Kann man mit diesen Nebenwerten noch punkten?

Window Dressing – wenn Anleger zum Jahresende noch Portfolios «bereinigen», dann bringt dies manchen Aktien späte Kursgewinne. Zwar ist das Phänomen umstritten: Ein Blick auf Nebenwerte lohnt sich für Mutige dennoch.
06.12.2016 00:05
Von Marc Forster
Nächtlich erleuchtetes Schaufenster eines Spezialitätengeschäfts. Beim Window Dressing an der Börse sieht dagegen manches oft besser aus, als es ist.
Nächtlich erleuchtetes Schaufenster eines Spezialitätengeschäfts. Beim Window Dressing an der Börse sieht dagegen manches oft besser aus, als es ist.
Bild: Pixabay

"Titel und Sektoren mit einem guten Lauf werden gehalten, negative Titel wirft man eher heraus: Dieses Spiel findet eigentlich jedes Jahr statt", sagt Christoph Riniker, Aktienstratege bei der Bank Julius Bär. Man habe dies in der Vergangenheit anhand der Volumen beobachten können. "Bis Mitte Dezember sind diese Vorgänge aber meistens abgeschlossen, danach gehen die Volumen zurück, weil die Bücher geschlossen sind."

Ins Schaufenster kommt, was hübsch aussieht: Window dressing bedeutet, dass besonders Fondsmanager ihre Portfolios vor dem Jahreswechsel noch optisch aufhübschen. Denn verlustbringende Aktien rechtzeitig abzustossen, lässt ein Anlagevehikel besser aussehen. Kunden gefällt dies nicht immer, denn mit die Verkäufe können Verlust bringen und die Rendite beeinträchtigen. Manche Titel werden künstlich gepusht, was sich im neuen Jahr rächt. Entsprechend ungern reden Anlageberater über das Thema.

Die Erfahrung zeigt, dass gewisse Titel selbst in der zweiten Dezemberhälfte noch zulegen: "Ein Blick auf die Entwicklung der SIX-Jahresgewinner und –verlierer in den letzten zwei Wochen 2015 zeigt, dass es Window Dressing gibt - man sah dies unter anderem Temenos, Ypsomed oder Galenica", sagt der cash-Insider. Die drei Titel legten alle in den letzen acht bis zehn Handelstagen 2015 noch um etwa 5 Prozent zu.

Bestenliste gibt Aufschluss

Window Dressing - wenn man an das Phänomen glaubt - bietet indessen Verlockungen für Trader. Wer auf eigene Faust an den Börsen handelt, kann auf den einen oder anderen Kursgewinn hoffen. Vor allem bei Small- und Mid-Caps weckt die Vorstellung vom Window Dressing noch einige Phantasien. Dabei schauen Anleger schlicht darauf, welche Titel am besten liefen.

Wenn Aktien seit Anfang Jahr sowie auch in den vergangenen Wochen gut gelaufen sind, können sie zu Kandidaten fürs Window Dressing werden. Bei diesen Aktien des Swiss Performance Index (SPI) ist dies der Fall:

Aktie Performance seit 1. Januar (in Prozent) Performance vier Wochen (in Prozent)
Hochdorf +87,8 (Platz 1 der SPI-Bestenliste) +11,3
Logitech +59,1 (Platz 4) +0,8
AFG Arbonia +55,5 (Platz 6) +8
Gurit +52,3 (Platz 7) +8,2
Bobst +50,2 (Platz 8) +14,6
Peach Property +40,4 (Platz 13) +5,6
Partners Group +39,1 (Platz 14) +1,1
Valora +37,1 (Platz 15) +2,7
Sika +36,9 (Platz 18) +4,5
Comet +31,8 (Platz 19) +14,4
Temenos +31,8 (Platz 20) +5,5
Emmi +31 (Platz 21) +1,7
Implenia +30,7 (Platz 22) +2,1
Schweiter +27,3 (Platz 26) +1,8
Georg Fischer +27,1 (Platz 27) +0,4
Autoneum +26,7 (Platz 28) +1,4
Bossard +26,3 (Platz 30) +0,3
Komax +25,8 (Platz 31) +3,7
Cham Paper Group +25,4 (Platz 33) +1,6

Quelle: cash.ch (Stand: 5. Dezember, 15.00 Uhr)

Zum Window Dressing könnten auch noch einige Aktien verleiten, die ebenfalls eine gute Jahresperformance hatten, aber in den vergangenen Wochen beim Kurs Federn lassen musste. Dazu gehören etwa die Technologiegruppe Bachem (+54,7 Prozent seit Anfang Jahr, -6,2 Prozent in den letzten vier Wochen) oder Goldbach (+45,1 Prozent/-2,4 Prozent).

Was für Privatanleger noch gute Trading-Möglichkeiten ergeben kann, ist für Fonds- und Anlagekunden eine etwas kritischere Angelegenheit. Verkauft werden die hässlichen Entlein. Aus dem "Schaufenster geworfen" werden speziell Titel, die zwar schlecht performten, aber längere Zeit noch Hoffnungspotenzial hatten. Typische Beispiele sind in letzter Zeit Meyer Burger, die drittschlechteste Aktie Year-to-date (-65,5 Prozent), deren Ruf unter einer erneuten Kapitalerhöhung leidet. Auch Santhera (-48,4 Prozent), die acht-schlechteste SPI-Aktie dieses Jahr, hat Anhänger verloren.

Window Dressing hat zwielichtigen Ruf

Für Längerfristige Anleger ist Window Dressing eine heikle Angelegenheit. Nicht alle Experten sind überzeugt, dass Window Dressing überhaupt etwas nützt. "Die Geschichte mit dem Window Dressing kommt jedes Jahr, so wie die Erwartung einer Weihnachtsrally. Man kann aber beides nicht korrekt voraussagen", sagt Roland Egger, Anlagespezialist bei der Bank Lombard Odier.

Egger selbst hält die Methode gar für kontraproduktiv: "Sicherlich werden bis Ende Jahr noch gewisse Positionen bereinigt. Persönlich glaube ich aber, dass Window Dressing eher schädlich ist." Man verkaufe Titel, die nicht gut liefen und kaufe welche, die gut liefen: "Später erweist sich dies netto aber als schädlich für die Performance."

Eggers Analyse enthält sogar schlechte Nachrichten für jene, die kurzfristig traden wollen. Genausogut steuerten aktuelle Ereignisse das Börsengeschehen, sagt der Experte: "Was wir im Moment sehen, ist eine zyklische Rally. Die US-Wahl hat diese Entwicklung zusätzlich befeuert. Wenn die Fed aber nächste Woche die Zinsen anhebt, dann kann ich mir vorstellen, dass es zu einer 'Reverse Rally' kommt."

Auch Panagiotis Spiliopoulos, Leiter Research bei der Bank Vontobel, warnt: "Kurzfristig spielen noch die EZB-Entscheidung zum Anleihenkaufprogramm und die mögliche Zinserhöhung der Fed eine grössere Rolle". Wer also vom Window Dressing profitieren möchte, muss dieses Jahr nicht nur auf der Hut sein, sondern ein ziemliches Geschick beweisen.