Kaufempfehlungen - Preisen Analysten diese Aktien zu Recht zum Kauf an?

Swiss Re und andere Schweizer Aktien haben jüngst Rating-Heraufstufungen erfahren. Warum die Analysten bei diesen Titeln so optimistisch sind, und ob die Hoffnungen gerechtfertigt sind, steht auf einem anderen Blatt.
09.07.2018 17:11
Von Marc Forster
Kaufgelegenheit, Schnäppchen oder Sonderangebot - auch Analysten preisen Aktien manchmal hemmunglos an.
Kaufgelegenheit, Schnäppchen oder Sonderangebot - auch Analysten preisen Aktien manchmal hemmunglos an.
Bild: Pixabay

Aktien-Rating- und Kursziele von Analysten sind so eine Sache: Sie basieren auf ausgefeilten Bewertungsmodellen und sollen gleichzeitig dazu beitragen, dass Banken ihren Kunden Aktiengeschäfte leichter vermitteln können.

Werden in den aktuell unsicheren Zeiten Kaufempfehlungen ausgesprochen, entsteht schnell einmal auch der Eindruck, gewisse Banken wollten Aktienkäufe noch pushen. Die Aussagen, die Analysten machen, sind manchmal durchaus mehrdeutig: So sind "Halten"-Ratings oft versteckte Kaufempfehlungen.

Einige Schweizer Aktien haben Ende Juni Rating-Heraufstufungen und neue Kursziele erfahren. Letztere gelten in der Regel für zwölf Monate. Was Aktien kurzfristig anschiebt, sollte aus Anlegersicht allerdings länger halten. Eine Übersicht zu den vier Titeln Swiss Re, SGS, Adecco und VAT, die bei internationalen Analysten zum Handkuss gekommen sind.

Swiss Re

Goldman Sachs begründete vorletzte Woche die Heraufstufung der Swiss-Re-Aktie auf "Buy" mit attraktiver gewordenen Renditechancen. Neben der hohen Dividendenrendite 5,7 Prozent errechnet Goldman Sachs, dass die aktuell bei 87,50 Franken liegende Aktie auf 103 Franken steigen werde. Das wären 15 Prozent Kursgewinn. 

Seit dem Rating-Entscheid von Goldman Sachs hat sich die Aktie immerhin um etwa 2 Franken verteuert. Ein besseres Rating von der grossen US-Investmentbank kann die Aktie brauchen: Seit Jahresanfang liegt der Titel um 4,5 Prozent im Minus. Er gehört aber immerhin nicht zu den am meisten abgestraften SMI-Titeln (cash berichtete).

In den vergangenen Monaten litt der Titel unter anderem darunter, dass der Einstieg des japanischen Technologiekonzerns Softbank platzte. Wachstum ist bei Swiss Re nur moderat prognostiziert, dazu kommen wie immer die finanziellen Risiken aus Naturkatastrophen.

Swiss Re ist mit einem langfristigen Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 9 ähnlich tief bewertet wie andere Versicherer und gilt als leicht unterbewertet. Der Swiss-Re-Titel "lebte" in letzer Zeit aber eher von den Dividendenrenditen und Aktienrückkäufen, also der Mittelrückführung an die Aktionäre. Und ein Stand von 103 Franken, wie von Goldman Sachs geschätzt, wäre auch der höchste Stand seit Ende 2007. Denn seit dem Börsenabsturz während der Finanzkrise kletterte die Swiss-Re-Aktie nie mehr über 100 Franken. Zu befürchten ist, dass das Kaufinteresse erst bei der Aussicht auf die nächste – möglicherweise noch üppigere – Ausschüttung wieder zunimmt.

SGS

Der Genfer Warenprüfkonzern steht neuerdings in der Gunst von Barclays. Das Rating "Overweight" begründet das britische Bankenimperium vor allem damit, dass SGS im Vergleich zu anderen Warenprüfern an der Börse die besten Aussichten habe. Aufgrund eigener Gewinnschätzungen errechnet Barclays ein KGV von 23, womit SGS keine Billig-Aktie ist. Das Langfrist-KGV liegt gemäss cash-Aktienmonitor bei 22. Das Barclays-Rating hat die Aktie wenig beflügelt, was mit der relativierenden Begründung der Analysten zu tun haben könnte.

Im Vergleich zu Anfang Jahr liegt der Kurs der SMI-Aktie um 4,1 Prozent höher, er erreichte Mitte Juni ein Rekordhoch. SGS wird eine hohe Fähigkeit attestiert, gute Cash-Flows zu erwirtschaften. Vor allem das Geschäft mit Energie-Kunden dürfte das Unternehmen stützen. Das Unternehmen wächst laufend dank kleiner Übernahmen und beschäftigt mittlerweile ein Sechstel des Personals in China.

Das Urteil der Analysten über SGS ist sehr gemischt. Dem Genfer Konzern ein beträchtliches Kurspotenzial zuzutrauen, wäre fehl am Platz. Der Handelskrieg dürfte den Kurs zudem eher volatil halten. 

Adecco

Die Royal Bank of Canada (RBC) war es, die Ende Juni das Rating für Adecco erhöhte. Die Adecco-Aktie sinkt allerdings seit sechs Monaten kontinuierlich, das Minus beträgt 26 Prozent, seit Jahresbeginn sind es knapp 22 Prozent.

Die Begründung der Kanadier: Die Lage sei besser als der Kursverlauf, im aktuellen Niveau seien konjunkturelle Schwierigkeiten, die das Geschäft des Temporärkräftevermittlers massgeblich bestimmen, schon eingepreist.  Als weitere Begründung schrieb die RBC, dass Adecco aktuell von einem Investitionsprogramm belastet werde, das sich nächstes Jahr nicht mehr negativ auswirke.

Dennoch sollte man der RBC nicht blind folgen. Ein so zyklischer Titel wie Adecco wird trotz tiefer Bewertung (KGV 10) wohl weiter leiden, wenn die Märkte unruhig sind wie jetzt mit dem Handelskrieg zwischen den USA und China. Auch die weniger positiven Konjunkturaussichten in Europa werden die Adecco-Aktie eher bremsen. 62 Prozent des Umsatzes kommt aus europäischen Märkten.

VAT

Die VAT-Gruppe hatte keine Heraufstufung, aber ein Erst-Rating durch die Zürcher Kantonalbank (ZKB). Die Analysten verliehen vorletzte Woche sogleich ein "Übergewichten", was beim grössten Schweizer Staatsinstitut einer Kaufempfehlung gleichkommt. Die volatilen Märkte rechtfertigten einen Anstieg, schreibt die ZKB.

Nach der Börsenkotierung im Mai 2016 stieg der Kurs des Vakuumventile-Herstellers bis Ende vergangenen März von 50,30 auf 171,60 Franken. Seither ist der Kurs um fast 30 Prozent gefallen. Gerüchteweise gehört VAT zu den Aktien, die etwas aus der Gunst grosser ausländischer Börsenakteure gefallen sind (cash berichtete). Die ZKB setzt das Kursziel aber unbeeindruckt bei 170 Franken.

Die ZKB-Haltung ist aber insofern gerechtfertigt, als dass VAT über hervorragende Produkte verfügt und eine gute Marktstellung bei Kunden in der Halbleiterindustrie, der Elektronikbranche oder dem Pharmasektor hat. Die Bewertung ist mit einem KVG von 16 noch vertretbar, ausserdem gehört VAT mit 3,2 Prozent Rendite auf der Ausschüttung zu den besseren Dividendenzahlern. Wer skeptisch ist, sollte die Lage noch etwas beobachten. Für die Halbjahrespräsentation am 24. August erwarten Analysten operativ gute Resultate.