Lieber Anleihen mit Nullrendite als Aktien

Europäische Aktien bringen einen rund sieben Mal so hohen Ertrag wie Anleihen. Die Anleger scheren sich nicht darum: Sie stossen Aktien ab.
28.02.2016 05:56
Viele Anleger stossen Aktien ab, um Obligationen zu kaufen.
Viele Anleger stossen Aktien ab, um Obligationen zu kaufen.
Bild: ghidelli.net

Der Euro Stoxx 50 Index hat gerade seine stärkste Woche seit Oktober hinter sich. Dessen ungeachtet flossen in den fünf Handelstagen bis zum 17. Februar 4,2 Mrd. Dollar aus europäischen Aktienfonds ab. Wie Bank of America in einer Studie unter Berufung auf EPFR Global schreibt, ist seit über einem Jahr nicht mehr so viel Geld aus der Anlageklasse abgeflossen.

Die Gelder werden abgezogen, obwohl die Unternehmensdividenden die Renditen festverzinslicher Aktiva so weit hinter sich lassen wie noch nie.

Investoren, die sich vor gerade einmal vier Monaten, als eine ähnliche Bewertungslücke zwischen Anleihen und Aktien klaffte, in Aktien engagierten, verspüren wenig Lust, es noch einmal zu tun. Die Herbstrally der Aktien war bis Dezember schon wieder verpufft. Eine Befragung von Fondsmanagern durch Bank of America aus dem Februar kam zu dem Ergebnis, dass die Barbestände in den Portfolios auf ein 14-Jahres-Hoch geklettert sind und dass die Erwartungen an das Wachstum der Weltwirtschaft so niedrig sind wie zuletzt 2011. 

Die unterschiedliche Bewertung von Aktien und Anleihen könnte sogar noch deutlicher werden, argumentiert Simon Wiersma, Investmentmanager bei der ING Groep NV in Amsterdam: "Die Lücke zwischen den Renditen von Anleihen und Aktien wird weiter wachsen. Investoren fürchten die Zahlen zum Wirtschaftswachstum. Wir warten immer noch auf Bestätigungen für den Wachstumsausblick."

Herdenbewegung zum Anleihenmarkt

Die Dividendenprognosen für Branchen wie Energie und Versorgen sind für dieses Jahr möglicherweise immer noch überhöht, sagt Wiersma. Electricite de France SA und Centrica Plc senkten in der vergangenen Woche ihre Ausschüttungen; die deutsche RWE AG setzt die Dividende für Stammaktien erstmals in mindestens einem halben Jahrhundert ganz aus. Beim Ölkonzern Repsol, dem spanischen Unternehmen mit der höchsten Dividendenrendite, wetten Händler auf eine Senkung.

Nachdem EZB-Präsident Mario Draghi im Januar andeutete, dass die Europäische Zentralbank weitere Lockerungsmaßnahmen erwägt, setzte unter den Händlern eine Herdenbewegung zum Anleihemarkt ein. Die Durchschnittsrendite für Papiere aus dem Bloomberg Eurozone Sovereign Bond Index fiel auf etwa 0,6 Prozent. Etwa ein Drittel der im Index enthaltenen Anleihen - mit einem Gesamtvolumen von über 2,2 Billionen Dollar - bringen negative Renditen. Anleihen kürzerer Laufzeit von Emittenten wie Deutschland, Frankreich, Spanien und Belgien gerieten diesen Monat in die Nähe von Rekordtiefs unterhalb von Null.

Gleichzeitig haben Sorgen um eine erlahmende Konjunktur in China und um die Turbulenzen in der Bankenbranche den Euro Stoxx 50 gegenüber seinem im April verzeichneten Hoch um 25 Prozent nach unten gezogen. Damit stieg die Dividendenrendite für die Aktien im Index auf geschätzte 4,3 Prozent im Jahr. Ende Dezember lag der Wert noch bei 3,7 Prozent.

Francois Savary, Chief Investment Officer bei Prime Partners in Genf, ist davon überzeugt, dass die Kurseinbußen jede Menge günstige Kaufgelegenheiten zutage gefördert haben: "Wenn Sie glauben, dass wir um eine weltweite Rezession herumkommen und dass die Deflationssorgen übertrieben sind, dann gibt es da draußen eine Menge Aktiva zu attraktiven Preisen", sagte Savary. Er ist zunächst auf der Suche nach hoch verzinsten Unternehmensanleihen; Aktien stehen derzeit nicht auf seinem Einkaufszettel.

(Bloomberg)