Konjunktur - Ifo-Geschäftsklima in Deutschland trübt sich erneut ein

Die Stimmung in den deutschen Unternehmen hat sich im September zum zweiten Mal in Folge eingetrübt.
25.09.2017 10:48
Das Brandenburger Tor in Berlin.
Das Brandenburger Tor in Berlin.
Bild: Pixabay

Das Geschäftsklima fiel um 0,7 Punkte auf 115,2 Zähler, wie das Münchner Ifo-Institut am Montag mitteilte. Bankvolkswirte hatten dagegen einen geringfügigen Zuwachs erwartet. Sowohl die Erwartung für das kommende halbe Jahr als auch die Bewertung der aktuellen Lage fielen schlechter aus.

Ungeachtet des abermaligen Rückgangs liegt das Geschäftsklima nicht weit von seinem Rekordstand vom Juli entfernt. "Die neue Legislaturperiode startet trotzdem mit dem Rückenwind einer starken Konjunktur", kommentierte Ifo-Präsident Clemens Fuest. Schlechter fiel die Unternehmensstimmung im Verarbeitenden Gewerbe und im Grosshandel aus. Besser war die Stimmung im Einzelhandel und im Baugewerbe.

Das sagen Ökonomen in einer ersten Analyse zum Ifo-Index:

UWE BURKERT, CHEFÖKONOM LBBW

"Irgendwann musste der Höhenflug des Geschäftsklimas enden. Der Rückgang im September ist ein erstes Zeichen dafür, dass die Konjunktursonne nicht ewig scheinen wird. Allerdings sollte man den Rückgang auch nicht überschätzen. Die Dynamik bleibt einstweilen auf hohem Niveau. Einen Einfluss der Bundestagswahl auf die Konjunktur sehen wir wohl so schnell nicht. Aus Unternehmenssicht dominieren andere Themen. Da sieht es mit dem niedrigen Zinsniveau und den Zeichen der Belebung in den übrigen Staaten der Euro-Zone weiterhin gut aus. Dafür dürften die Exportchancen durch den stärkeren Euro etwas gesunken sein. Aber noch dürfte die Industrie damit gut zurechtkommen."

JENS KRAMER, NORDLB

"Wir hatten gedacht, dass sich der Index nahe des historischen Höchststandes hält. Der leichte Rückgang ist jetzt aber auch kein Grund zur Beunruhigung. Derzeit sagen die Firmen noch: 'Alles ist bestens.' Im zweiten Halbjahr wird die deutschen Wirtschaft nicht mehr ganz so dynamisch wachsen wie im ersten Halbjahr, aber noch weiter recht robust. Das Wahlergebnis schreckt wohl niemanden. Eine Jamaika-Koalition unter Angela Merkel macht keinem Angst."

THOMAS GITZEL, VP BANK

"Auch wenn das Konjunkturbarometer im September leicht nachgibt, Grund zur Sorge besteht nicht. Im historischen Vergleich bleibt der Ifo-Index auf hohem Niveau und signalisiert ein kräftiges Wachstum. Trotz des leichten Rückgangs gilt deshalb: Die Münchner Konjunkturforscher skizzieren noch immer passend zur ausgelassenen Stimmung auf dem Oktoberfest ein weiß-blaues Konjunkturbild.

Der Rückgang signalisiert zumindest, dass der kräftigste BIP-Zuwachs wohl hinter uns liegt – ohne dass dabei das Wachstum schwach ausfällt. Möglicherweise werden die Zuwachsraten beim privaten Konsum etwas kleiner. Der Aufschwung wird aber wohl dennoch an Breite gewinnen. Der anziehende Welthandel färbt positiv auf die deutsche Exportwirtschaft ab. Die gut laufende Konjunktur und die niedrigen Zinsen machen den Unternehmen nun auch Investitionen schmackhaft.

Da sich der Ifo-Index zuletzt selbst gegenüber dem Dieselskandal weitgehend unbeeindruckt zeigte, dürfte der überraschende Ausgang der Bundestagswahl ebenfalls an den Unternehmen abprallen. Dass in Anbetracht der schwierigen Regierungsbildung und der unklaren politischen Agenda das Konjunkturbarometer im kommenden Monat mit deutlichen Abschlägen reagiert, ist nicht zu erwarten."

JÖRG ZEUNER, KFW-CHEFÖKONOM

"Die Stimmung ist trotz der jüngsten Eintrübung weiterhin außergewöhnlich gut, die Wirtschaft läuft. Dennoch wartet einiges an Arbeit auf die kommende Regierung, damit das auch in Zukunft so bleibt und niemand abgehängt wird. Deutschland braucht nicht nur mehr Investitionen unter anderem in die Infrastruktur und bezahlbaren Wohnraum, sondern auch ein Bildungssystem, das keine Talente zurücklässt, sowie eine Gründungs-, Innovations- und Digitalisierungsoffensive. Das Fenster zur Stärkung der Europäischen Union gemeinsam mit Frankreich und den anderen Partnerländern steht zurzeit weit offen. Diese Chance gilt es beherzt zu ergreifen. Denn Europa schafft die günstigen Rahmenbedingungen, unter denen Deutschland seine wirtschaftlichen Stärken ausspielen kann."

(AWP/Reuters)