Industriekonzern - Grosse Führungskrise bei Thyssenkrupp

Der schwelende Streit mit unzufriedenen Grossaktionären sorgt weiter für viel Unruhe bei Thyssenkrupp . Mit dem Abgang des Aufsichtsratsvorsitzenden Ulrich Lehner ist die Führungskrise beim Industriekonzern perfekt.
17.07.2018 07:28
Grösster Standort von ThyssenKrupp Aufzüge AG in der Schweiz liegt in Rümlang (ZH).
Grösster Standort von ThyssenKrupp Aufzüge AG in der Schweiz liegt in Rümlang (ZH).
Bild: iNg

Zuvor hatte bereits Vorstandschef Heinrich Hiesinger unter den Druck der Finanzinvestoren Cevian und Elliott hingeworfen. Übergangsweise leitet inzwischen Finanzvorstand Guido Kerkhoff das Unternehmen.

Thyssenkrupp steht nach Einschätzung von Aktionärsvertretern am Scheideweg. "Die neue Spitze im Aufsichtsrat muss die Richtung vorgeben. Man muss sich zügig über die Strategie einigen", sagte der Geschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Thomas Hechtfischer, der Deutschen Presse-Agentur. Der Rückzug von Aufsichtsratschef Lehner lasse vermuten, dass es einen tiefen Richtungsstreit gibt. Bleibe Thyssenkrupp ein Industriekonzern mit unterschiedlichen Geschäftsfelder oder wolle man sich von Einzelteilen trennen?

Die Abgänge von Hiesinger und Lehner werfen nach Hechtfischers Einschätzung kein gutes Licht auf die Situation im Aufsichtsrat: "Das sieht nach Hauen und Stechen aus". Lehner habe sich gegen eine Zerschlagung ausgesprochen. "Jetzt ist die Frage, stand er mit dieser Position allein da und ist deshalb zurückgetreten?" Die Krupp-Stiftung sei jetzt als grösster Einzelaktionär mehr denn je am Zug. Sie müsse das Heft des Handels in die Hand nehmen und mitbestimmen, wer künftig Thyssenkrupp steuere. Die Spitze des Aufsichtsrates müsse zügig neu besetzt werden, um einen "Schwebezustand" zu verhindern.

Hiesinger hatte zu seinem Rücktritt erklärt, er "gehe diesen Schritt bewusst, um eine grundsätzliche Diskussion im Aufsichtsrat über die Zukunft von Thyssenkrupp zu ermöglichen". Lehner nannte nun das mangelnde Vertrauen der grossen Aktionäre als Grund für sein Ausscheiden. Ein gemeinsames Verständnis im Aufsichtsrat über die strategische Ausrichtung sei nicht mehr gegeben gewesen. Druck hatte vor allem der schwedische Finanzinvestor Cevian aufgebaut, dem die Umbaubemühungen nicht weit genug gingen.

Seine Entscheidung solle dazu beitragen, "das notwendige Bewusstsein bei allen Beteiligten zu schaffen, dass eine Zerschlagung des Unternehmens und der damit verbundene Verlust von vielen Arbeitsplätzen keine Option darstellt - weder im Sinne des Stifters noch im Sinne unseres Landes", erklärte Lehner weiter.

Die Anleger an der Börse blieben zunächst gelassen. Die Aktien des Konzerns zeigten sich am Montagabend im nachbörslichen Handel kaum bewegt. Mit dem Rücktritt von Hiesinger sei die Lage auch für Lehner "problematisch" geworden, sagte ein Händler. So habe er nicht verhindern können, dass die Krupp-Stiftung Hiesinger zuletzt keine Rückendeckung mehr im Streit mit den aktivistischen Aktionären gegeben habe. Diese könnten mit Lehners Abgang ihre Forderungen nun möglicherweise noch besser durchsetzen.

(AWP)