Nach Drohnen-Angriff - Wird der Ölpreis-Schock zur Gefahr für die Aktienmärkte?

Der Drohnen-Angriff gegen saudische Raffinerieanlagen lässt die Ölpreise kräftig steigen. Das dämpft die Risikobereitschaft der Aktienanleger - und es könnte gar den Zinsentscheid der US-Notenbank beeinflussen.
16.09.2019 11:20
Von Lorenz Burkhalter
Börsenhändler Peter Tuchmanan der New York Stock Exchange. Fürchtet er Unheil?
Börsenhändler Peter Tuchmanan der New York Stock Exchange. Fürchtet er Unheil?
Bild: Bloomberg

Am Samstagmorgen mitteleuropäischer Zeit schlugen unbemannte Flugkörper in zwei saudische Raffinerieanlagen ein. Mit verheerenden Folgen: Ersten Schätzungen zufolge kann Saudi-Arabien während Wochen nicht mal mehr halb soviel Erdöl produzieren wie gewohnt. Experten gehen davon aus, dass die Angriffe die Fördermenge vorübergehend um fast 6 Millionen Fass schmälern. Das entspricht rund 5 Prozent der weltweiten Produktion.

Die Nachricht vom Drohnen-Angriff liess den Preis für ein Fass Rohöl der Sorte Brent Crude vorübergehend auf fast 72 Dollar steigen. Zur Stunde errechnet sich noch ein Plus von knapp 10 Prozent auf 66,20 Dollar. Das entspricht dem höchsten Stand seit Juni dieses Jahres. Nur die Bereitschaft der US-Regierung, gegebenenfalls die strategischen Ölreserven anzutasten, verhindert ein noch deutlicheres Erstarken der Ölpreise.

Schweizer Aktienmarkt ein relativer Gewinner

An den Finanzmärkten ist der Ölpreis-Schock zu Wochenbeginn das dominierende Thema. Bei den Aktien dämpft der Zwischenfall in Saudi-Arabien die Risikobereitschaft der Anleger. Die Futures für den US-Leitindex S&P 500 können die Verluste von bis zu 0,8 Prozent etwas eindämmen und verlieren im europäischen Handel noch 0,5 Prozent. Auch der Swiss Market Index (SMI) büsst nur noch gut 50 Punkte ein. Zeitweise waren es mehr als das Doppelte. Die Angst vor einer Eskalation der Ereignisse im Nahen Osten falle dabei stärker ins Gewicht als die Angst vor negativen wirtschaftlichen Folgen eines höheren Ölpreises, so verlautet aus dem Berufshandel.

Dass der SMI etwas weniger stark unter Druck gerät, erklären sich Beobachter mit dem hohen Gewicht konjunkturresistenter Titel wie etwa Nestlé, Roche und Novartis. Gemeinsam sind sie beim Börsenbarometer für rund 60 Prozent der Gesamtkapitalisierung verantwortlich. Leidet die Risikobereitschaft der Anleger, profitieren die Aktien dieser Unternehmen. Das wiederum gibt dem SMI für gewöhnlich eine Stütze.

Profitieren könnten auch die Aktien von Unternehmen aus der Ölindustrie. Börsenkotierte Firmen aus diesem Wirtschaftszweig gibt es in der Schweiz jedoch keine.

Beeinflusst der Ölpreis-Schock den Zinsentscheid vom Mittwoch?

Für die Aktienmärkte kommt der Drohnen-Angriff zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. In den letzten Wochen trauten sich die Anleger erstmals wieder zu mehr Risiken. Sie stiessen konjunkturresistente Titel ab und kauften bei den stark zurückgebliebenen Substanz- und Finanzwerte zu. Nun erfährt die steigende Risikobereitschaft einen empfindlichen Dämpfer.

Das könnte sich ändern, wenn am kommenden Mittwoch die US-Notenbank ihren Zinsentscheid bekanntgibt. Denn gemäss Experten könnte der Ölpreis-Schock diesen Entscheid kurzfristig noch beeinflussen. Allerdings gehen die diesbezüglichen Meinungen weit auseinander. Während die einen Experten in den höheren Ölpreisen einen Teuerungstreiber sehen und von einer zurückhaltenderen US-Notenbank ausgehen, verweisen andere auf die negativen wirtschaftlichen Folgen. Sie rechnen vielmehr damit, dass die US-Notenbank jetzt erst recht gefordert ist.

Sollte die US-Notenbank die Zinsen am Mittwoch nicht nur um 25, sondern gar um 50 Basispunkte senken, könnte die Risikobereitschaft der Aktienanleger wieder steigen. Noch schliessen Beobachter nicht aus, dass sich die Lage bei den Ölpreisen und an den Finanzmärkten rasch wieder beruhigt. Mit andauernd höheren Ölpreisen rechnet kaum jemand.