Lufthansa ärgert Ryanair mit Eurowings - ein bisschen

Derzeit geht es in der Luftfahrtbranche in Deutschland zu wie beim Pokern: Jeder fragt sich, ob der andere wirklich so ein so gutes Blatt in der Hand hat oder blufft.
29.09.2016 16:04
Jumbo-Jet der Lufthansa.
Jumbo-Jet der Lufthansa.
Bild: iNg

Die Karten bereits auf den Tisch legten die Billigfluglinien Ryanair und Easyjet, die hierzulande nach langer Zurückhaltung massiv expandieren. Platzhirsch Lufthansa schlägt nun zurück und baut die eigene Günstig-Airline Eurowings aus. Die verstärkt Konzernchef Carsten Spohr mit der Vollübernahme von Brussels Airlines und 40 Flugzeugen von Air Berlin, die angemietet werden.

"Wir vermuten, dass es bei diesem Geschäft mehr um Marktanteile geht als darum, die Erträge für die Lufthansa zu erhöhen", sagt Gerald Khoo, Luftfahrt-Analyst bei der Investmentbank Liberum. Michael Gierse, Fondsmanager beim Lufthansa-Aktionär Union Investment, fügte hinzu: "Tatsache ist, das Eurowings damit wichtige Märkte besetzt, um ein Eindringen von Easyjet und Co zu verhindern." Dies könnte die Lufthansa mit dem Air-Berlin-Deal "aber nur verzögern und nicht verhindern".

Der ganz grosse Wurf?

Eigentlich sollte es der ganz grosse Wurf werden: Vor gut zwei Jahren stellte der damals erst seit wenigen Monaten amtierende Konzernchef im idyllisch auf einem Hügel über dem südhessischen Seeheim gelegengen Schulungszentrum des Dax-Konzerns seine neue Strategie vor. Eurowings soll als Plattform unter den zahlreichen Airlines in Europa die Marktbereinigung anstossen. Denn die wird nach Einschätzung des Lufthansa-Chefs früher oder später die Branche umpflügen, da es zu viele sanierungsbedürftigen Rivalen gibt. Nun folgt die Umsetzung. "Wir sehen darin auch einen ersten Schritt zur Konsolidierung der europäischen Märkte für die Lufthansa-Gruppe", sagt der für Eurowings zuständige Lufthansa-Vorstand Karl Ulrich Garnadt.

Durch die Verstärkung aus Brüssel und Berlin wächst die Eurowingsflotte von 90 auf etwa 160 Flugzeuge. Auch wenn noch nicht alle Details feststehen, sind Experten nicht begeistert. Der Deal mit Air Berlin werfe mehr Fragen auf als er Antworten bringe, sagt Analyst Khoo. Es sei unklar, wie die Vereinbarung Air Berlin eine ordentliche Rendite bescheren könne und zugleich der Lufthansa niedrige Kosten. "Wir halten es für wahrscheinlich, dass dadurch die Stückkosten von Eurowings steigen."

Garnadt betonte jedoch, in den ausstehenden Verhandlungen mit Air Berlin über die Details wolle man mindestens das Kostenniveau der besten eigenen Flugsparten erreichen - etwa das von Eurowings Deutschland. "Nur dann würden wie den Vertrag auch final schliessen." Easyjet und Ryanair stehen aber noch aus anderen Gründen unter Druck, ihre Marktanteile in Deutschland auszuweiten. Das Brexit-Votum beschleunigt die Pläne beider Billigflieger, verstärkt auch ausserhalb ihres starken Marktes Grossbritannien zu wachswen.

Auslaufmodell Umsteigeverbindungen

Spohr hat neben der Konsolidierung noch einen zweiten Grund für den schnellen Ausbau von Eurowings: Nach seiner Ansicht stösst das alte Geschäftsmodell der Lufthansa an seine Grenzen. Bisher sammelt die Airline einen Grossteil der Passagiere in ganz Europa ein und transportiert sie an die beiden grossen Drehkreuze Frankfurt und München, wo die Gäste umsteigen. Vielen Passagieren ist das aber zu umständlich - sie buchen lieber bei Billiganbietern wie Ryanair und Easyjet. "Ein Direktflug ist immer besser als eine Umsteigeverbindung", sagt Spohr. Zudem dürfte in den nächsten Jahren der Markt für private Reisen schneller wachsen als der für Geschäftsflüge.

Doch Spohrs Konzept kommt nicht bei allen gut an: mit dem Ausbau von Eurowings brachte er Teile der Belegschaft gegen sich auf. Insbesondere Piloten und Flugbegleiter fürchten sich vor der neuen Billig-Konkurrenz im eigenen Konzern, mit der alte Arbeitsverträge aus ihrer Sicht untergraben werden. Resultat waren jede Menge Streiks. Der nächste Ausstand könnte bald ins Haus stehen, ausgerechnet bei Eurowings in Deutschland. Dort drohen die Flugbegleiter ab nächster Woche damit, die Arbeit niederzulegen. Nimmt man das Gezerre zwischen Airline und Belegschaft zusammen mit dem Kampf um die Lufthoheit in Europa, muss sich Lufthansa-Chef Spohr auf ein Pokerspiel an zwei Tischen gefasst machen.

(Reuters)