Ist das nun die grosse Korrektur?

Ist am Aktienmarkt nun eine seit langem diskutierte Korrektur eingetreten? Oder anders gefragt: Wie entwickelt sich der SMI bis Ende Jahr? Anlage- und Wirtschaftexperten schätzen die Lage ein.
09.02.2016 01:05
Von Marc Forster und Ivo Ruch
Radieren die Kursstürze frühere Gewinne aus? Die Experten sind geteilter Meinung.
Radieren die Kursstürze frühere Gewinne aus? Die Experten sind geteilter Meinung.
Bild: Pixabay

Ab dem Frühling 2009 stiegen weltweit die Aktienindices. Der vergangene Sommer beendete aber den stetigen Anstieg. Im Vergleich zu Anfang August liegt der SMI um 16 Prozent tiefer. Seit Anfang Jahr hat der Schweizer Leitindex 10 Prozent an Wert verloren, steht aber im Vergleich zu anderen Indices noch gut da. Der Dax etwa steht um 16 Prozent tiefer.

Ist dies nun die grosse Korrektur? Ob der Handel in einen Bärenmarkt fällt, hängt auch von den Notenbanken, von der Einschätzung der Fundamentaldaten und nicht zuletzt vom Marktsentiment ab. Dazu gehen die Meinungen der Anlageprofis auseinander. cash hat folgende Experten befragt:

Thomas Stucki, Anlagechef St. Galler Kantonalbank: In mehreren Märkten handelt es sich per se um eine Korrektur, da die Kurse um mindestens 20 Prozent von ihren Höchststand gefallen sind. Der Rückfall ist für mich nicht unerwartet, was mich aber erstaunt hat, ist die Tatsache, wie stark er ausgefallen ist. Da sich an der fundamentalen Situation aber wenig geändert hat, halte ich den Rückgang der Kurse im Moment für übertrieben. Den SMI sehe ich per Ende Jahr bei 9000 Punkten.

Roland Kläger, Leiter Finanzmarktanalyse Raiffeisen: Man kann schon von einer Korrektur sprechen. Einen grosser Teil davon hat schon stattgefunden, aber wir gehen davon aus, dass es noch einmal abwärts gehen wird. Die Märkte finden keinen Halt und kämpfen um wichtige Unterstützung. Im SMI wäre dies das Tiefst aus dem Vorjahr: 7850 Punkte, die nach dem SNB-Entschied gehalten haben, aber aktuell unterschritten werden. Die Probleme China und Ölpreis blieben präsent. Unsere SMI-Prognose für Ende Jahr lautet nach wie vor 8300 Punkte.

Gabriel Bartholdi, Investment-Stratege Wellershoff & Partners: Der Trend ist negativ und die Rückschläge erreichen immer neue Tiefststände. Insofern erinnert die Verhaltensweise an einen Bärenmarkt. Meines Erachtens sind die fundamentalen Risiken, in Form von schwachen globalen Konjunkturdaten, stark gestiegen. Das kann zu weiteren Kursrückgängen führen. Eine Rezession in den USA ist nicht mehr auszuschliessen und würde die globalen Aktienmärkte und auch die Schweiz stark belasten. Aufgrund dessen könnte es sein, dass wir die Tiefststände noch nicht erreicht haben. Wir erwarten einen Schweizer Aktienmarkt, welcher Ende Jahr tiefer sein wird als heute.

Roland Egger, Investment-Spezialist Lombard Odier: Der Schweizer Aktienmarkt befindet sich wie viele andere Märkte in einer grossen Korrektur. Die Haussephase, welche im März 2009 gestartet ist, macht eine zyklische Pause: Das Zurückfahren der lockeren US-Geldpolitik löste eine Erholung des Dollar aus und beendete den grossen Rohstoffzyklus, was wiederum für viele Schwellenländer zum Problem wurde. Gleichzeitig hat sich Erdöl massiv verbilligt. In dieses Bild gliedert sich die Wachstumsabschwächung der chinesischen Wirtschaft bestens ein. Der neu gestartete Zinszyklus der Fed passt somit nicht wirklich mit der jüngsten Makro-Dynamik überein und so hat der Aktienmarkt seinen perfekten Sturm. Die Korrektur fühlt sich ganz klar wie ein Bärenmarkt an. Unsere offizielle SMI-Prognose lautet auf 10'000 Punkte.

Thomas Della Casa, Anlagechef Neue Helvetische Bank: Wenn es zu einer globalen Rezession kommt, müssten die Aktienmärkte noch weiter korrigieren. Zum Beispiel haben US-Aktien in Gestalt des S&P500 seit dem Höhepunkt 12 Prozent verloren. In einer Rezession beträgt die Korrektur aber normalerweise 32 Prozent. Es ist also noch viel Negativ-Potenzial vorhanden. Im Moment sind die Marktteilnehmer am Hyperventilieren. Es wird eine neuerliche Finanzkrise befürchtet, wie man an den Aufschlägen für Kreditausfall-Derivaten (CDS) bei Banken sehen kann. Das Sentiment ist mies, wenn nicht sogar depressiv. Ich bleibe jedoch dabei, dass die Wahrscheinlichkeit für ein moderates Wachstum intakt ist. Falls sich die Situation beruhigt, dann wird der SMI insgesamt um satte 1'000 Punkte aufzuholen haben.

Rolf Maurer, Partner, Bevag Better Value AG: Wir sehen in der Kursentwicklung keine Trendwende, das heisst, wir sehen die Aktienmarkt nicht in einen mehrjährigen Bärenmarkt fallen. Die wirtschaftliche Situation weltweit ist nicht so schlecht, wie dies derzeit zum Teil beschrieben wird. Die USA sind gut unterwegs, auch für Europa sehen wir ebenfalls moderates Wachstum. Zudem hat der tiefe Ölpreis ja auch positive Effekte, die sich etwa in Europa mit Zeitverzögerung noch auswirken werden. Den SMI sehe ich bis Ende Jahr bei 8350 Punkten.

Thomas Steinemann, Anlagechef Privatbank Bellerive: Seit Mitte letzten Jahres handelt es sich mittlerweile um eine spürbare und massive Korrektur an den globalen Aktienmärkten. Im SMI sind wir wieder auf den Stand vom ersten Quartal 2013 zurückgefallen. Interessant ist dabei die Branchenstruktur: Stark gelitten haben erwartungsgemäss zyklische Branchen wie Chemie, Energie, Rohstoffe, Finanzen. Aber auch die sonst eher defensive Pharmabranche litt stark. Hingegen haben sich Medtech-Titel wie in der Schweiz Sonova und Straumann und Tech Werte erstaunlich gut gehalten. Zur Zeit macht sich der Markt sich der Markt Sorgen um mögliche Konkurse im Energiebereich aufgrund der tiefen Rohstoff und Energiepreise – der Name Petrobras taucht dabei auf – was wohl bei den Finanzwerten wieder einen Schock auslösen würde. Obwohl tiefe Rohstoffpreise eigentlich ein Segen für Unternehmen, Konsumenten und rohstoffimportierende Länder sind, ist ein weiteres Problem, dass gewisse arabische Staatsfonds beginnen, Aktien zu verkaufen, um das Budget ihres Landes zu stützen. Deshalb bleibt das Glas vorerst halbleer, bevor es wieder halbvoll wird. Öl- und Rohstoffpreise, die chinesische Währung und die Kreditspreads Unternehmensanleihen zu Staatsanleihen müssen sich dazu wieder stabilisieren.