Ist das Rohöl nun günstig oder nicht?

Rohstoffstrategen sehen den fairen Wert für ein Fass Rohöl bei 45 Dollar. Zudem zeigen sie kein Verständnis für die negativen Börsenreaktionen aufgrund der tiefen Ölpreise.
18.01.2016 08:44
Von Lorenz Burkhalter
Der Berenberg Bank zufolge wird der tiefe Ölpreis die Konsumenten entlasten.
Der Berenberg Bank zufolge wird der tiefe Ölpreis die Konsumenten entlasten.
Bild: Bloomberg

Rund um den Globus wurde die über das Wochenende bekannt gewordene Aufhebung des Wirtschaftsembargos gegen den Iran begrüsst. Mit einer Ausnahme: An den Rohstoffmärkten geriet der Rohölpreis noch einmal kräftig unter Druck.

Nach einem vorübergehenden Rückschlag auf ein 14-Jahres-Tiefst von 27,67 Dollar verliert ein Fass der Sorte Brent noch 1,8 Prozent auf 28,41 Dollar. In Franken betrachtet beläuft sich das Minus alleine seit Jahresbeginn auf 27 Prozent.

Das überrascht nicht, könnte der Iran nach dem Ende des Wirtschaftsembargos doch wieder zu einer führenden Ölexportnation aufsteigen. Eigenen Angaben zufolge will die Regierung in Teheran bis in sechs Monaten wieder eine Million Fass Rohöl am Tag fördern.

In einem Kommentar beziffert die Berenberg Bank den fairen Wert auf 45 Dollar je Fass. Das entspreche dem langfristigen Durchschnittspreis, so schreiben die Verfasser.

Tiefer Ölpreis positiv für die Wirtschaft...

Die Experten relativieren das davon abzuleitende Aufwärtspotenzial von 60 Prozent allerdings damit, dass es manchmal Jahre dauern kann, bis der Ölpreis sich seinem fairen Wert wieder annähert.

Kein Verständnis zeigt man bei der Berenberg Bank für die negativen Börsenreaktionen. Den Rohstoffstrategen zufolge profitieren nämlich drei Viertel der Weltwirtschaft von tieferen Rohölnotierungen. Ihre Botschaft: Nicht nur in den USA und Europa, auch in Japan, Indien und China bleibe den Privathaushalten dadurch mehr verfügbares Einkommen. Dieses fliesse in den Konsum und damit ins Wachstum.

...nicht aber für die Zentralbanken

In einer etwas verzwickteren Situation wähnen die Verfasser im Kommentar die Zentralbanken. Ihrer Meinung nach drückt der Ölpreiszerfall längerfristig auf die Teuerung und sorgt dafür, dass diese unter den von den Währungshütern angestrebten Zielwerten zurückbleibt.

Dennoch sind sich die Rohstoffstrategen sicher, dass ein tiefer Ölpreis Teil der Lösung der wirtschaftlichen Wachstumsschwäche und nicht Teil des Problems ist. In Erwartung höherer verfügbarer Einkommen für die Privathaushalte und dadurch steigende Steuereinnahmen gewinnen sie der jüngsten Entwicklung an den Rohstoffmärkten sogar Positives ab.