LafargeHolcim steuert auf «Tag der Abrechnung» zu

Viel Zeit bleibt dem Management von LafargeHolcim laut Analysten nicht mehr, um zu beweisen, dass es die 40-Milliarden-Euro-Fusion richtig angepackt hat. Der "Tag der Abrechnung" könnte schon im August anstehen.
21.06.2016 16:02
LafargeHolcim-CEO Eric Olsen.
LafargeHolcim-CEO Eric Olsen.
Bild: Bloomberg

Eric Olsen stemmt die Hand in den Rücken und lächelt gequält. "Erinnern Sie mich daran, nicht mehr Squash zu spielen", scherzt der Chef des Branchenriesen LafargeHolcim am Morgen nach einem Match gegen seinen Vorstandskollegen Urs Bleisch. Wie Olsens Rücken an diesem Morgen in einem Zürcher Luxushotel schmerzt, so ist auch sein Konzern nicht in Topform. Knapp ein Jahr nach dem Vollzug der Megafusion hinkt der Weltmarktführer den kleineren Rivalen hinterher, interne Querelen haben das Unternehmen aus dem Tritt gebracht. Viel Zeit bleibt dem Management nach Einschätzung von Analysten nicht mehr, um zu beweisen, dass es die 40-Milliarden-Euro-Fusion richtig angepackt hat. Der "Tag der Abrechnung", wie Phil Roseberg vom Broker Bernstein das nennt, könnte schon im August anstehen.

Vernichtende Zwichenbilanz

Die vorläufige Bilanz der Investoren ist vernichtend. Während Grossaktionär Thomas Schmidheiny noch im Juni 2015 prognostizierte, dass die Aktie "relativ zügig einen Kurs um 100 Franken erreichen" sollte, dümpelt sie ein Jahr später bei gut 42 Franken. Damit ist der Gesamtkonzern heute noch gut so viel Wert wie es die beiden Vorgängerfirmen - Lafarge aus Frankreich und Holcim aus der Schweiz - einzeln waren. Auf ein 1,4-Milliarden-Verlust im Gesamtjahr 2015 folgte ein enttäuschendes Quartalsergebnis. Die Firmenspitze machte dafür unter anderem die Krise in Schwellenländern verantwortlich. Allerdings war eines der Ziele der Fusion gerade, den Konzern so breit aufzustellen, dass Probleme in einzelnen Märkten dem Giganten kaum mehr etwas hätten anhaben können. Zudem beweisen die Rivalen HeidelbergCement, Cemex oder CRH mit ihren zuletzt wesentlich besseren Zahlen, dass es auch anders geht.

Wie bei vielen Zusammenschlüssen unter zwei gleich starken Partnern war auch LafargeHolcim vorerst mehr mit sich selbst beschäftigt als mit dem Markt. Mitten im Fusionsprozess entbrannte ein Streit über den Preis. Die Kulturen von Lafarge und Holcim erwiesen sich als schwer vereinbar. Und auf keinem der drei Top-Posten im Konzern sitzt noch der Manager, der ursprünglich dafür vorgesehen war. Diese Auseinandersetzungen hätten dazu geführt, dass der Konzern die Restrukturierung zu zögerlich angegangen sei, sagt ein Berater. "Die Alarmglocken haben geschellt, und die grossen Aktionäre sind jetzt an Deck, um die Situation zu korrigieren."

Was will der neue Präsident?

In ihren Stellungnahmen beteuern die beiden grössten Eigner, die mit jeweils zwei Vertretern im Verwaltungsrat sitzen, dass sie die Geduld noch nicht verloren haben. "Es ist offensichtlich, dass eine Fusion dieser Grössenordnung nicht in einem Jahr abgeschlossen ist", erklärt Gerard Lamarche von der belgischen Groupe Bruxelles Lambert (GBL), die knapp zehn Prozent an LafargeHolcim hält. Er glaube weiterhin an die "industrielle Logik des Zusammenschlusses" und sehe ein beträchtliches Kurssteigerungspotential. Auch der Schweizer Schmidheiny, der gut elf Prozent hält, stärkt dem Management in einer schriftlichen Stellungnahme den Rücken. "Ich bin überzeugt, dass es Eric Olsen und seinem Team allen Schwierigkeiten zum Trotz gelingen wird, die ambitionierten Ziele zu erreichen."

Olsen selbst liess in einem Reuters-Interview vergangene Woche nicht den Hauch eines Zweifels erkennen, dass er das Ergebnis im laufenden Jahr mindestens um einen hohen einstelligen Prozentsatz steigern kann. Angesichts der Unbedingtheit der Prognose dürfte es für den amerikanisch-französischen Doppelbürger aber eng werden, sollte der Konzern die Latte reissen. Und das ist Experten zufolge gar nicht so unwahrscheinlich. Roseberg weist darauf hin, dass die Firmen nicht einmal in den besten Zeiten so stark zulegten, wie es zur Erreichung des Ziels 2016 notwendig wäre. Klarheit dürfte schon am 5. August herrschen, wenn der Konzern die Halbjahreszahlen vorlegt. "Ich erwarte, dass der Verwaltungsrat reagieren muss und schon ziemlich bald etwas macht", erklärt Analyst Roseberg. "Eine Situation, in der das Management die Augen vor der Wahrheit verschliesst, ist nicht haltbar."

Alle Blicke richten sich nun auf Verwaltungsrats-Präsident Beat Hess, der im Mai für Wolfgang Reitzle nachrückte. Mit dem früheren Chefjuristen von ABB und Shell setzt sich Olsen und die Geschäftsleitung im Verlauf der Woche auch zusammen, um über die Pläne für 2016 und die kommenden Jahre zu reden, wie Olsen erklärte.

Hess hat seine Pläne für den Konzern bisher nicht offengelegt. Er dürfte aber ein offenes Ohr für die Anliegen der Grossaktionäre haben, die endlich Rendite sehen wollen. LafargeHolcim könnte die Lafarge-Strategie fortsetzen und auch in den kommenden Jahren weitere Firmenteile verkaufen, um die Aktionäre mit Ausschüttungen bei der Stange zu halten, spekuliert ein Firmeninsider. Und falls LafargeHolcim die Rentabilitätsziele nicht erreiche, müsse Hess auf der Kostenseite einen Gang hochschalten, erklärt ZKB-Analyst Martin Hüsler. Bei den Investitionen hat das Management schon das Messer angesetzt, bei der Energieausgaben ist der Konzern allerdings stark von den Marktpreisen abhängig.

Bleibt das Personal: Einen weiteren Abbau der gegenwärtig rund 100.000 Stellen schliesst selbst der CEO nicht aus. Kostensenkungschef Bleisch habe im Squash-Match schon mal Motivation getankt, frotzelt Olsen. Einen klaren Sieger gab es in dem Spiel zwischen den beiden nicht.

(Reuters)