Nach Lachappelle-Wahl - Raiffeisen weiter in Unruhe - Abgetretener Gisel wehrt sich

Nach der Wahl von Guy Lachappelle zum VR-Präsidenten will die Raiffeisengruppe Reformen durchführen. In der Zwischenzeit hat sich der bisherige CEO Patrik Gisel zu seinem Rücktritt geäussert.
11.11.2018 11:22
Raiffeisen-Filiale in Zürich.
Raiffeisen-Filiale in Zürich.
Bild: Bloomberg
Die Delegierten der Raiffeisen-Banken haben an einer ausserordentlichen Delegiertenversammlung am Samstag einen weiteren Schritt bei der Bewältigung der Ära des früheren Raiffeisen-CEO Pierin Vincenz getan. Sie wählten den Guy Lachappelle mit deutlichem Mehr zum neuen Verwaltungsratspräsidenten von Raiffeisen Schweiz. Der am Freitagabend zurückgetretene Raiffeisen-Chef Patrik Gisel wehrte sich derweil schriftlich gegen den Vorwurf eines Interessenkonflikts.
 

Die 163 Delegierten von 246 Raiffeisenbanken wählten an der Versammlung in Brugg-Windisch neben dem neuen Präsidenten Lachappelle auch die für den Verwaltungsrat nominierten Karin Valenzano Rossi, Andrej Golob, Thomas Müller und Beat Schwab in das Gremium. Nachdem gleichzeitig drei bisherige Mitglieder zurückgetreten waren, umfasst der Verwaltungsrat von Raiffeisen Schweiz nun keine Mitglieder aus der Ära Vincenz mehr.

Lachappelle, der im September als Geschäftsleitungsvorsitzender der Basler Kantonalbank (BKB) zurückgetreten war, versprach für seine neue Aufgabe "Engagement und Leidenschaft" sowie "Bereitschaft zur Veränderung". Das Amt des Verwaltungsratspräsidenten von Raiffeisen Schweiz war seit dem Rücktritt von Johannes Rüegg-Stürm im März nicht mehr besetzt.

Neuer CEO gesucht

Die laufende Suche nach einem neuen CEO sei bereits "weit fortgeschritten", sagte Vizepräsident Pascal Gantenbein, ohne allerdings einen Termin für die Neubesetzung zu nennen. Lachappelle bestätigte, dass er ebenfalls bereits mit einigen Kandidaten Gespräche geführt habe.

Patrik Gisel, der eigentlich seinen Abgang für Ende 2018 angekündigt hatte, war am Freitagabend vorzeitig zurückgetreten. Interimistisch übernahm Geschäftsleitungsmitglied Michael Auer die operative Führung der Gruppe. In den Vortagen war in den Medien breit über eine Liebesbeziehung Gisels mit einer im Sommer zurückgetretenen Raiffeisen-Verwaltungsrätin berichtet worden.

In einer schriftlichen Erklärung bestätigte Gisel am Samstag zwar die Beziehung mit der früheren Verwaltungsrätin. Diese habe aber beim Ausscheiden aus dem Gremium noch gar nicht bestanden, entsprechend habe es keine Interessenkonflikte gegeben, so die Erklärung. Untersuchungen von Raiffeisen hätten dies bestätigt, sagte Gantenbein.

Reformprogramm

Die Delegiertenversammlung erteilte der Raiffeisen Schweiz am Samstag zudem ein Mandat, die nächsten Schritte des Programms "Reform 21" in die Wege zu leiten. Die einzelnen Banken erhoffen sich dabei nicht zuletzt mehr Einfluss und Mitsprache auf Gruppenebene.

Genehmigt wurde von den Delegierten zudem das überarbeitete Vergütungssystem von Raiffeisen Schweiz. Ab dem kommenden Jahr dürften die Vergütungen des Verwaltungsrats um rund 25 Prozent zurückgehen, sagte Gantenbein. Erneut verschoben wurde dagegen die Abstimmung über die Décharge für die Raiffeisen-Verantwortlichen.

Negatives Bild der Vincenz-Ära

Die unabhängige Untersuchung der Vincenz-Ära unter Führung des Wirtschaftsprofessors Bruno Gehrig, deren Zwischenresultat den Delegierten vorgestellt wurde, kam derweil zum Befund, dass vor allem in der Zeit von 2012 bis 2015 teilweise "strategisch fragwürdige" Investitionen getätigt und Firmenkäufe zu teuer bezahlt wurden. Raiffeisen sei damals zu einem Konzern herangewachsen, ohne über die notwendigen Führungs- und Kontrollmechanismen zu verfügen. Vielmehr habe es gegenüber Vincenz eine "Kultur des vorauseilenden Gehorsams" gegeben.

Insgesamt habe die unabhängige Untersuchung die Beurteilung der Finanzmarktaufsicht Finma bestätigt, so Gehrig. Die Finma hatte im Juni von schwerwiegenden Mängeln in der Unternehmensführung während der Vincenz-Ära gesprochen.

Trotz Nachteilen für Raiffeisen könne aber "nicht automatisch" auf eine Strafbarkeit geschlossen werden, erklärte Gehrig. Die Bankengruppe habe aber Informationen und Unterlagen aus der Untersuchung der Staatsanwaltschaft zur weiteren Prüfung übergeben.

Nicht Gegenstand der "Gehrig-Untersuchung" war der Erwerb der Investnet-Gruppe, der in einem laufenden Strafverfahren durch die Zürcher Staatsanwaltschaft untersucht wird. Vincenz war von März bis im Juni dieses Jahres für rund 15 Wochen in Untersuchungshaft gesetzt worden.

(AWP/SDA/cash)