Markt-Konsolidierung - Werden europäische Airline-Aktien nun attraktiver?

Marktkonsolidierungen bieten Investoren häufig neue Chancen. Das absehbare Ende von Air Berlin und Alitalia findet in einem Moment statt, wo Airline-Aktien schon stark gestiegen sind: Was Anleger heute beachten müssen.
23.10.2017 07:10
Von Marc Forster
Lufthansa stärkt die Marktstellung: A380 und andere Passagierflugzeuge der deutschen Fluggesellschaft auf dem Frankfurter Flughafen.
Lufthansa stärkt die Marktstellung: A380 und andere Passagierflugzeuge der deutschen Fluggesellschaft auf dem Frankfurter Flughafen.
Bild: Pixabay

Air Berlin ist bald Geschichte, und die italienische Ex-Staatsairline Alitalia wird auseinandergenommen und verteilt: Auf dem europäischen Airline-Markt hat die Marktbereinigung diesen Herbst einen Schub erhalten. Gewinnerin der Entwicklung, so scheint es, ist die Lufthansa Group.

Sticht der deutsche Flugkonzern mit seinen traditionellen "Flag Carriern" damit auch heraus? Oder gehört die Aufmerksamkeit der Anleger doch den Billigfliegern? Die Aktien der fünf wichtigsten Luftfahrtkonzerne in Europa im Vergleich:

Lufthansa

Die Lufthansa-Gruppe, zu der auch die Swiss gehört, ist klare Gewinnerin der Pleite von Air Berlin. Sie übernimmt Flugzeuge und Strecken der gescheiterten Airline und vergrössert damit Marktanteile und Preissetzungsmacht. Auch an Teilen der Alitalia soll die Lufthansa interessiert sein.

Der Lufthansa-Aktienkurs hat sich seit Anfang Jahr verdoppelt, wobei der Kursanstieg schon ein Jahr andauert und fast 150 Prozent beträgt. Als Treiber nennt Analystin Ruxandra Haradau-Döser von Kepler Cheuvreux mehrere Gründe: Bessere Verkehrszahlen als erwartet, höheres Buchungsaufkommen auf der Langstrecke aus Asien und Nordamerika und daraus resultierend eine positive Preisentwicklung. Anleger hätten zudem seit Februar und März Short-Positionen geschlossen.

Fazit: Der Ausbau der Marktstellung wird der Lufthansa-Gruppe nützen und den Aktienkurs noch eine Zeitlang antreiben. Da im Aktienpreis schon viel der guten News eingepreist ist, ist der Weg nach oben allerdings auch beschränkt.

Air France-KLM

Auch Air France-KLM profitierte stark von der besseren Stimmung und die Aktie erhöhte ihren Wert seit Anfang Jahr um 151 Prozent. Die Short-Positionen auf der Aktie wurden im Lauf des Jahres von fast 17 Prozent auf 5 Prozent reduziert. Die Faktoren, welche positiv für die Lufthansa und deren Schwester-Airlines spielten, erwiesen sich auch als günstig für Air France und die niederländische KLM.

Fazit: Auch bei Air France-KLM ist der Kursanstieg schon weit vorangeschritten. Allzuviel dürfte die Airline, die allein wegen französischer Streikgefahren stets in einem schwierigen Umfeld ist, nicht mehr zulegen. Bereits seit Juli bewegt sich die Aktie mehr oder weniger seitwärts. Analysten sind wieder vorsichtiger geworden.

International Consolidated Airlines Group (IAG)

Die grösste Airline der IAG-Gruppe, British Airways, erlitt im Mai und nochmals zur Hauptferienzeit im August zwei Informatik-Totalausfälle. Zu den Schwierigkeiten beigetragen hat auch, dass die schwersten Terroranschläge in Europa dieses Jahr Grossbritannien und Spanien trafen: Zur IAG-Gruppe gehören auch Iberia und der spanische Billigflieger Vueling. Zur Zurückhaltung der Anleger - die Aktie stieg seit Anfang Jahr unter dem Branchen-Schnitt um 48 Prozent - gehört auch die Möglichkeit eines Brexit ohne Handelsabkommen Grossbritannien-EU. Der britische Schatzkanzler Philip Hammond behauptete kürzlich, dass ein "harter Brexit" temporär Flüge grounden würde.

Fazit: British Airways, die grösste der IAG-Fluglinien, steht unter Erneuerungsdruck. Das Brexit-Risiko hingegen wird wohl übertrieben dargestellt. Die Aktie der IAG dürfte noch Aufholpotential haben. UBS und Credit Suisse beispielsweise empfehlen IAG zum Kauf.

Easyjet und Ryanair

Der irische Billigflieger Ryanair erlebte vor wenigen Wochen eine Riesenpanne: Offiziell wegen Fehlern in der Planung der Personaleinsätze mussten tausende Flüge gestrichen werden. Zudem droht Ryanair Ungemach von den Gewerkschaften, weil der Europäische Gerichtshof kürzlich entschied, dass Angehörige der Flugzeugcrews bei ihren nationalen Gerichten, und nicht nur in Irland, gegen die Airline klagen können. Von Easyjet hingegen gibt es wenig negative Geräusche. Der britische Low-Cost-Flieger mit einem Ableger in der Schweiz gilt als zuverlässiger Partner von Flughäfen und Gewerkschaften.

Fazit: Die Ryanair-Aktie hat seit Januar 12 Prozent zugelegt, jene von Easyjet 31 Prozent. Beide Titel sind aber seit August unter Druck. Das Jahr lief für die traditionellen Airlines besser als für die jüngere Billigkonkurrenz. Im direkten Vergleich der Aktien ist Easyjet die bessere Wahl als Ryanair. Bei Easyjet dürfte der Aktienkurs schneller wieder steigen.

Keine echte Konsolidierung

Im bisherigen Jahresverlauf haben die drei grossen europäischen Airline-Konzerne  Lufthansa, IAG und Air France an der Börse deutlich von einem positiven Umfeld profitiert. Risiken wie Altlasten in Form hoher Pilotengehälter sowie die Möglichkeit von Streiks bleiben bestehen, genauso wie die Konkurrenz durch Golf-Airlines auf der Langstrecke. Von der jüngsten Konsolidierungswelle profitiert zunächst vor allem die Lufthansa.

Gruppen-Bildung bei Fluggesellschaften in Europa in den vergangenen zehn Jahren. Grösse der Kugeln dienen zum Vergleich der Umsätze (Grafik: Moody's - Grafik kann zum Vergrössern angeglickt werden).

"Die Konsolidierung ist in Europa aber noch nicht weit fortgeschritten", sagt Ruxandra Haradau-Döser. Trotz der Existenz grosser Gruppen wie Lufthansa, IAG und Air France-KLM sei der Markt immer noch fragmentiert und geprägt durch politische Interessen und Gewerkschaften. Die einzelnen Airlines dieser Gruppen funktionierten immer noch sehr eigenständig.

Um das Umfeld für Airline-Aktien nachhaltig zu verbessern, müsste laut Haradau-Döser die Konsolidierung noch weiter voranschreiten: In Europa sei ein kleinerer Teil des Marktes konsolidiert als in den USA. Dort seien die Erträge der Airlines auch höher als in Europa. Zudem sei auch das Europa-Geschäft zur Zeit unter Druck: Überkapazitäten und die Krisen in  Nordafrika der Türkei belasteten die Profitabilität der Low-Cost-Carrier, dürften aber auch die grossen Airline-Gruppen betroffen haben.