Jetzt überhaupt auf Industrieaktien setzen?

Starker Franken, schwache China-Konjunktur und fallende Rohstoffpreise belasten Schweizer Industriefirmen. Lohnt es sich überhaupt, auf solche Aktien zu setzen? cash trennt bei beliebten Titeln die Spreu vom Weizen.
02.11.2015 00:01
Von Marc Forster
Der Maschinenbau ist eine wichtige Exportbranche der Schweiz.

Läuft die Weltwirtschaft nicht rund, merken es die Zykliker zuerst. Maschinenbau, Metallindustrie und Technologiekonzerne reagieren an der Börse schnell empfindlich auf diese Situation. Vielleicht überempfindlich? Der erste Schrecken wegen der China-Konjunktur, die im Sommer einbrach, scheint einer nüchternen Realitätsbetrachtung gewichen zu sein. 

Wie unterschiedlich Schweizer Industriewerte reagieren, zeigt die Zusammenstellung einiger bekannter Aktien:

ABB: Im Sechs-Monate-Vergleich hat sich die ABB-Aktie gemessen an anderen Industriewerten gut gehalten, der Unterschied beträgt -1,5 Prozent. Das Drittquartalsergebnis der weltumspannenden Gruppe war unerwartet schlecht, und die Beobachter sorgen sich um die Auftragseingänge: 1 Prozent weniger auf dem amerikanischen Doppelkontinent, 13 Prozent weniger in Europa und 15 Prozent weniger in China.

Zudem ist ABB gross und komplex: Manche träumen davon, dass ein "aufgebrochener" Konzern in kleineren Gesellschaften profitabler wäre und an der Börse besser performen würde. In der realen Welt warten Investoren auf die Früchte von Kosten- und Effizienzprogrammen. Solange sich keine Fortschritte einstellen, wird es die Aktie schwer haben, vom Fleck zu kommen.

OC Oerlikon: China sorgt für 28 Prozent des Umsatzes des Industriekonglomerats. Über die letzten sechs Monate hat der Kurs -24,5 Prozent verloren, weil sich die China-Ängste am Markt auswirkten. Die Drittquartals-Zahlen haben die Anfälligkeit auf die Situation in Asien bestätigt. Bei OC Oerlikon schauen die Investoren auch genau aufs Management. Die Chefs der Gruppe sind bemüht, die Margen zu schützen.

Nach einem Beinahe-Untergang 2010 und Kapitalumstruktierungen ist der Vekselberg-Konzern Oerlikon heute gut finanziert. Der Kauf der Oberflächentechnolgie Sulzer Metco schafft Synergien - wo wegen der wechselvollen Zu- und Verkaufsgeschichte der einstigen Oerlikon-Bührle sonst im Konzern die Sparten nicht so recht zusammenpassen. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis von 15,7 ist allerdings schon relativ hoch.

Adecco: Der weltgrösste Temporärkräfte-Vermittler ist kein Industrieunternehmen, ist aber stark von Industriekunden abhängig. Zudem sind wenige Geschäfte so unmittelbar zyklisch wie die Vermittlung von Zeitarbeitern.

Die Aktie verhielt sich in den letzten Monaten eher volatil, notiert im Moment aber um 9,5 Prozent tiefer als Anfang August. Damals präsentierte das Unternehmen die Ergebnisse für das zweite Quartal und bekräftigte die Prognose, die Ebitda-Marge von 5,5 Prozent zu halten, wozu aber der Umsatz steigen müsste. Daran glauben offenbar viele Anleger nicht. Der grösste Adecco-Markt ist Frankreich, ein Land, das wirtschaftlich nicht in die Gänge kommt. Mehr Aufschluss dürfte das Management geben, wenn am kommenden Donnerstag die Dritt-Quartals-Zahlen veröffentlicht werden.

Bucher: Das Unternehmen aus Niederweningen ZH ist stark von der Landwirtschaft abhängig, und dort befindet sich der Zyklus derzeit im Abschwung. Im Neun-Monate-Ergebnis der Gruppe zeigte sich ein Nachfragerückgang bei Landmaschinen. Der Absatz von Kommunalfahrzeugen ist abhängig von öffentlichen Aufträgen, die zahlreiche zum Sparen verdammte Länder eingeschränkt haben. Für eine globale Gruppe ist auch ein Mitarbeiteranteil von 10 Prozent in der Schweiz relativ hoch, womit Bucher zudem die Frankenaufwertung deutlicher zu spüren bekommt.

Von einem Mehrjahreshöchststand bei 261 Franken im Mai ist der Aktienkurs inzwischen um 11 Prozent gesunken. Die äusseren Umstände sind schwierig, aber: Auch bei Bucher zeigt sich ein typisches Muster für Schweizer Industrieunterehmen: Die Bilanz ist solide, die Produkte überzeugen. Wenn sich die Zielmärkte also erholen, ist Bucher in einer guten Position, wieder aufzuholen. Im Moment stehen die Zeichen dafür aber noch nicht gut.

SFS: Vier Gründe haben laut der Credit Suisse dazu geführt, dass Anleger die Aktie des Rheintaler Metallverarbeiters verkauft haben (13 Prozent Kursrückgang in sechs Monaten): China, die Schwierigkeiten der Autobranche, Befürchtungen wegen einer Absatzschwäche von Apples iPhone und die Wechselkurssituation. Alles ist aber weniger schlimm, wie die Analysten der Bank schreiben.

Ein erneutes Erstarken des Frankens würde das Unternehmen mit einem hohen Produktionsanteil im Inland treffen, zudem ist SFS stark von Apple abhängig. Das innovative, robust finanzierte Unternehmen steht ansonsten gut da. SFS hält zudem die Augen offen nach Zukäufen in der Flugzeug-Zulieferindustrie und würde so das Portefeuille sinnvoll erweitern. Wer nicht zu verschreckt ist wegen China, VW und anderen Faktoren, kann dieser Aktie einiges Vertrauen entgegenbringen.

Ems-Chemie: Die Zahlen zu den ersten neun Monaten zeigten, das der Spezialkunststoffe-Konzern profitabler geworden ist. Ein höherer Ausblick für 2015, wie ihn die Konzernführung im Juli ausgestellt hatte, wurde bestätigt. Mit den hochmargigen Spezial-Produkten kann die Ems-Chemie sich weltweit im Wettbewerb behaupten, auch wenn die Konjunkturlage sich eingetrübt hat. Dank einer Erholung des Kurses im laufenden Monat steht der Kurs aktuell 5,9 Prozent über dem Wert von vor sechs Monaten, auch wenn die Höchstwerte vom Sommer nicht erreicht wurden.

Die Neue Helvetische Bank beschreibt Ems als eine Aktie, die bei Schwächephasen an den Aktienmärkten auf dem Kaufzettel stehen sollte. Das hohe Kurs-Gewinn-Verhältnis von 26,9 mag Anleger umgekehrt aber abschrecken, selbst wenn immer wieder darauf hingewiesen wird, dass die Bewertung bei Ems immer relativ hoch sei. Anders formuliert: Ems ist bereits so erfolgreich unterwegs, dass auch keine zu hohe Erwartungen gestellt werden sollten.

Georg Fischer: Der Schaffhauser Traditionskonzern erfreut sich an den Finanzmärkten eines anhaltend guten Images. VW und China – beide tragen zum Umsatz des Rohrsysteme- und Autoteileherstellers bei – haben das Bild zuletzt etwas getrübt. Auch bei Georg Fischer fiel der Kurs von einem Mehrjahres-Hoch im Sommer um 17 Prozent, wobei sich seit dem September Erholungstendenzen zeigen.

Laut der Credit Suisse hat sich sich "das Marktsentiment um diese High-Beta-Aktie etwas verschlechtert". Die Grossbank hat das Kursziel von 780 auf 740 Franken zurückgenommen, bleibt aber grundsätzlich optimistisch für die Industriegruppe. Der Titel ist bei einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 13,2 noch immer relativ attraktiv bewertet.