«Internet of Things wird vielleicht so gross wie Pharmaindustrie»

Ungeachtet einer unsteten Börse sollen Anlager auf Megatrends setzen. Anlagechef Sandro Merino von der Basler Kantonalbank sagt, warum Digitalisierung, Klimawandel und Automation Gründe zum Diversifizieren sind.
14.10.2016 01:01
Von Marc Forster
Sandro Merino, Chief Investment Officer der Basler Kantonalbank.
Bild: cash

Die Zinsen bleiben tief, die Geldpolitik ruft Fragezeichen hervor, und dazu erlebt die Welt einen sehr grellen amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf. Die Basler Kantonalbank (BKB) hat schon im August und auch im September Risiken reduziert: "Viele unwägbare Entwicklungen stehen vor uns", sagt Sandro Merino, der für das Institut als Anlagechef tätig ist, im cash-Börsen-Talk.

Merino, der privat auch Tourenrennen fährt, vergleicht die Börsenlage mit einem Regenrennen. Im Rennsport bleibe man solange auf dem Gas, bis der Bremspunkt in der Kurve erreicht sei. An der Börse gehe das natürlich etwas anders vonstatten, sowieso bei der aktuell schlechten Visibilität: "Investieren hat ein etwas anderes Risiko-Rendite-Profil."

Trotz der vorsichtigen, abwartenden Haltung beobachtet Merino bei klein und mittelkapitalisierten Aktien im Schweizer Markt eine positive Entwicklung. Das SPI-Segment Industrie verzeichnet seit Jahresanfang einen 15 Prozent höheren Kurs - verglichen mit einem Gesamtmarkt, der im selben Zeitraum um rund 3 Prozent tiefer tendiert. Dieses Segment ist nach deutlichen Kursgewinnen aber auch in die Kritik geraten: Die Bewertungen seien hoch, sagen Marktbeobachter. Einige der besonders gut performenden Aktien erreichen Kurs-Gewinn-Verhältnisse (KGV) von über 30, also relativ hohe Werte.

Digitalisierung und Klimawandel

Für Merino ist es allerdings unsinnig, das KGV losgelöst von anderen Daten zu betrachten: Ein tiefes Zinsniveau, wie es aktuell besteht, führe automatisch zu höheren Bewertungen. Dadurch liessen sich Bewertungen über einen längeren Zeitraum nicht vergleichen, weil das Zinsniveau schwanke. "Ein KGV von 15 bei einem Zinsniveau von 15 ist nicht das gleiche wie ein KGV von 15 bei Zinsen von 2 Prozent – wenn wir US-Zinsen als Grundlage nehmen", sagt Merino.

Aus Sicht der BKB sind in der Gesamtbetrachtung Unternehmen interessant, die von Trends und wichtigen Entwicklungen profitieren. Das Tiefzinsumfeld nütze der Bautätigkeit, die von Investitionstätigkeit und günstigen Finanzierungen lebt. Im SMI profitieren davon nach Merinos Einschätzung Geberit: "Eine interessante Firma, die auch seit langem ein gutes Management hat". Auch LafargeHolcim oder ABB dürften von diesen Trends profitieren.

Das Beispiel ABB zeigt laut dem Anlagespezialisten auch, wie grosse Trends ihre Wirkung entfalten. Der Energietechnik- und Automationskonzern mit Weltmarktstellung profitiert sowohl von der wachsenden Bedeutung der Robotik, als auch vom Klimawandel und dem Bedürfnis nach neuen Formen der Energieerzeugung.

Trends erfordern Auslands-Investitionen

Ein weitere Entwicklung sieht Merino im Digitalisierungs-Thema "Internet of Things", also der Vernetzung und Bedienung von Gegenständen und Anlagen über das Web. Die Entwicklung zur Steuerung von Alltagsgeräten und Sicherheitsanlagen durch das Internet bis hin zu selbstfahrenden Autos sei ja schon im vollen Gange. Internet of Things könnte in zehn Jahren als Markt so gross sein wie die Pharmaindustrie oder die Automobilindustrie mit einer Billion Dollar Umsatz weltweit: "Vielleicht wird der Sektor auch nicht ganz so gross, wie man am Anfang meinte, aber es wird sicherlich ein bedeutender Sektor." 

Schweizer Anleger sollten diesen Trend nicht verpassen. Dazu müssten sie aber auch im Ausland anlegen, und international zu diversifizieren falle den Schweizer Anlegern oft schwer: Nach wie vor legen Schweizer Privatanleger rund 80 Prozent ihrer Aktieninvestitionen in Schweizer Gesellschaften an.

Dadurch werde der Zugang zu den Trends Digitalisierung oder Klimawandel schwierig, sagt Merino: "Der SPI hat in der Technologie praktisch keine Marktkapitalisierung." An der US-Technologiebörse Nasdaq sei eine Kapitalisierung von acht Billionen Dollar vorhanden: "Das ist acht Mal so viel wie der ganze Schweizer Aktienmarkt." Strategisch sei es auch für Schweizer Anleger sinnvoll, diese Möglichkeit der Diversifikation anzuschauen.

Im cash-Börsen-Talk äussert sich Sandro Merino ausführlich zu politischen Risiken an den Aktienmärkten, und ob die bevorstehenden Wahlen in den USA eine Umschichtung des Portfolios erfordere. Er analysiert auch die Investitionsmöglichkeiten in der Region Basel. Dazu schätzt er unter anderem die Situation der beiden Pharmariesen Roche und Novartis ein.