Machen Sie im Sommer Börsen-Ferien!

Nach einer Erholungsrallye zwischen Februar und April scheint der Börse bereits wieder der Schnauf auszugehen. Was bedeutet das für die Sommermonate? Die Meinung der Experten ist gemacht.
17.05.2016 00:02
Von Ivo Ruch
Der Sommer kommt bestimmt, die Börsenrallye wohl eher nicht.
Der Sommer kommt bestimmt, die Börsenrallye wohl eher nicht.
Bild: Pixabay

Überzeugung sieht anders aus. Seit dem Mehrmonats-Hoch am 20. April geht es mit den Aktienkursen an der Schweizer Börse mehrheitlich abwärts. Als Mitte Februar die Talsohle erreicht wurde und die Kurse wieder zu steigen begannen, wurde vielerorts der Beginn einer neuen Rallye ausgerufen. Doch danach sieht es derzeit nicht aus.

Im Vergleich mit dem Jahresanfang steht der Swiss Market Index (SMI) immer noch 11 Prozent im Minus. In den letzten 52 Wochen beläuft sich der Abschlag gar auf 14 Prozent. Die Marke von 8000 Punkten scheint momentan wie eine unüberwindbare Mauer. Immer wieder scheitert der Leitindex beim Überwinden dieser psychologisch wichtigen Hürde.

Ein ähnliches Bild zeigt sich in den USA, wo die tonangebenden Indizes Dow Jones und S&P 500 nicht recht vom Fleck kommen – mit dem Unterscheid zur Schweiz, dass die dortigen Börsen nahe Allzeithoch notieren.

Der SMI im laufenden Jahr, Quelle: cash.ch

Nun, da die Frühjahrs-Rallye ins Wasser zu fallen scheint, richtet sich der Blick vieler Anleger auf die kommenden Sommermonate. Man fragt sich: Sind die 10 Prozent Gewinn seit dem Jahrestiefststand bereits das höchste der Gefühle? Oder macht die Börse bloss eine Verschnaufpause vor dem nächsten Zwischensprint?

Zuerst ein Blick auf die globale Lage. Die Unsicherheiten über die wirtschaftliche Entwicklung Chinas sind nach wie vor gross. Jedes Mal, wenn aus der zweitgrössten Volkswirtschaft der Welt schlechte Neuigkeiten kommen, beschäftigt das die Anlegergemeinde. Auch Japan kämpft mit Problemen. Die Bank of Japan hat grosse Schwierigkeiten, die heimische Wirtschaft aus einer deflationären Spirale zu befreien.

Europa schliesslich ist noch nicht die wirtschaftliche Erfolgsstory, auf die man vielerorts gesetzt hat. Ganz zu schweigen von politischen Ungewissheiten wie der Brexit-Debatte, den Neuwahlen in Spanien oder den stockenden Fortschritten bei der Rettung Griechenlands.

Bleiben die USA. Doch auch dort haben sich die Signale vom Arbeitsmarkt jüngst eingetrübt. Von mehr als einer Zinserhöhung in diesem Jahr geht kaum jemand aus. Die nächste Fed-Entscheidung findet im Juni statt. Sowieso verlieren die Zentralbanken zusehends ihren Einfluss auf die Aktienmärkte. Während früher einzelne Aussagen von Notenbankern die Investoren in Aufregung versetzen konnten, hinterlassen die Massnahmen von Yellen, Draghi und Co. immer weniger Wirkung bei den Marktteilnehmern.

Europa ist attraktiv, aber...

"Die globale Aktienhausse ist alt und auch der Wirtschaftsaufschwung ist alt. Das hat dazu geführt, dass die US-Aktienmärkte stattlich bewertet sind", sagt Thomas Härter. Im Vergleich dazu sieht der Investment-Chef des Beratungsunternehmens Wellershoff & Partners europäische Aktien als günstig an. Vor allem in peripheren Ländern wie Portugal, Spanien oder Italien. "Das Problem ist aber: Kommt es weltweit zu Einbrüchen an den Aktienmärkten, dann leiden diese Länder trotzdem", so Härter.

Auch für Sven Bucher, Research-Leiter bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB), sieht es derzeit nicht nach einer Sommer-Rallye aus: "Zu viele Unsicherheitsfaktoren sind noch vorhanden." Kommt hinzu, dass in den Sommer-Monaten die Handelsumsätze traditionell tiefer sind. So lautet eine alte Börsenregel: "Sell in May and go away, but remember to come back in September." Statistische Daten deuten an, dass in den Monaten Oktober bis April überdurchschnittliche Aktienrenditen erzielt werden.

Wenig Fantasie für die Schweizer Börse

Für die Schweiz sieht die Situation nicht viel anders aus. Nach den durchzogenen Geschäftszahlen zum ersten Quartal stehen zwischen Juli und August die Halbjahreszahlen im Fokus. Die ZKB erwartet diesbezüglich keine grossen Überraschungen, also im Rahmen der Q1-Zahlen: "Das heisst, auf Ebene Gewinn liegt da und dort eine positive Überraschung drin, während sich die Umsätze im Rahmen der Erwartungen bewegen dürften", so Research-Leiter Bucher.

Auch Investment-Chef Thomas Härter erkennt aus für die Schweizer Börse keine besonderen Signale für die kommenden Monate: "Die prägenden Unternehmen aus der Pharmaindustrie sind bereits teuer bewertet und die Finanzindustrie befindet sich in einem schwierigen Umfeld." In der Tat ist im laufenden Jahr wenig Kursfantasie in den beiden Pharma-Riesen Novartis und Roche. Beide Aktien haben bislang 16 respektive 12 Prozent an Börsenwert eingebüsst.

Novartis-Aktie und Roche-Genussschein seit Anfang Jahr, Quelle: cash.ch

Was die Finanztitel angeht, ist die Marktmeinung noch zurückhaltender. Vor allem Banken stehen vor mehreren Problemen: negative Zinsen, schrumpfende Margen und zunehmende regulatorische Anforderungen. Kaum jemand empfiehlt diese Aktien derzeit zum Kauf.

Unter dem Strich traut kaum ein Experte dem Schweizer Gesamtmarkt einen glänzenden Sommer zu. Die Mehrheit geht von einer Seitwärtsbewegung oder höchstens einem Aufwärtspotenzial im einstelligen Bereich aus. Optimistischer ist die Privatbank Lombard Odier. Sie revidierte ihr SMI-Jahresendziel kürzlich von 10'000 auf immer noch stolze 9000 Punkte herab.