Investoren richten Augen auf spannende IPOs

Am Markt für Aktienneuemissionen gibt es für renditehungrige Anleger wohl endlich ein paar ermutigende Anzeichen.
18.06.2016 11:45
Im ersten Quartal musste man genau hinschauen, um Börsengänge zu finden. Denn: Sie waren rar.
Im ersten Quartal musste man genau hinschauen, um Börsengänge zu finden. Denn: Sie waren rar.
Bild: ©Andrey Burmakin/fotolia.com

Nachdem im ersten Quartal weltweit für Börsengänge der schwächste Jahresauftakt seit der Finanzkrise verzeichnet worden war, gab es im zweiten Jahresviertel mehrere milliardenschwere Offerten und einen durchschnittlichen Kursgewinn von mehr als 30 Prozent. Der dänische Windparkkonzern Dong Energy A/S sammelte am 9. Juni 17,1 Mrd. dänische Kronen (2,3 Mrd. Euro) ein, China Zheshang Bank Co. erlöste im März einschliesslich Mehrzuteilung 1,9 Mrd. Dollar, und der Lebensmittellieferant US Foods Holding beschaffte sich vergangenen Monat etwa 1,18 Mrd. Dollar.

Die Unternehmen bereiten ambitioniertere Angebote vor, bestärkt von der relativ guten Entwicklung und der Grössenordnung der Transaktionen seit April sowie von den stabileren Märkten. Die im Rahmen der grössten Börsengänge in diesem Jahr platzierten Aktien weisen entweder Kursgewinne auf oder liegen auf ihrem Einführungspreis. Das sei für potenzielle Anleger ermutigend, sagt Stephen Pierce, weltweiter Chef des Bereichs Equity Capital Markets von Goldman Sachs Group.

"Eine ganze Reihe von Investoren betrachten IPOs als eine Anlageklasse, auf die sie ihr Augenmerk richten müssen", erklärte Pierce, "vor allem da sie versuchen, zu den Benchmarks aufzuholen."

Insgesamt betrachtet wird zwar weniger Geld aufgebracht. Doch die Kurse der Unternehmen, die in diesem Jahr einen Börsengang im Umfang von mehr als 50 Mio. Dollar hingelegt haben, kletterten im Schnitt um 35 Prozent. Das geht aus von Bloomberg zusammengestellten Daten hervor, ohne Berücksichtigung von Akquisitionszweckunternehmen, REITs und Fonds. Der weltweite Aktienindex MSCI ACWI ist seit Jahresbeginn kaum verändert.

Grosser Börsengang steht an

Im dritten Quartal strebt Line Corp. den grössten Börsengang im Technologiebereich dieses Jahres an. Der japanische Messaging-Dienst plant mit seiner Erstnotierung im Juli bis zu 113 Mrd. Yen (950 Mio. Euro) zu erlösen. Univision Holdings Inc., der grösste US-Medienkonzern für den spanischsprachigen Markt, will in der zweiten Jahreshälfte den Schritt aufs Börsenparkett wagen und könnte dabei mehr als 1 Mrd. Dollar aufnehmen, wie Bloomberg im April aus unterrichteten Kreisen erfuhr.

Es braucht allerdings nicht viel, um Hoffnung auszulösen. Das globale IPO-Volumen brach in den zwölf Monaten bis 13. Juni um 52 Prozent auf etwa 36 Mrd. Dollar ein, zeigen Daten von Bloomberg. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es noch 75 Mrd. Dollar gewesen. Sorgen um die chinesische Wirtschaft, schwache Ölpreise und Unsicherheit über den Zinsausblick der Zentralbanken liessen die Nerven der Anleger blank liegen und Unternehmen in der Wartestellung verharren.

Europa führt

Europa hat die IPO-Renaissance im zweiten Quartal angeführt, während Unternehmen Aktien platzierten und sich Staaten von Beteiligungen trennten. In der Region gelistete Firmen erlösten mehr als die Hälfte der 23 Mrd. Dollar, die weltweit von April bis zum 13. Juni mit Aktienneuemissionen eingesammelt wurden, gefolgt von Asien mit 6,6 Mrd. Dollar und Nordamerika mit 4,5 Mrd. Dollar, wie Daten von Bloomberg zeigen.

"Global betrachtet hat sich der europäische IPO-Markt seit Jahresbeginn beständiger entwickelt", sagt Liz Myers, weltweite Leiterin des Bereichs Equity Capital Markets bei JPMorgan Chase & Co. In den Vereinigten Staaten und Asien sei es im ersten Quartal sporadischer gewesen, sie hätten aber im April an "Fahrt gewonnen".

Eile vor ‘Brexit’

Ein Grund für die zunehmende Aktivität ist das am 23. Juni anstehende Referendum in Grossbritannien über einen Austritt aus der Europäischen Union. IPO-Kandidaten bemühen sich, ihre Pläne vor dem Votum umzusetzen, dessen Ergebnis die Märkte wieder aufwühlen könnte.

Der Börsengang von Dong Energy war der bislang grösste in diesem Jahr. Auch der vierte Platz geht an Europa: ASR Nederland NV erlöste 1,02 Mrd. Euro, womit die niederländische Regierung wieder einen Teil ihrer Rettungsgelder zurückerhielt, als der Staat dem Mutterkonzern während der Finanzkrise unter die Arme greifen musste. Zudem kündigten niederländische Unternehmen im Mai eine Reihe IPOs an.

Abhängig von dem Abstimmungsergebnis in Grossbritannien könnte sich der Ansturm fortsetzen. Sollte das Land in der EU bleiben, könnte die Angst vor Volatilität verblassen. Das würde die Bedingungen für Unternehmen verbessern, ihre Aktien an der Börse zu notieren, sagt Brian Reilly, weltweiter Chef des Bereichs Equity Capital Markets von Barclays.

Neben der Volksabstimmung der Briten gibt es in den nächsten paar Monaten noch weitere Herausforderungen, die Risikoappetit und Marktvolatilität beeinträchtigen könnten - und somit auch den IPO-Markt. Dazu zählen beispielsweise auch die Zinsschritte der US-Notenbank Federal Reserve.

Auch wenn Unsicherheit ein Einflussfaktor ist, haben die Aktien global betrachtet neue Höhen erklommen. Das könnte Hedgefonds und Investmentfonds dazu veranlassen, mehr Risiken einzugehen, meint Jim Paulsen, Chef-Investmentstratege bei Wells Capital Management.

"Sie spüren langsam ein wenig Druck", sagt Paulsen. "Wenn das Aufwärtspotenzial zunimmt, wird es sicherlich eine Menge Nachholbedarf bei der Nachfrage nach IPOs geben."

(Bloomberg)