Ist der Ölpreis-Rallye bereits die Puste ausgegangen?

Nach einem viermonatigen Erholungskurs fallen die Ölpreise seit Tagen wieder. Die Gründe dafür - und wie es mit dem Preis für Rohöl weiter geht, sagt Duncan Goodwin von Baring Asset Management im cash-Video-Interview.
15.06.2016 23:00
Von Pascal Züger
Duncan Goodwin ist Leiter Global Resources bei Baring Asset Management.
Bild: cash

Seit Mitte letzter Woche hat der Ölpreis um über 6 Prozent nachgegeben. Derzeit kostet ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent noch knapp unter 50 Dollar. Das ist zwar deutlich höher als die knapp 27 Dollar Mitte Januar, aber auch weit unter den 100 Dollar vom September 2014.

Folgende Grafik zeigt die Entwicklung des Rohöl-Preises für den letzten Monat:

Ölpreis-Entwicklung der letzten 30 Tage, Marke Brent. Quelle: cash.ch, Stand 15. Juni 2016

Wird der Preis nun noch weiter fallen? "Kurzfristige Ölpreisentwicklungen über fünf bis zehn Tage zu machen, das ist sowohl schwierig als auch nicht wirklich lohnenswert", meint Duncan Goodwin, Head of Global Resources bei Baring Asset Management im Video-Interview mit cash.

Der Rohstoffexperte schaut lieber in die etwas längere Frist. Und hier sieht er einen klassischen Zyklus: Der Rohölmarkt habe ein massives Überangebot aufgewiesen, während die USA signifikante Investitionen in Schieferöl tätigte. Der Markt reagierte darauf mit tieferen Preisen, die Bohraktivitäten in Nordamerika gingen als Folge massiv runter. "Wir sahen eine signifikante Reduktion der Kapitalausgaben wegen der tieferen Preise", so Goodwin.

Dieser Zyklus hat aber neuerdings eine signifikante Änderung erfahren: "Mit den USA als neuen wichtigen Anbieter ist der Zyklus von Rohöl viel kürzer geworden", so Goodwin. Bei tiefen Ölpreisen fliesse Kapital aus Nordamerika sehr schnell wieder heraus, und umgekehrt, bei höheren Preisen, fliesse auch wieder Kapital zurück zur dortigen Öl-Industrie. Derzeit sieht Goodwin die Öl-Branche noch in einer frühen Phase der Angebots-Reaktion, so dass "der Ölpreis derzeit noch mehr ansteigen kann."

Ängste wegen Brexit

Die 50-Dollar-Marke - die Barriere, um die sich der Rohölpreis derzeit knapp herum bewegt - scheint für den Ölmarkt von grosser Bedeutung zu sein. Denn: Liegt der Preis über diesem Wert, so werden in den USA stillgelegte Bohrlöcher wieder reaktiviert, da wieder gewinnbringend Öl gewonnen werden kann. Das führt letzten Endes zu einem höheren Angebot und wiederum zu einem sinkenden Ölpreis.

Doch in der kurzen Frist spielten auch spekulative Elemente in den Ölpreis mit ein, meint Goodwin - auch wenn er lieber auf fundamentale Entwicklungen den Fokus liegt, wie er betont. Spekulativ ist etwa die nervöse Stimmung im Ölmarkt, ausgelöst durch Brexit-Ängste. Am 23. Juni entscheidet Grossbritanniens Stimmvolk über den Verbleib in der EU. Jüngste Umfragen sehen die Brexit-Befürworter immer stärker in der Überzahl. Das verunsichert nicht nur den Ölpreis, sondern auch die Finanzmärkte generell.

Noch am 9. Juni notierte das Rohöl der Marke Brent bei knapp 53 Dollar pro Barrel - so teuer wie seit acht Monaten nicht mehr. Es stellte das vorläufige Ende einer viermonatigen "Öl-Rallye" dar, die das Rohöl um über einen Drittel verteuerte.

Der tiefe Fall des Ölpreises

Bis September 2014 befand sich der Ölpreis mehrere Jahre lang überwiegend über der 100-Dollar-Marke. Inzwischen scheinen Ölpreise von 100 Dollar pro Barrel und darüber ein Thema aus ferner Vergangenheit zu sein - aktuell ist Öl noch in etwa halb so teuer.

Zum massiven Preisverfall im Rohöl-Markt führte zum einen das hohe Angebot des Ölkartells Opec und der USA, zum anderen auch die schwächelnde Nachfrage - etwa durch das nachlassende Wachstum Chinas. Die Folgen des günstigen Rohöls für die Weltwirtschaft sind sowohl negativ, als auch positiv: Leidtragende sind wegen der tieferen Einnahmen die Öl-Produzenten, etwa Russland, Venezuela, Saudi Arabien oder Nigeria. Gleichzeitig profitieren aber auch Öl-Importeure vom Preisverfall.

Und auch die Konsumenten profitieren: Sie kommen an billigeres Benzin und Heizöl. Dadurch steht ihnen mehr Geld für andere Ausgaben zur Verfügung - oder zum sparen. Bleibt der Ölpreis dauerhaft auf einem Niveau von rund 50 US-Dollar pro Barrel, "so dürfte das zu einer Erhöhung des Schweizer BIP pro Jahr um circa 0,1 bis maximal 0,2 Prozent führen." Dies sagte Arno Endres, Leiter Finanzanalyse der Luzerner Kantonalbank letztes Jahr zu cash.

Im cash-Video-Interview sagt Duncan Goodwin auch, was "Next Generation"-Ressourcen sind, welche Firmen in diesem Bereich für Anleger interessant sind und welchen Investitions-Ansatz er verfolgt.