Jagd auf Amazon: Die gefährliche Wette von Wal-Mart

Wal-Marts zunehmende Abhängigkeit vom Online-Handel kommt zu einer Zeit, in der Amazon.com seinen Griff nach dem amerikanischen Verbraucher festigt. Das macht die Strategie von Wal-Mart zu einer riskanten Wette.
11.10.2016 15:00
Walmart muss sich auf trübes Wetter einstellen.
Walmart muss sich auf trübes Wetter einstellen.
Bild: Bloomberg

In der Vorwoche hatte Wal-Mart Investoren gegenüber erklärt, das Unternehmen werde bei der Anzahl der neu-eröffneten Läden einen Rückzieher machen und stattdessen einen Teil des Geldes ins Internet-Geschäft stecken. Das ist ein wichtiger Meilenstein: Erstmals erwartet der Konzern, dass E-Commerce-Zuwächse mehr zum Wachstum beitragen werden als der Ausbau klassischer Supermärkte.

Analysten und Investoren sind skeptisch, dass Wal-Mart dies schaffen kann. Schliesslich gewöhnen sich Verbraucher immer stärker daran, sich bei Amazon umzusehen, wenn sie Dinge wie Toilettenpapier und neue Kleidung brauchen.

Rund 55 Prozent der US-Online-Verbraucher sagen, dass sie zuerst zu Amazon gehen, wenn sie nach einem Produkt suchen. Rund die Hälfte aller amerikanischen Haushalte verfügt zudem über einen bezahlten Amazon-Prime-Zugang. Online-Käufer verbringen 30 Prozent ihrer Online-Zeit bei Amazon.com, verglichen mit nur 3 Prozent bei Walmart.com.

"Man jagt den Übermächtigen"

"Ich verstehe, dass man im E-Commerce aktiv sein muss. Aber man jagt hier den Übermächtigen", sagt Analyst Brian Yarbrough von Edward Jones. "Man wird es nicht schaffen, Amazon mit dessen eigenen Waffen zu schlagen."

Yarbrough sorgt sich darum, dass das Online-Wachstum von Wal-Mart hauptsächlich von existierenden Kunden kommen wird - was im Umkehrschluss zu einer Kannibalisierung der traditionellen Läden erfolgt. Doch gerade diese seien profitabler und gerade dort gebe es häufiger Impuls-Käufe von Kunden.

Ein anderer Knackpunkt sind die Lieferzeiten. Wal-Mart befindet sich noch in einem frühen Stadium eines Programms, welches Mitgliedern eine Gratis-Lieferung innerhalb von zwei Tagen bieten soll - statt der standardmässigen fünf bis sieben Tage. Amazon ist bereits einen Schritt weiter. Das Unternehmen bietet in 27 grossen US-Städten eine Gratis-Lieferung noch am Bestelltag an. Und in einigen Märkten bringt der Internet-Gigant Millionen von Produkten innerhalb einer Stunde an die Haustür.

All das sollten keinesfalls Neuigkeiten für Wal-Mart-Chef Doug McMillon sein. Er weiss, dass sich sein Konzern recht hohe Ziele gesteckt hat. Doch die rund 3,3 Mrd. Dollar schwere Übernahme des E-Commerce-Startups Jet.com, die vor kurzem erfolgte, scheint ihm etwas Schwung zu verleihen.

Mehr investieren

"Es ist an der Zeit, mehr Geld zu investieren", sagt McMillon. "Es ist an der Zeit, dies wirklich ins Rollen zu bringen und damit zu beginnen, unser E-Commerce auf eine andere Art und Weise wachsen zu lassen."

Diese neue Art und Weise wird von Tech-Branchen-Liebling Marc Lore geleitet, der Jet.com gründete und nach der Übernahme bei Wal-Mart an Bord ging. McMillon sieht ihn als die Zukunft des Unternehmens.

Halb im Witz berichtet der CEO davon, wie er mit Lore eine Strasse entlang gegangen sei - und sich instinktiv vor ein herbeifahrendes Auto gestellt habe, um ihn zu beschützen. "Wenn Marc innerhalb dieses Unternehmens Marc sein kann, dann werden grossartige Dinge passieren", sagt McMillon.

Wal-Mart geht davon aus, dass mit dem Kauf von Jet.com der Online-Umsatz in den nächsten drei Jahren zwischen 20 Prozent und 30 Prozent wachsen wird. Das wäre eine grosse Beschleunigung. Im zweiten Quartal kletterte der Internet-Umsatz von Wal-Mart lediglich um zwölf Prozent.

(Bloomberg)