Kaschieren von Fehlentwicklungen28 der 30 SLI-Unternehmen veröffentlichen alternative Kennzahlen

Kerngewinn, adjustierter Gewinn, normalisierter Gewinn: Anleger sehen sich mit einem Urwald an bereinigten Kennzahlen für die Unternehmensleistung konfrontiert.
27.08.2017 17:36
Aryzta wies 2016 einen adjustieren Gewinn aus, der stark vom ausgewiesenen Gewinn abwich (Bild: Dessertgebäck von Aryzta).
Aryzta wies 2016 einen adjustieren Gewinn aus, der stark vom ausgewiesenen Gewinn abwich (Bild: Dessertgebäck von Aryzta).
Bild: ZVG

28 der 30 im Börsenindex SLI gelisteten Firmen haben in den vergangenen vier Jahren mindestens eine adjustierte Kennzahl ausgewiesen. Das heisst, sie rechneten vor allem Aufwendungen, aber auch Erträge aus den Kennzahlen heraus, die sie gemäss ihrem Rechnungslegungsstandard erstellen. Meist konnten sie so höhere Gewinne ausweisen.

19 Unternehmen setzen regelmässig auf bereinigte Zahlen: Sie haben über alle vier Jahre in Folge Adjustierungen vorgenommen, wie eine Untersuchung von Analysten der Zürcher Kantonalbank (ZKB) ergab. Die Studie, über die die "NZZ am Sonntag" berichtete, liegt der Nachrichtenagentur sda vor. Einzig das Baustoffunternehmen Sika und der Uhrenkonzern Swatch verzichten demnach auf alternative Kennzahlen und veröffentlichen einzig die Zahlen des geprüften Jahresabschlusses.

Fehlentwicklungen kaschieren

Die Verwendung bereinigter Zahlen sei nicht per se schlecht, könnten sie doch wertvolle Zusatzinformationen über die vergangene und die zukünftige Ertragskraft eines Unternehmens enthalten, schreibt die ZKB. Als positives Beispiel nennen die Analysten hier Geberit. Der Sanitärtechnikhersteller rechnete transparent die Kosten einer Übernahme heraus.

Die Analysten warnen aber vor Risiken für Investoren: Solche Zahlen könnten auch dazu verleiten, Fehlentwicklungen zu kaschieren und Gewinne zu beschönigen. Studien zeigten, dass insbesondere Kleinanleger zu Fehlinterpretationen von adjustierten Perfomancekennzahlen neigten.

Ein Extrembeispiel in Sachen Bereinigung ist der Backwarenkonzern Aryzta. Für das Geschäftsjahr 2016 errechnete der Konzern einen adjustierten Reingewinn von 312 Millionen Franken - der ausgewiesene Reingewinn hingegen betrug gerade mal 67 Millionen Franken. Anleger erwischte es wenige Monate später kalt, als eine Gewinnwarnung den Marktwert des Unternehmens innerhalb eines Tages um ein Drittel einbrechen liess.

Insgesamt lagen die zusammengerechneten adjustierten Reingewinne der SLI-Unternehmen 2016 um rund einen Drittel über den Reingewinnen gemäss dem angewendeten Rechnungslegungsstandard. 2013 betrug der Unterschied noch 23 Prozent. Nicht nur kamen Firmen dazu, die neu adjustierte Reingewinne auswiesen, auch die vorgenommenen Bereinigungen erreichten ein neues Niveau.

Am meisten rechnen Unternehmen Kosten im Zusammenhang mit Amortisationen, Abschreibungen und Wertberichtigungen heraus sowie Aufwendungen im Zusammenhang mit Restrukturierungen, Reorganisationen und Akquisitionen. Umgekehrt werden auch Erträge aus dem Verkauf von Unternehmen oder Anlagen ausgeklammert.

Neue Richtlinie

Der Wildwuchs an alternativen Kennzahlen hat bereits die Schweizer Börsenbetreiberin SIX auf den Plan gerufen. Diese hat eine Richtlinie zur Verwendung solcher Zahlen erarbeitet, zu der die kotierten Unternehmen bis Ende Juli Stellung nehmen konnten.

Unter anderem verlangt die Richtlinie klare und verständliche Definitionen der alternativen Kennzahlen. Zudem muss ein Bezug zu vergleichbaren Kenngrössen gemäss Rechnungslegungsstandard herstellt werden. Die alternativen Kennzahlen dürfen zudem nicht stärker hervorgehoben werden als diese.

Die SIX geht damit weniger weit als die europäische Wertpapieraufsicht ESMA oder die US-Börsenaufsicht SEC. Diese fordern heute bereits eine Begründung für die Anwendung alternativer Kennzahlen. Neue Vorschriften hin oder her: Ein Verbot von solchen Kennzahlen sei nicht wahrscheinlich und wohl auch nicht sinnvoll, schreibt die ZKB. Finanzmarktakteuren bleibe nicht anderes übrig, als sich mit der Problematik vertraut zu machen.

(AWP)