabelle unten).

Und wie ist die Kursentwicklung von ABB? Der Titel ist nach Geberit die am zweitbesten performende Aktie im SMI seit Anfang Jahr und mit einem Plus von 4 Prozent - eine von nur fünf SMI-Aktien, die überhaupt seit Jahresbeginn zuzulegen vermochten. ABB scheint sein Kostenproblem besser in den Griff zu bekommen und wird operativ als solide eingestuft. Ausserdem erhöhte der Konzern die Dividende. Die Contrarian-Anleger liegen bei ABB richtig.

Zum "hässlichen Entlein" geworden ist die Zurich Insurance Group. Schon vor dem Börsenabschwung zum Jahreswechsel ist die Aktie unter die Räder geraten, nachdem eine Grossakquisition in Grossbritannien scheiterte, im Schadengeschäft Fehler sichtbar wurden und der CEO ohne unmittelbaren Ersatz ging.

Inzwischen empfehlen mehr Analysten den Verkauf oder die Reduktion des Zurich-Aktienbestands als es Kauf-Befürworter gibt. Unter neuer Führung - der erfahrene Mario Greco hat soeben das Ruder übernommen - sollte der Konzern aber stabilisiert werden. Bei Zurich dürften so viele schlechte News eingepreist sein, dass die Negativ-Prognosen langsam hinterfragt werden dürfen.

Hochgejubelte Luxus-Aktie

Kaufempfehlungen hagelt es auf der anderen Seite für die Pharma-Grössen Novartis und Roche (17mal Kaufen, 1 mal Hold), was trotz aktueller Schwierigkeiten für Langfrist-Anleger auch richtig ist. Dennoch mussten die beiden Aktien in den letzten Monaten deutlich Federn lassen.

Dass aber Richemont 18 Mal zum Kauf oder Übergewichten empfohlen ist, und nur eine zurückhaltendere Hold-Empfehlung erfährt, sollte zumindest kritisch gesehen werden. Der Genfer Luxusgüter-Konzern ist mit einem 50-Prozent-Umsatzanteil im Schmuckgeschäft im Zuge fallender Uhrenexporte Richemont setzen wollen, von einer Erholung der chinesischen Wirtschaft überzeugt sein. Seit Anfang Jahr ist die angepriesene Aktie um 11,5 Prozent gefallen, etwa so stark wie der SMI.

Sind Bankenaktien gerechtfertigt?

Bei der Credit Suisse sind die Kauf-Empfehlungen in letzter Zeit zurückgegangen. Von insgesamt 17 Analysten bewerben aber noch fünf die Aktie der zweiten Schweizer Grossbank. Allerdings ist nicht absehbar, dass die im Sanierungsprozess befindliche Bank bis Ende Jahr besser perfomen sollte: Die Probleme sind zu gross, wie zum Beispiel die Ergebnispräsentation 2015 gezeigt hat.

Bei der UBS empfiehlt fast die Hälfte der Analysten die Aktie: Die UBS allerdings, die in ihrem Schwerpunktgeschäft Vermögensverwaltung ähnlichen Problemen ausgesetzt ist wie die CS, bietet derzeit ebenfalls wenig Aussicht auf eine Kurserholung.

Eine gewisse Vorsicht ist auch geboten bei Actelion. Die Aktie, die jahrelang zu den am stärksten steigenden gehört hat, wird mehrheitlich zum Kauf empfohlen. Actelion ist aber seit Jahresbeginn unterdurchschnittlich gesunken (-4,5 Prozent) und ist mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 25,4 in einer Phase, wo viele Bewertungen gesunken sind, immer noch relativ stolz bewertet. Die Luft nach oben dürfte bei Actelion in einer volatilen Börsenlage begrenzt sein.

Analysten-Ratings für das Gesamtjahr 2016 für die SMI-Titel

Aktie

Buy, Outperf., Overweight

Hold, Neutral,   Equal Weight

Sell, Reduce, Underweight

ABB 4 5 7
Actelion 6 4 -
Adecco 6 6 1
Credit Suisse 5 10 2
Geberit 4 4 -
Givaudan 7 4 -
Julius Bär 5 10 1
LafargeHolcim 5 4 1
Nestlé 8 11 4
Novartis 11 8 1
Richemont 18 1 -
Roche 17 1 -
SGS 2 9 3
Swiss Life 4 3 1
Swiss Re 5 10 2
Swisscom 2 3 5
Syngenta 5 6 -
Swatch 6 9 2
UBS 9 11 1
Zurich 4 9 6

(Quellen: cash.ch, AWP)