Insolvenzverwaltung - Ausverkauf bei Wirecard geht los - US-Tochter sucht Interessenten

Der wegen eines Bilanzskandals ums Überleben ringende deutsche Zahlungsabwickler Wirecard dürfte schon bald seine US-Tochter verlieren.
30.06.2020 12:49
Sitz der Wirecard AG in Aschheim Dornach (DE).
Sitz der Wirecard AG in Aschheim Dornach (DE).
Bild: imago images / Sven Simon

Bei dem zusammengebrochenen Zahlungsabwickler Wirecard haben die Aufräumarbeiten begonnen. In den USA stellte sich eine Konzerntochter selbst zum Verkauf, die britische Aufsicht FCA erlaubte der dortigen Wirecard-Gesellschaft wieder den Betrieb und Konkurrenten bringen sich in Stellung für die Übernahme von Kunden oder ganzen Sparten. Auf Wirecard und seinen Bilanzprüfer EY rollt unterdessen eine riesige Prozesswelle zu.

Die US-Tochter Wirecard North America erklärte in der Nacht zum Dienstag, sie habe eine Investmentbank mandatiert, um einen neuen Eigentümer zu finden. Wirecard North America sei eine separate rechtliche und geschäftliche Einheit, trage sich selbst und sei "im Wesentlichen unabhängig" von der Pleite gegangenen Mutterfirma in Aschheim bei München. Wirecard hatte die US-Gesellschaft 2016 übernommen. Sie war früher unter dem Namen Citi Prepaid Card Services bekannt.

Wirecard hatte am Donnerstag Insolvenz angemeldet, nachdem ein Loch von 1,9 Milliarden Euro in der Bilanz bekannt wurde. Die Insolvenz gilt bislang nur für die Dachgesellschaft Wirecard AG, bei der nach Angaben des Unternehmens 249 Mitarbeiter der insgesamt knapp 6200 Mitarbeiter beschäftigt sind. Der Konzern hat unzählige Tochterfirmen im In- und Ausland, für die ebenfalls Insolvenzanträge geprüft werden. Die Wirecard Bank etwa ist nicht insolvent. Die Finanzaufsichtsbehörde Bafin hat bei ihr jedoch einen Sonderbeauftragten eingesetzt, der die Zahlungsströme überwacht und sie zum Teil auch unterbunden hat.

Dass sich die US-Tochter selbst ins Schaufenster stellt, könnte nun ein Auftakt sein für einen Ausverkauf. Auch an deutschen Töchtern gibt es bereits Interesse - zumindest an Kunden und Mitarbeitern. Das Berliner Startup Solarisbank, das gerade erst bei einer neuen Finanzierungsrunde 60 Millionen Euro eingesammelt hat, hob den Finger. "Wir verstehen das Geschäft wahrscheinlich besser als jeder andere im Markt", sagte Solarisbank-Chef Roland Folz zu Reuters. "Gern sprechen wir mit einigen der Kunden und vielleicht auch Angestellten und schauen, wie wir ihnen mit unserer Plattform helfen können." Vergangene Woche hatte schon der Wirecard-Rivale Heidelpay Interesse an Kunden und Mitarbeitern des insolventen Dax-Konzerns geäussert.

Britische Wirecard-Kunden kommen wieder an ihr Geld

In Grossbritannien können Kunden von Wirecad wieder auf ihr Geld zugreifen, weil die Aufsichtsbehörde die Beschränkungen aufhob. Man habe sich vergewissert, dass das Unternehmen gewisse Bedingungen erfüllen könne, teilte die FCA am späten Montagabend mit. Die Behörde hatte der Gesellschaft in Folge der Insolvenz der Mutter den Geschäftsbetrieb untersagt und Kunden war der Zugang zu ihren Geldern versperrt.

Dagegen laufen die Prüfungen bei der Tochter in Singapur nach wie vor auf Hochtouren. Die dortige Zentralbank erklärte, sie überwache die Geschäfte genau. Sollte Wirecard den Betrieb einstellen, seien Kreditkartenzahlungen bei Händlern sowie Prepaid-Karten, die von Wirecard ausgegeben wurden, betroffen. Die Einheiten des Konzerns hätten jedoch sichergestellt, dass Kundengelder auf getrennten Konten bei Banken in Singapur seien.

Vorwürfe gegen Wirtschaftsprüfer

Die Anwaltskanzlei Tilp weitert ihre Schadensersatzklage gegen Wirecard auf den Wirtschaftsprüfer EY, Ex-Wirecard-Chef Markus Braun, den ehemaligen Vorstand Jan Marsalek sowie den noch amtierenden Finanzchef Alexander von Knoop aus. "Vom zumindest bedingt vorsätzlichen Verhalten der neuen Beklagten sind wir überzeugt", erklärte Rechtsanwalt Andreas Tilp. EY hat den Ball bei Wirecard zwar ins Rollen gebracht, weil sie bei der Durchsicht von Dokumenten für den Jahresabschluss 2019 auf Unregelmässigkeiten gestossen waren. Den Wirtschaftsprüfern wird aber vorgeworfen, nicht schon früher Alarm geschlagen zu haben - sie prüfen die Wirecard-Bilanzen seit vielen Jahren.

Auch Rechtsanwalt Klaus Nieding von der Kanzlei Nieding + Barth brachte sich in Stellung. "Wir bereiten derzeit im Auftrag von 41 institutionellen Investoren und mehr als 1100 Privatanlegern Klagen gegen Wirecard, EY und die Bundesrepublik Deutschland vor", sagte er zu Reuters. Man habe einen Experten beauftragt, der das Volumen des entstandenen Schadens durch die Kursverluste feststellen solle.

(AWP/Reuters)