Luftverkehr - Etablierte Airlines sind an der Börse nun besser als Billigflieger

Verkehrte Welt? Die Aktien traditioneller europäischer Fluggesellschaften entwickelten sich deutlich besser als die Titel von Billig-Airlines.
05.04.2017 14:41
Von Marc Forster
Die Air-France-Aktie ist stark gesteigen: Jet am Flughafen Charles de Gaulle in Paris.
Die Air-France-Aktie ist stark gesteigen: Jet am Flughafen Charles de Gaulle in Paris.
Bild: cash

Bei den grossen europäischen Airlines fliegt die Geschichte mit: Die niederländische KLM gibt es seit 1919. Die Lufthansa wurde 1926 gegründet. Die die Vorgängerin der British Airways ging als BOAC 1939 in die Luft.

Das verleiht den Carriern einen Hauch von Glorie, hilft aber operativ nicht viel: Heute kämpfen diese Airlines - Teil der Konzerngruppen Air France-KLM, Lufthansa und IAG - mit viel jüngerer Konkurrenz: Easyjet und Ryanair haben sich mit Billig-Tickets im europäischen Markt breitgemacht, und zu den Wachstumsmärkten in Asien fliegt man oft billiger mit den Golfstaaten-Carriern.

Die alten Airlines leiden daneben unter hohen Kosten, Streiks und unflexiblen Unternehmensstrukturen. Airline-Aktien zählen bei den Anlegern zu den weniger attraktiven und risikoreicheren Investments, vor allem jene der alteingessenen Gesellschaften.

Doch an der Börse zeigt sich seit Anfang Jahr allerdings ein ungewohntes Bild, wie die folgende Übersicht zeigt. Die Wertentwicklung der drei Traditionskonzerne Air France-KLM, Lufthansa und IAG zeigen deutlich nach oben, während die Kurse bei den Billigfliegern Ryanair und Easyjet flach verlaufen.

Flugkonzern Dazugehörige Airlines Kurs seit Anfang Jahr (in Prozent) Kurs seit April 2014 (in Prozent)
Air France-KLM Air France, KLM, Hop, Cityjet, Martinair, Transavia +35,8 -40,3
Lufthansa Lufthansa, Swiss, Austrian Airlines, Brussels Airlines, Eurowings, Edelweiss Air, Air Dolomiti +22,3 -22,5
IAG British Airways, Iberia, Vueling, Aer Lingus +18,9 +21,8
Ryanair Holdings Ryanair +0,9 +88,7
Easyjet Easyjet +0,7 -31

Daten: cash.ch, Bloomberg

In der kurzfristigen Betrachtung ist das Bild akkurat: Bei Air France, British Airways und Lufthansa hat das Geschäft mit der lukrativeren Langstrecke jüngst angezogen. Air France verzeichntete 2016 durch den tiefen Ölpreis und eine verbesserte Produktivität einen operativen Gewinnsprung um ein Drittel, mit positiver Wirkung auf die Aktie.

Bei der Lufthansa kamen Kostensenkungen und die Übernahme von Flügen der schlingernden Konkurrentin Air Berlin an der Börse gut an. Kostensenkungen verhalfen trotz Belastungen durch das schwächere Pfund auch der British-Airways-Mutter IAG zu mehr Gewinn.

Easyjet mit den wichtigten Operationen in Grossbritannien hingegen konnte den Folgen des Brexit-Votums und des Pfund-Verfall nicht viel entgegensetzen. Die harte Konkurrenz der europäischen Billigflieger untereinander hat bei Easyjet wie auch bei Ryanair zu tieferen Gewinnerwartungen geführt.

Althergebrachte Privilegien bremsen

In der längerfristigen Betrachtung setzen Analysten aber Fragezeichen, ob es mit den Traditionsairlines weiter so aufwärts geht. Vor allem bei Air France-KLM besteht die Ansicht, dass der Kursanstieg der Aktie übertrieben sei: Die Produktivitätsverbesserungen beziehen sich vor allem auf die niederländische KLM.

Die Analysten der britischen Barclays Bank erwarten, dass Kostensenkungen bei der Air France wesentlich schwieriger durchzuführen seien. Air France mit einer Kultur von althergebrachten Privilegien, hochbezahlten Angestellten (darunter Piloten) und starken Gewerkschaften zeigt dabei ein klassisches Problem der alten Airlines. Jüngere Konkurrenten haben diese Probleme viel weniger. Im Drei-Jahres-Rückblick hat die Aktie 40 Prozent verloren. Wegen der genannten Probleme ist sie als Einstiegsaktie wenig geeignet.

Lufthansa gilt immerhin als operativ stabil, nicht zuletzt dank den Tochtergesellschaften wie der Swiss, muss aber weiter mit dem Risiko von Streiks rechnen. Die Sparmassnahmen seien im Aktienpreis schon enthalten, schreiben die Experten von Barclays.

Anleger mit Billigairline am besten bedient

Aus Sicht von Barclays hat von den Traditionsgesellschaften British Airways die Kosten am besten im Griff und hat smoit die besten Aussichten auf steigende Margen: Die Aktie der Konzernmutter IAG wird daher als einzige der drei grossen europäischen Airline-Gruppen mit einem "Overweight" versehen. Für Anleger stellt laut Barclays immer noch Ryanair die beste Option dar - trotz der flachen Kursentwicklung der vergangenen Monate.

Der irische Low-Coster hat in den vergangenen drei Jahren den Aktienkurs um 88 Prozent gesteigert. Nach Beförderungszahlen (117 Mio. Passagiere 2016) ist Ryanair die grösste Fluggesellschaft in Europa und verfügt über die höchsten Margen in der Branche. Die Kosten sind tief und die Bilanz stabil.

Dies macht die Airline widerstandsfähig im wirtschaftlich unsteten und risikoreichen Fluggeschäft. Barclays geht davon aus, dass 2018 das Wachstum wieder voll einsetzt. Bei Easyjet hingegen brauchen interessierte Anleger wohl einen längeren Atem: Der orange-weisse Billigflieger dürfte die Marktanteile weiter ausbauen, muss aber wieder zu Gewinnwachstum und höheren Margen finden. Die Airline selber geht davon aus, dass sich die Situation erst 2019 stabilisiert.