«Mir fehlt jegliche Fantasie bei der Nestlé-Aktie»

Nestlé und Roche haben ihre Bücher geöffnet, aber nicht beide SMI-Firmen können laut Urs Beck überzeugen. Der Fondsmanager, der in beiden Titeln investiert ist, durchleuchtet für cash die Quartalsresultate.
20.10.2016 16:11
Interview: Ivo Ruch
Urs Beck, Fondsmanager bei EFG Asset Management.
Urs Beck, Fondsmanager bei EFG Asset Management.
Bild: cash

cash: Nestlé und Roche haben beide ihre Quartalsresultate präsentiert. Welches Zahlenset hat Sie mehr überrascht?

Urs Beck: Die Überraschung ist bei Nestlé schon grösser. Der Konzern hat sich im Verlauf der letzten Monate vorsichtig geäussert, um die Erwartungen der Investoren zu senken. Nichtsdestotrotz werden nun Viele vom Ergebnis negativ überrascht. Das wirft auch ein schlechtes Licht auf das kommunikative Vorgehen von Nestlé.

Was trauen Sie der Nestlé-Aktie in naher Zukunft zu?

Für viele Investoren ist Nestlé ein fantastisches Unternehmen mit steigenden Dividenden. Die Dividende steigt aber vor allem aufgrund höherer Ausschüttungsquote und nicht weil sich die Ertragskraft verbessert. Mir fehlt momentan jegliche Fantasie für steigende Kurse bei der Nestlé-Aktie.

Ist die Dividende mit dieser Ergebnisenttäuschung in Gefahr?

Nein. Mit Bestimmtheit nicht. Nestlé bietet eine fantastische Dividende, die man sicher nicht opfern wird. Viel eher rechne ich mit einer Erhöhung im nächsten Jahr. Ich bin aber ohnehin kein grosser Dividenden-Fan. Denn wegen des Dividenden-Knicks habe ich unter dem Strich ja nicht mehr Geld in der Kasse. Das ist eine Illusion aus dem Obligationenmarkt, die man in die Aktienmärkte transferieren will.

Eine positive Dynamik ist derzeit nur in Asien festzustellen. Wo liegt auf operativer Ebene das Problem von Nestlé?

Die wichtigsten Märkte hat Nestlé in seiner 150-jährigen Geschichte so gut es geht besetzt und das Wachstumspotenzial mehrheitlich ausgeschöpft. Das Geschäftsmodell von Nestlé ermöglicht nur noch Wachstum im Rahmen des Bruttoinlandprodukts. Für mich ist die Nestlé-Aktie nahe am fairen Wert, den ich bei 70 Franken sehe.

Nestlé rechnet neu nur noch mit einem organischen Wachstum von 3,5 Prozent anstatt 4,2 Prozent. Sind die neuen Wachstumsziele realistisch oder werden weitere Anpassungen nötig?

Die neue Guidance ist realistisch und ich erwarte eine Punktlandung für das Gesamtjahr.

Wie weit muss die Nestlé-Aktie fallen, damit Sie wieder dazukaufen?

Ich suche eine Kursfantasie im zweistelligen prozentualen Wachstum. Die Nestlé-Aktie müsste soweit fallen, wie ich es als nicht besonders wahrscheinlich halte.

Bessere Zahlen hat Roche gezeigt, inklusive einer Dividendenerhöhung. Gibt das dem Genussschein nun Auftrieb?

Auch bei Roche ist man sich gewöhnt, dass die Dividende jährlich angehoben wird. Das ist also keine Überraschung. Im Vergleich mit Nestlé ist der Gesundheitssektor allerdings ein Wachstumsmarkt. Deshalb bin ich bereit, für Roche eine höhere Bewertung zu bezahlen. Obwohl Nestlé momentan nach Kurs-Gewinn-Verhältnis sogar höher bewertet ist als Roche. Aber nochmals: Ich will mit der Aktie einen 'total return' erzielen, unabhängig von der Dividendenpolitik.

Was gefällt Ihnen an Roche?

Roche hat einmal mehr gezeigt, dass sie mit jungen, innovativen Produkten wachsen, mit denen sie Preissetzungsmacht haben. Unterstützt durch eine überzeugende Diagnostik-Sparte. Diese Aufstellung ist ein wichtiger Vorteil gegenüber der Konkurrenz. Was mir auch gefällt: Roche gibt mehr Geld aus für Forschung und Entwicklung als für Marketing. So muss eine Pharma-Firma aussehen.

Der Pharmariese ist die zweitgrösste Position in Ihrem Fonds. Mit der Kursentwicklung in diesem Jahr dürften Sie daran wenig Freude haben.

Das ist so. Es ist vor allem das Branchen-Sentiment, das Roche um mehr als 15 Prozent zurückgeworfen hat. Die US-Wahlen spielen dabei eine wichtige Rolle. Aber in meinen Augen müssen die Medikamentenpreise sinken und Roche ist mit seinen spezialisierten Produkten weniger exponiert als andere. Auf aktueller Bewertung bleibt Roche für mich sehr attraktiv und eine meiner grössten Positionen.

Sie verwalten den 'New Capital Swiss Select Equity Fund'. Welche Änderungen haben Sie zuletzt vorgenommen?

Ich habe das Industrieunternehmen Bucher gekauft. Auch Galenica-Aktien habe ich dazugekauft. Einerseits sehe ich dort durch die Akquisition in den USA Wachstumschancen. Andererseits möchte ein Grossaktionär sein Aktienpaket abstossen, was dem Aktienkurs ebenfalls helfen könnte, da der befürchtete Titelüberhang schneller als heute vom Markt erwartet platziert werden könnte. Deutlich aufgestockt habe ich bei der Credit Suisse.

Sie erwarten also ordentliche CS-Quartalszahlen in zwei Wochen?

Ich rechne mit einem Ergebnis, welches das Sentiment zumindest nicht noch negativer beeinflussen dürfte.