London zittert vor Finanzkrise 2.0

Am Finanzplatz London macht sich derzeit ein gefährlicher Schwelbrand breit. Im Zentrum steht der seit Jahren überhitzte Immobilienmarkt der Metropole.
06.07.2016 15:40
Der boomende Immobilienmarkt in Lonon könnte durch das Brexit-Votum arg ausgebremst werden.
Der boomende Immobilienmarkt in Lonon könnte durch das Brexit-Votum arg ausgebremst werden.
Bild: Bloomberg

Dem Immobilienmarkt kehren nach dem Votum der Briten für einen EU-Austritt viele Investoren den Rücken - weil sie angesichts der unsicheren Zukunftsaussichten einen rasanten Preisverfall etwa bei Büros befürchten. Zuletzt wollten so viele Anleger ihr Geld zurück, dass gleich drei Offene Immobilienfonds, die zusammen zehn Milliarden Pfund verwalten, ihre Schotten dichtmachten, um nicht in Schieflage zu geraten.

Umso heftiger läuft nun der Ausverkauf an der Börse. Die Kurse von gelisteten Immobilienfonds (REITs) und Vermögensverwaltern sind im Sinkflug, die der britischen Banken ebenso. Letztere könnten zusätzlich in Bedrängnis geraten, sollte sich die Abwärtsspirale bei den Immobilienpreisen tatsächlich in Gang setzen. Dann drohen abermals hohe Abschreibungen. So manch einer fühlt sich an die Finanzkrise 2008 erinnert. Dabei haben die britischen Großbanken die Aufräumarbeiten noch gar nicht abgeschlossen.

Regulierer bemühen sich um Beruhigung

Die Regulierer sind bemüht, den Brand schnell auszutreten. Von einem Liquiditätsproblem im gesamten Finanzsektor könne keine Rede sein, die Lage sei heute viel besser als vor acht Jahren, bilanziert etwa die Notenbank. Analysten sind skeptischer, etwa Collette Ord von Numis: "Wenn Offene Fonds dichtmachen, wird der Markt nervös." Denn die großen Fonds könnten am Ende gezwungen sein, Gebäude mit Nachlässen loszuschlagen, um die Auszahlungswünsche der Anleger zu bedienen - und damit den gesamten Markt nach unten drücken.

Offene Immobilienfonds in Großbritannien haben noch immer ein Konstruktionsproblem: Anleger können Fondsanteile täglich zurückgeben, doch der Verkauf von Immobilien dauert in der Regel. Halten Fonds nicht genug Mittel bereit, um Investoren auszuzahlen, wird es eng. In Deutschland, wo etliche Offene Fonds in der Finanzkrise ins Taumeln gerieten, wurden deshalb feste Fristen eingeführt. Wer aussteigen will, muss zwölf Monate vorher Bescheid sagen. Das gibt Planungssicherheit.

Der Chef der britischen Finanzaufsicht FCA, Andrew Bailey, will sich die Fondskonstrukte auf der Insel nun noch einmal genauer anschauen und gegebenenfalls an den Regeln schrauben. Für die drei großen Fonds von Aviva, Standard Life und M&G Investments/Prudential, die allesamt in heimische Gewerbeimmobilien investiert haben, kommt das erstmal zu spät.

Die Schnäppchenjäger warten

Auch deutsche Gesellschaften sind über Offene Immobilienfonds auf dem britischen Markt engagiert, allerdings in überschaubarem Volumen. Das liegt einerseits daran, dass die Fonds auf eine breite regionale Streuung achten. Vielen waren zuletzt aber auch die Einkaufspreise im Königreich zu hoch - und die Renditen zu niedrig.

Die Deutsche Bank etwa hat dort rund eine Milliarde Euro investiert, verteilt auf zwei Fonds. Der zuständige Manager Georg Allendorf gibt sich im Gespräch mit Reuters gelassen: "Wir spüren nach dem 'Brexit'-Votum keine Zunahme der Rückgabewünsche der Anleger." Ähnliches berichten die Dekabank aus dem Sparkassenlager und die genossenschaftliche Fondsgesellschaft Union Investment.

Die Fonds der Deutschen Bank, die etwa in London zuletzt eher auf der Verkäuferseite waren, um Gewinne mitzunehmen, liegen nun auf der Lauer: "Sollten die Preise dort zurückgehen, werden wir sicher wieder mehr kaufen. London gehört für uns zu einem europäischen Portfolio dazu", betont Allendorf. Ähnlich äußert sich ein anderer milliardenschwerer Immobilien-Investor: "Unsicherheit bedeutet Risiko und Chance. Wir haben unsere Manager schon losgeschickt, nach neuen Immobilien in London Ausschau zu halten. Dort ist jetzt mit Preiszugeständnissen zu rechnen."

Oliver Beyer, Experte für Immobilientransaktionen bei der Kanzlei Simmons & Simmons, glaubt dagegen, dass das Geld eher in die andere Richtung fließt: "Es wird jetzt eine Gegenbewegung in Richtung Kontinentaleuropa geben. Wir werden zum Beispiel deutlich mehr Investitionen auf dem ohnehin schon überhitzten deutschen Immobilienmarkt sehen." Neben Frankfurt sieht er Paris und Amsterdam als Gewinner. Torsten Knapmeyer, Geschäftsführer der Deka Immobilien, macht bereits klar, dass London zwar wichtig bleibt, aber längst nicht mehr unangefochten ist: "Wir prüfen, ob wir uns in europäischen Standorten, die vom 'Brexit' profitieren, positionieren."

(Reuters)