Kommt es in der Schweiz zur Sommer-Rallye?

Seit Wochen laufen die Aktienkurse an mehreren Leitbörsen richtig gut. Damit es auch hierzulande zu einer Hausse kommt, braucht es jedoch einiges.
02.08.2016 00:01
Von Ivo Ruch
Vollgas an der Börse: In der Schweiz noch kein Thema.
Vollgas an der Börse: In der Schweiz noch kein Thema.
Bild: Pixabay

Japan und Deutschland +6 Prozent, China +5 Prozent, Frankreich +4 Prozent, Schweiz +0,5 Prozent: Mit Blick auf die letzten vier Wochen hinkt die Schweizer Börse ihrer internationalen Konkurrenz hinterher, wie die nächste Tabelle zeigt. In den USA war der Appetit auf Aktien in jüngster Zeit gar so gross, dass der Leitindex Dow Jones und der breitere S&P 500 von Rekordhoch zu Rekordhoch kletterten.

Aktienindex Performance 4 Wochen, in % Performance seit Anfang Jahr, in %
Nikkei +5,5 -12,6
Dax +6,4 -3,8
Hang Seng +5,1 +1
CAC40 +4,1 -4,9
Dow Jones +2,5 +5,6
SMI +0,5 -7,8

Ausgewählte internationale Leitindizes, Quelle: cash.ch (Stand 01.08.16) 

Aufgrund dieser Schönwetterlage ist mancherorts bereits von einer Sommer-Rallye die Rede. Davon ist der Schweizer Aktienmarkt zwar noch ein gutes Stück entfernt. Dem Swiss Market Index (SMI) will der Ausbruch aus einem Kurs-Kanal zwischen 7800 und 8200 Punkten einfach nicht gelingen.

Doch beim genaueren Blick auf die Schweizer Börse tun sich Gräben auf: Einerseits die grosskapitalisierten Firmen der Pharma-, Konsumgüter- und Finanzindustrie, die schon seit längerem einen schweren Stand haben. Von ihrer Zukunft hängt das Schicksal der Schweizer Börse in grossem Masse ab. Alleine die Aktien von Novartis, Roche und Nestlé, beeinflussen mehr als die Hälfte der SMI-Performance. 

Auf der anderen Seite das Schweizer Nebenwerte-Segment, das international mit den besten Indizes mithalten kann. Gemessen am SPI Extra, der die 20 grössten Aktien aus dem Swiss Performance Index ausklammert, haben die hiesigen kleinen und mittelgrossen Unternehmen ihren Börsenwert seit Anfang Jahr um mehr als 5 Prozent steigern können. Das zeigt, wie gut sich das Gros der Schweizer Firmen mit dem starken Franken und den verschiedenen internationalen Unsicherheitsfaktoren arrangiert haben.

Nebenwerte: Beliebt, aber teuer

Die grosse Beliebtheit der Small und Mid Caps könnte ein Faktor sein, damit es an der Schweizer Börse doch noch zu einer Sommer-Rallye kommt. Denn das rege Kaufinteresse hat dazu geführt, dass das Aktiensegment mittlerweile teuer geworden ist. Somit steige die Wahrscheinlichkeit einer Umschichtung in grosskapitalisierte Aktien, wie Roland Egger sagt. "Das würde zusätzliches Potenzial für den Schweizer Gesamtmarkt bedeuten", so der Investment-Spezialist von der Privatbank Lombard Odier zu cash. 

In Bezug auf das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) für 2017 sind die "grossen" Schweizer Aktien hingegen günstig: Novartis ist nur noch mit 14 und Roche mit 17 bewertet. Bei der Credit Suisse und der UBS sind es gar tiefe KGV-Werte von 9, wie aus Angaben der Zürcher Kantonalbank hervorgeht.

Als weitere Zutaten für einen bullishen Cocktail erkennt Egger das billige Notenbankgeld und fiskalische Impulse zur Ankurbelung der Konjunktur. Lombard Odier hält deshalb an der SMI-Jahresendprognose von 9000 Punkten fest. Bei aktuell rund 8100 Punkten bedeutet das ein Aufwärtspotenzial von mehr als 10 Prozent.

Die Analysten haben übertrieben

Weniger euphorisch, aber immer noch optimistisch ist Thomas Della Casa von der Neuen Helvetischen Bank. Er erwartet einen Anstieg des SMI auf 8800 Punkte, notabene der Stand von Anfang Jahr. Sein Argument: Die Erwartungen an die zu Ende gehende Berichtssaison des zweiten Quartals waren zu pessimistisch, die Analysten haben übertrieben. "Firmen aus der Finanzindustrie haben eher enttäuscht, während Konsumgüter- und Industrieunternehmen positive Resultate vorlegten", sagt der Anlagechef Della Casa. 

Daraus resultiert weiterer Rückenwind für den Schweizer Aktienmarkt. Dieser Schub dürfte auch von den Nestlé-Halbjahreszahlen nicht gebremst werden – die einzigen der fünf grössten SMI-Aktien (Nestlé, Roche, Novartis, UBS, ABB), die noch anstehen (am 18. August). Della Casa erwartet von den Nestlé-Zahlen keine Überraschung, weder positiv noch negativ. "Dementsprechend dürften diese Resultate auch keinen grossen Einfluss auf den Verlauf des SMI haben."

Diverse Risikoherde vorhanden

Deutlich weniger Potenzial am Schweizer Aktienmarkt erkennt die Raiffeisen-Bank. Vor dem Brexit-Votum zeichnete Chefökonom Martin Neff ein Szenario, wonach der SMI bis Ende Jahr unter 7000 Punkte fallen könnte.

Das ist bisher zwar nicht passiert. Aber Roland Kläger, Leiter Finanzmarktanalyse bei Raiffeisen, sieht weiterhin "viele Risikoherde", wie er sagt. Dazu gehören Wachstumsabschwächung und verzweifelte Gegenmassnahmen in China, das Verpuffen der Wirkung japanischer Geldpolitik, Sorgen um den Bankensektor oder mögliche Ausfälle im Energiesektor bei tiefen Rohstoffpreisen. Würden sich mehrere dieser Unsicherheiten gemeinsam an den Märkten entladen, wären weitere markante Korrekturen nicht auszuschliessen, sagt Kläger.

Zumindest was den Bankensektor betrifft, herrscht seit Freitagabend etwas mehr Klarheit. Beim diesjährigen Stresstest der EU-Bankaufsichtsbehörde EBA erwiesen sich die in den vergangenen Jahren deutlich erhöhten Kapitalpuffer als vergleichsweise stabil. Doch schon am Donnerstag steht der Zinsentscheid der britischen Notenbank an. Es bleibt also spannend an der Anlegerfront.