Müssen Bankanalysten bald für Uber fahren?

Das geplante neue europäische Investment-Regelwerk könnte bewirken, dass Banken weniger hauseigene Analysten benötigen.
11.12.2016 07:01
Die Skyline der deutschen Bankenmetropole Frankfurt am Main.
Die Skyline der deutschen Bankenmetropole Frankfurt am Main.
Bild: Pixabay

Die französische Großbank Societe Generale wird ihren Kunden Research-Material zu asiatischen Aktien künftig über die auf Finanzinformationen spezialisierte Online-Plattform Smartkarma anbieten. In der entsprechenden Mitteilung liest sich das wie folgt:

"Societe Generale ist die erste weltweit agierende Investmentbank, die mit einem Fintech eine Vereinbarung geschlossen hat, in deren Rahmen Research-Material angeboten wird, das in Übereinstimmung mit den sich herausbildenden Unbundling-Anforderungen für Research steht, wie sie etwa in MiFID II enthalten sind."

Analysiert man das Kauderwelsch, stellt sich der Sachverhalt so dar: Das geplante neue europäische Investment-Regelwerk, die so genannte Markets in Financial Instruments Directive II, sieht vor, dass Aktien-Research künftig separat bezahlt werden muss und nicht mehr an Handelsprovisionen gekoppelt sein darf. Allerdings sind viele Banken beim Versuch, beide Bereiche zu separieren, zu dem Schluss gekommen, dass sich Research unter anderem wegen des Wettbewerbs nicht immer selbst trägt.

Und an dieser Stelle kommen Drittanbieter wie Smartkarma ins Spiel. Diese sogenannte Content-Syndizierungs-Plattform aggregiert und vertreibt das von kleineren Brokern und vor allem unabhängigen Analysten erstellte Research-Material. Vor allem für Letztere bietet Smartkarma etwa nach dem Ausstieg bei einer großen Bank oder einem namhaften Vermögensverwalter die Chance, die eigene Visibilität zu erhöhen und so an Berater-Jobs zu kommen.

Bislang hatten Angebote wie Smartkarma zwar die Zahl ihrer Abonnenten erhöht, allerdings noch nie ganze Research-Desks in einer Bank ersetzt. Die Mitteilung von Societe Generale könnte andeuten, dass hier ein größerer Wandel bevorsteht. Unter dem neuen europäischen Regelwerk erscheint es sinnvoll, sich auf weitere ähnlich lautende Nachrichten einzustellen. Und da andere Jurisdiktionen über der MiFID II ähnliche Regelwerke nachdenken, könnten sie sogar die Norm werden.

Die schlechte Nachricht für die Mitarbeiter ist, dass Banken, die auf Research von Syndizierungs-Plattformen setzen, weniger hauseigene Analysten benötigen. Allerdings gibt es auch einen Hoffnungsschimmer: Denn wenn die Kunden von Investmentbanken wie etwa Fondsgesellschaften nach anderen Quellen für ihr Research suchen, dürfte das die Zahl von Drittanbietern wie Smartkarma erhöhen, Analysten weiterhin Beschäftigungsmöglichkeiten bieten würde.

Totgesagte leben länger: Trotz des oft zu hörenden Abgesangs hat das Research in den Banken offenbar überlebt. Daten des Bureau of Labor Statistics in den USA zeigen, dass es im Mai 2015 mehr Finanzanalysten - in diese Kategorie dürften die meisten Mitarbeiter im Aktien- und Anleihen-Research fallen - als fünf Jahre zuvor gab.

Und sie verdienen auch mehr, wenn man den Zahlen aus den USA Glauben schenkt. Also fürchtet euch nicht, ihr Aktienanalysten. So schnell werdet ihr nicht für Uber fahren müssen. Vielmehr landet ihr vielleicht bei einem Internet-Start-up. Dort werdet ihr zwar weniger Arbeitsplatz- und Gehaltssicherheit haben, dafür wird euch die Arbeit aber nicht ausgehen.

(Kommentar von Christopher Langner, Bloomberg)