«Lifewatch ist ein Rohdiamant»

Stephan Rietiker, CEO von Lifewatch, gibt Vollgas, um die Firma auf die Gewinnerstrasse zurückzubringen. Im Interview mit cash nennt er sein Rezept sowie Innovationen. Und er äussert sich zum Potenzial der Aktie.
06.10.2014 01:01
Interview: Frédéric Papp
Stephan Rietiker, CEO von LifeWatch.
Stephan Rietiker, CEO von LifeWatch.
Bild: ZVG

cash: Die Lifewatch-Aktie verlor in den letzten vier Wochen vier Prozent und in den letzten drei Monaten 6 Prozent. Was steckt hinter dem Kursrutsch?

Stephan Rietiker: Ich denke nicht, dass diese kleine Korrektur etwas mit dem Geschäft von Lifewatch zu tun hat. Vielmehr verkaufen vermutlich einzelne Aktionäre aus dem früheren Management. Dies wird sich aber beruhigen.

Das heisst, Sie erwarten eine Erholung des Aktienkurses in den kommenden Monaten?

Absolut.

Und in welchem Umfang?

Das ist schwierig zu sagen. Ich hab meine Wunschvorstellung, die ich hier aber nicht preisgeben werde. Aber ich denke, der Aktienkurs hat Raum nach oben.

Sie sind seit Juni 2014 CEO. Wohin steuern Sie Lifewatch?

Für mich ist Lifewatch ein Rohdiamant, der nun geschliffen werden muss. Es gilt, Stärken zu schaffen und Schwächen zu eliminieren. Bevor ich an Bord kam, lag der Fokus zu stark auf der Produktentwicklung, der Markt hingegen wurde oft ausgeblendet. Wir machen es nun genau umgekehrt. Zuerst stellen wir uns die Frage: Was braucht der Markt und wie können wir marktgerechte Produkte liefern. Das ist eine von zwei Stossrichtungen.

Die andere wäre?

Wir müssen uns auf operationeller Ebene verbessern. Unsere Produkte genügen teilweise noch nicht der hohen Qualität, welche der Kunde fordert. Das gilt es nun mit Vehemenz zu ändern.

Und wie lautet Ihr Rezept?

Wir haben der Organisation eine globale, transparente Struktur verpasst, die viel stärker auf Kommunikation untereinander ausgerichtet ist. Die ehemalige "Silo-Mentalität" war hinderlich. Ich habe die Schlüsselpositionen mit erfahrenen Leuten neu besetzt, die sich im Turnaroundmanagement auskennen und zugleich die Basis für ein nachhaltiges Wachstum schaffen können.

Stichwort Turnaround: Im ersten Halbjahr schrieb Lifewatch Verlust. Wie ist der Start ins zweite Semester gelungen?

Wir sind auf Kurs. Die Bruttomarge hat sich erwartungsgemäss verbessert. Sofern keine negativen Überraschungen eintreten, werden wir das zweite Halbjahr mit Gewinn abschliessen. Ob damit der Verlust aus dem ersten Halbjahr gänzlich kompensiert werden kann, ist zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht einschätzbar. Aber ich hab bereits im Sommer gesagt, dass 2014 ein Übergangsjahr ist. Und wir legen nun den Grundstein, um im kommenden Jahr abzuheben.

Lifewatch generiert einen Grossteil des Umsatzes in den USA. Bereitet Ihnen der starke Dollar Bauchweh?

Wir behalten die Situation im Auge und Massnahmen sind in Vorbereitung, aber im Moment ist es nicht der Dollar, der mir starke Bauchschmerzen macht.

Sondern?

Eigentlich bereitet mir nichts Bauchweh. Ich strebe einfach an, noch schneller hochqualitative Produkte auf den Markt bringen und Kunden effizient beraten und beliefern können. Wenn wir einen Kunden verlieren, trifft mich das und wir versuchen alles, ihn zurück zu gewinnen.

Das klingt dramatisch…

Nein, es sind Einzelfälle. Ich bin zufrieden mit der eingeschlagenen Richtung.

Wie würden Sie einem Sechsjährigen erklären, was Lifewatch genau macht.

(lacht) Wir bieten Dienstleistungen und Produkte an, mit denen man den Gesundheitszustand eines Patienten anhand medizinischer Daten einfach und ortsunabhängig überwachen kann. Falls notwendig, werden die Daten drahtlos an ein medizinisches Call Center oder einen Arzt weitergeleitet. Insbesondere für Patienten mit Herz-Kreis-Laufproblemen – notabene die Todesursache Nummer eins weltweit – können unsere Produkte Leben retten.

Lifewatch produziert also Geräte, für Patienten mit chronischen Herz-Kreislaufstörung (Arrhythmien).

Das ist richtig. In diesem Bereich ist es für potenzielle Konkurrenten sehr schwer in den Markt einzutreten, weil er stark reguliert ist. Es bedarf viele Jahre an Erfahrung und man muss die Regulationen, die insbesondere in den USA sehr streng sind, genau kennen. In diesen Markt genügt reine Marketingpower nicht. Insofern sind wir vor Konkurrenz seitens Apple oder Google gut geschützt.

Aber Konkurrenz könnte doch vom SHL Telemedizin kommen. Die sind ja in einem ähnlichen Bereich tätig.

Viele meinen SHL Telemedizin mache dasselbe wie wir, doch es bestehen fundamentale Unterschiede. SHL Telemedizin macht Ferndiagnosen, wenn Akutsituationen wie ein Herzinfarkt drohen, und betreibt eine eigene Flotte von Krankenwagen. Dieses Modell ist also anders als bei LifeWatch. Wir bewegen uns im stark regulierten Bereich des Marktes, während sich die SHL-Dienstleistungen primär im bisher nicht regulierten Segment bewegen.

Wieviele neue Produkte hat Lifewatch am Start?

Mit unserem neuen Flaggschiff, dem VSP-Pflaster, werden wir den Markt ab 2015 global aufrollen. Dabei handelt es sich um ein wiederverwendbares Pflaster, das die fortlaufende Fernüberwachung der Vitalfunktionen, die routinemässig durch das Pflegepersonal geprüft werden ermöglicht. Der Patch kann im Spital-, Ambulanz- und Pflegebereich sowie zuhause eingesetzt werden - und zwar zu deutlich tieferen Kosten als bisherige Systeme. Im kommenden Jahr lancieren wir zudem ein günstiges Ein-Elektronen-Gerät  und ein Drei-Lead-Patch.

Wie reagieren die Krankenkassen und Gesundheitsbehörden auf ihre Produkte?

Es liegt an uns, aufgrund geeigneter Studien, die Kostenvorteile unserer Produkte aufzuzeigen. Wir haben zudem unsere Lobbyaktivität in den USA stark intensiviert. Wir müssen uns ein schärferes, Profil, ein eigenes Gesicht geben. Zudem suchen wir nach Lösungen, unsere Produkte als Teil einer Therapie anzubieten.

Die Demografie spielt Lifewatch in die Hände, wie auch die Sparmassnamen im Gesundheitswesen. Wie gross schätzen Sie den Markt ein?

Der Monitoring-Bereich wird aktuell auf ein Marktvolumen von einer Milliarde Dollar geschätzt, mit einem Potenzial von gegen 10 Milliarden Dollar in den kommenden Jahren. Der Mobile-Health-Bereich ist mindestens 50 Milliarden Dollar gross und der biomedizinische Datenbereich gar ein Vielfaches davon.

Und wie gross ist der Kuchen für Lifewatch?

Wir streben keine Marktführerschaft an, aber wir wollen uns richtig positionieren, und zwar in jener Nische, wo wir hochqualitative Produkte anbieten können. Dort wollen wir eigenständig oder in Partnerschaften agieren. Dann ist das für uns ein lukratives Geschäft.

Was ist das genau für eine Nische?

Im Mobile-Health-Bereich kann ich noch nichts Konkretes sagen, weil wir die Strategie momentan finalisieren und der Verwaltungsrat danach darüber entscheiden wird. Unsere Kernkompetenz in diesem Bereich ist aber klar die miniaturisierte Biosensorik. Mit einem Partner zusammen wollen wir den Markt bearbeiten. Im Bereich biomedizinische Daten haben wir über 20 Jahre Erfahrung. Diese gilt es nun miteinander zu vernetzen und zusammen mit Partnern und Ärzten für die Patienten nutzbar zu machen.

Und wer könnte als Partner in Frage kommen?

Ich kann keine Namen nennen, da wir gerade in Verhandlungen stecken. Aber es sind namhafte Partner, die Lifewatch weiterbringen würden.

 

Stephan Rietiker (58) hat an der Universität Zürich studiert und doktoriert. Nach fünf Jahren medizinischer Praxis wechselte er in die Pharmaindustrie, wo er diverse Führungspositionen bei Roche, Boeringer Mannhein, Schering Plough oder Sulzer Medica inne hatte. Seit Juni 2014 ist er CEO bei der Medizinaltechnikfirma Lifewatch mit Sitz in Neuhausen am Rheinfall.