Italien-Referendum: Gemetzel an den Märkten bleibt aus

Italien erteilt der Verfassungsreform eine deutliche Absage. Es zeichnet sich ein Regierungswechsel ab. Dennoch reagieren die Anleger bislang besonnen.
05.12.2016 11:44
Von Lorenz Burkhalter
Italien hat gewählt, es gibt Sieger und Besiegte (im Bild: Opern-Requisiten vor der Arena in Verona).
Italien hat gewählt, es gibt Sieger und Besiegte (im Bild: Opern-Requisiten vor der Arena in Verona).
Bild: cash

Mit seiner erzwungenen Verfassungsreform hat der italienische Premierminister Matteo Renzi hoch gepokert – und verloren. Aktuellsten Hochrechnungen zufolge lehnten rund 60 Prozent das Referendum ab. Noch in der Nacht auf Montag kündigte Renzi seinen Rücktritt an.

Bislang reagieren die Anleger überraschend besonnen auf den Ausgang des Referendums. Einziger verlierer ist der italienische FTSE MIB Index. Der Swiss Market Index macht die vorbörslich erlittenen Verluste wett und legt zur Stunde sogar um 0,98 Prozent auf 7'860,01 Punkte zu. Im Laufe des Vormittags kletterte das Börsenbarometer vorübergehend in die Nähe von 7'900 Zählern.

Der Euro wiederum gewinnt nun ebenfalls 0,16 Prozent auf 1,0797 Franken. Dass der Dollar noch deutlicher zulegen kann, lässt auf Interventionen der Schweizerischen Nationalbank (SNB) schliessen. Wie Händler berichten, habe die SNB schon im asiatischen Handel ein stärkeres Aufwerten des Frankens verhindert. Von dieser Seite her gehen zumindest schon mal keine grösseren Gefahren für den Schweizer Aktienmarkt aus.

Folgt nur ein kurzes Börsengewitter?

Die Unsicherheit über die zukünftige Politik Italiens kommt zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Zum einen gilt das südeuropäische Nachbarland als hochverschuldet, und zum anderen ächzen die dortigen Banken unter der erdrückenden Last notleidender Kredite. Je nachdem wie sich die politischen Machtverhältnisse verschieben, könnte gar ein Austritt aus der Europäischen Union (EU) ein Thema werden. Schon jetzt zeichnet sich deshalb ab, dass die Bankaktien zu Wochenbeginn im europäischen Handel die Verlierer sein könnten. An der Schweizer Börse SIX stossen die Aktien von UBS und Credit Suisse auf Kaufinteresse, nachdem beide kurz nach Handelsbeginn um bis zu 1,6 Prozent tiefer notierten.

Verlauf des Swiss Market Index (SMI) in den Tagen vor dem Italien-Referendum; Quelle: www.cash.ch

Bereits jetzt wird die Niederlage Renzis mit dem überraschenden Entscheid Grossbritanniens aus der EU auszutreten ("Brexit") und dem Ausgang der US-Präsidentschaftswahlen verglichen. In beiden Fällen konnten sich die Finanzmärkte rasch wieder fangen. Anders als bei den vorangegangenen beiden Grossereignissen habe sich die Ablehnung des Verfassungsreferendums in Italien schon seit Wochen abgezeichnet, so lautet der Tenor.

Spannung im Vorfeld des EZB-Entscheids

Ausserdem, so heisst es weiter, müsse sich erst noch zeigen, ob im Zuge von Neuwahlen tatsächlich die europafeindliche Fünf-Sterne-Bewegung von Beppe Grillo auch wirklich zu einer wichtigen politischen Kraft heranwachsen werde. Der Ausgang des Referendums sei "nicht das Ende der Welt", schreibt beispielsweise die französische Grossbank BNP Paribas.

Was mögliche höhere Zinsaufschläge für italienische Anleihen anbetrifft, so liess die Europäische Zentralbank (EZB) schon im Vorfeld des Verfassungsreferendums durchblicken, dass sie gegebenenfalls mit dem Aufkauf solcher Anleihen Gegensteuer geben werde. Auf diese Möglichkeit wird auch in einem Kommentar der Credit Suisse hingewiesen.

Ausserdem steht am Donnerstag der letzte geldpolitische Entscheid der EZB in diesem Jahr an. Bisher gingen Beobachter nur von einer zeitlichen Verlängerung der milliardenschweren Wertpapierkäufe aus. Sollte es in den nächsten Tagen an den europäischen Anleihenmärkten zu Verwerfungen kommen, könnte die EZB allerdings darüber hinausgehende Schritte - wie beispielsweise eine Leitzinsreduktion oder eine betragsmässige Aufstockung des Rückkaufprogramms - ins Auge fassen.