«Kampf um Jobs könnte bald beginnen»

Welche Jobs im Bankbereich derzeit noch gefragt sind, wie es mit entlassenen Bankern weiter geht und wieso Arbeitszeiterfassung so wichtig ist, sagt Denise Chervet vom Bankpersonalverband im cash-Interview.
09.11.2015 00:30
Interview: Pascal Züger
Denise Chervet, Geschäftsführerin Schweizerischer Bankpersonalverband.
Denise Chervet, Geschäftsführerin Schweizerischer Bankpersonalverband.
Bild: ZVG

cash: Der Umstrukturierungsprozess der Schweizer Bankenlandschaft ist noch nicht abgeschlossen. Erwarten Sie noch einen weiteren Stellenabbau?

Denise Chervet: Aus Kostengründen befürchte ich bei Schweizer Banken eine Fortsetzung der Restrukturierungen mittels Fusionen, Auslagerungen ins Ausland und möglicherweise auch Schliessungen.

Wie lange wird es dauern, bis der Umstrukturierungsprozess im Bankenbereich abgeschlossen ist?

Damit die Umstrukturierung sozialverträglich abläuft, sollte sie über einen längeren Zeitraum stattfinden. Mit dem schnellen technischen Fortschritt zweifle ich sogar daran, ob die Umstrukturierungen überhaupt je beendet sein werden. Banken müssen sich ständig wieder neu anpassen.

Welche Berufe innerhalb von Banken sind besonders abbaugefährdet?

Es handelt sich um eine allgemeine Restrukturierung. Gewisse Banken entscheiden sich dafür, einzelne Bereiche oder die Bank ganz zu schliessen. Dann sind natürlich alle Jobs betroffen. Ausser vielleicht die Kundenberater. Denn wenn man verwaltete Vermögen verkauft, verkauft man diese zusammen mit den Kundenberatern, die diese betreut haben.

Welche Bankenberufe sind denn noch hauptsächlich gefragt?

Heute sucht man wie erwähnt Kundenberater, die von Banken sehr umworben werden. Für die Digitalisierung braucht es IT, obwohl dieser Bereich teilweise auch ausgelagert wird - glücklicherweise nicht immer ausserhalb der Schweiz. Zusätzlich ist auch der Compliance-Bereich gefragt.

Wäre dieser laufende Stellenabbau ihrer Meinung nach vermeidbar gewesen oder ist es eine Notwendigkeit?

Eine gewisse Anpassung ist notwendig, wegen den neuen Regulierungen und auch wegen der anhaltenden Frankenstärke. Die Bank von heute ist nicht die gleiche wie die Bank von gestern. Auch die Digitalisierung hat einen Einfluss. Ich erwarte aber, dass die Änderungen nicht zu schnell passieren, sondern gut überdacht sind. Es gab auch Schnellschüsse. Gewisse Kündigungen wurden im Nachhinein wieder rückgängig gemacht. Das sind Kosten und Leiden, die man vermeiden kann, ja muss. Restrukturierungen sollten eng mit den Sozialpartnern diskutiert werden, um die sozialen Konsequenzen zu reduzieren. Die Banken haben die notwendigen Mittel dazu, die Anpassungen sozialverträglich durchzuführen.

Was passiert mit den Bankern, die ihren Job verlieren und nicht mehr im Banking eine Anstellung finden?

Es sind Berufe, die auch in anderen Branchen gesucht sind: Allgemein im Finanzbereich, bei Versicherungen, aber auch in der Industrie und der Verwaltung. Es gibt also durchaus Möglichkeiten, wieder eine Stelle zu finden. Aber wenn ein ehemaliger Banker eine Stelle in einer anderen Branche findet, nimmt er dann quasi einer anderen Person die Stelle weg. Und man hört überall, auch ausserhalb der Banken, dass Einsparungen vorgesehen sind. Es könnte im Dienstleistungsbereich in den nächsten Jahren zu einem grossen Kampf um Stellen kommen.

Wie sieht es mit dem Nachwuchs aus, will man nach den vielen schlechten News überhaupt noch Banker werden?

Die Möglichkeiten im Bankbereich sind gross, die Ausbildung ist sehr gut. Was man dort lernt, kann man auch in anderen Bereichen einsetzen. Die Arbeitsbedingungen sind noch immer gut. Ausserdem gibt es kaum eine Branche, die heute eine Arbeitssicherheit bieten kann. In anderen Bereichen ist es nicht anders als in Finanzberufen.

Banker geniessen nach diversen Skandalen einen eher zweifelhaften Ruf. Muss von Seiten der Banken mehr gemacht werden, um den guten Ruf wieder herzustellen?

Nicht nur die Banken, auch die Journalisten sind da ein bisschen in der Pflicht. Die Banken bieten eine Dienstleistung, die in der Gesellschaft gebraucht wird. Was mit einem Land passiert, wenn das Banksystem nicht so gut funktioniert, sieht man in Griechenland. Dass in der Schweiz Fehler passiert sind, ist unbestreitbar, aber die Bankangestellten sind dafür nicht verantwortlich. Sie machen ihren Job gut, deshalb hat der Schweizer Finanzplatz auch so einen guten Ruf. Ich glaube jede Person, die in der Schweiz lebt, ist froh, dass wir ein gutes und zuverlässiges Finanzsystem haben, wo man seine Löhne und Ersparnisse sicher anlegen kann.

Bereits zum vierten Mal hat der Schweizerische Bankpersonalverband nach 2010, 2011 und 2013 im Frühling dieses Jahres eine Lohnumfrage bei den Bankangestellten durchgeführt. Gemäss der aktuellsten Umfrage stagnierten zwar die Fixlöhne bei Bankangestellten, die Lohnzufriedenheit nahm aber gleichzeitig zu. Wie erklären Sie sich das?

Die Lohnzufriedenheit ist das Resultat mehrerer Faktoren. Vielleicht kamen einige zur Einsicht, dass sie mit ihrem Lohn im Vergleich mit anderen nicht unbedingt schlecht da stehen. Ausserdem gab es für mehr Bankangestellte eine Lohnerhöhung als noch vor zwei Jahren, auch wenn dieser Anstieg nicht sehr hoch ausfiel. Vor zwei Jahren bekamen 69 Prozent der Angestellten keine Lohnerhöhung, in diesem Jahr waren es etwas tiefere 65 Prozent. Es ist besser, wenn mehr Angestellte vom positiven Resultat einer Industrie durch etwas geringere Lohnerhöhungen profitieren, als wenn nur einige wenige vielmehr Lohn bekommen. Denn alle haben zur guten Performance beigetragen.

Viele Teilnehmer haben in der erwähnten Umfrage gesagt, dass sie sich nach der Arbeit oft leer und ausgebrannt fühlen. Muss sich etwas an den Arbeitsbedingungen bei Banken ändern?

Zunächst muss ich sagen, dass die Begeisterung am Arbeitsplatz hoch ist. Das hat uns in der Studie positiv überrascht. Die Leute stehen hinter ihrer Arbeit und auch hinter ihrem Betrieb. Aber es sind tatsächlich auch viele Leute ausgebrannt. Der Druck ist grösser geworden, es wird immer mehr erwartet. Das überrascht nicht, denn es gibt mehr Regelungen zu beachten, man muss sich mehr anstrengen, um die Kunden zu halten, auch die Ziele sind gestiegen und zudem ist die Angst um den Arbeitsplatz präsent. Alle diese Punkte führen zu Stress. Das führt dazu, dass sich die Leute in der Freizeit etwas weniger entspannen können.

Denken Sie ein Modell mit einem 6-Stunden-Tag, wie er in Schweden in einigen Firmen eingeführt wurde, würde Abhilfe schaffen?

Es wäre bereits ein Erfolg, wenn die Mitarbeiter nur die vertraglich abgemachten Arbeitsstunden und nicht länger arbeiten müssten. Ich hoffe, dass die Arbeitszeiterfassung, welche aktuell wieder ein Thema ist, bei den Banken durchgesetzt wird. Dies würde dazu beitragen, dass die Angestellten mehr Zeit zum Ausruhen hätten. Das Problem ist, dass viele bei grossem Druck gewisse 'soft'-Arbeiten zu Hause erledigen. Damit meine ich zum Beispiel die E-Mails zu lesen oder gewisse Berichte anzuschauen, um für die kommende Woche bereits eine Vorarbeit geleistet zu haben. Und das geht nicht. Da müssen die Arbeitgeber sicherstellen, dass die Mitarbeiter am Wochenende abschalten und sich erholen können.