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Nahrungsmittelhersteller - Hat die Orior-Aktie noch genügend Fleisch am Knochen?

Seit dem Rekordhoch letzten Oktober hat die Orior-Aktie einiges an Wert eingebüsst. Fraglich ist, ob beim Fleischverarbeiter Substanz für einen neuen Kursanstieg vorhanden ist. Die Expansion ins Ausland birgt Risiken.
29.03.2017 14:12
Von Pascal Züger
Ein Salami vom Orior-Brand Rapelli.
Ein Salami vom Orior-Brand Rapelli.
Bild: Screenshot Youtube

Die Ankündigung von Orior im Herbst 2014, dass Daniel Lutz von Nestlé neu das Amt als CEO übernehmen werde, verlieh der Orior-Aktie sichtbaren Schwung. Als Lutz dann im Herbst 2015 die neue Strategie "Orior 2020" präsentierte, führte dies zu einem noch deutlicheren Höhenflug der Aktie, der bis Oktober 2016 anhielt. 

Seit Mitte Oktober 2014 bis heute sind die Orior-Titel um 50 Prozent angestiegen. Allerdings ist seit dem Höchststand vom 4. Oktober bei 86 Franken wieder eine Korrektur im Gange, die seither 14 Prozent der Performance "genommen" hat. Der Aktien-Chart zeigt die Kursentwicklung seit Oktober 2014:

Quelle: cash.ch (Stand 29.03.2017)

Die von den Anlegern nahezu euphorisch aufgenommene Strategie "Orior 2020" beinhaltet verschiedene Elemente: Sie sieht etwa vor, dass Orior eine attraktive Dividendenpolitik betreibt und die Firma eine stetige Wertsteigerung erzielt. Bis 2020 soll Orior als Teil dieser Strategie europäisch sein. Bekannte Marken von Orior sind Rapelli, Ticinella oder San Pietro.

 "Inzwischen sehe ich viel Luft im Kurs", sagt Ronald Wildmann, Leiter Research bei Research Partners, auf cash-Anfrage. Das angestammte Geschäft ohne Akquisitionen sei enttäuschend. Im Convenience-Bereich erwarte Orior Wachstum und eine höhere Marge. Die Performance sei aber sehr schlecht, in einem allerdings schwierigen Schweizer Markt, so Wildmann.

Im Geschäftsbericht 2016 gab Orior selbst zu, dass der Bereich Convenience, unter anderem mit den Marken Fredag, Le Patron und Pastinella, "nur teilweise" überzeugen konnte. Der Umsatz sank um 4,2 Prozent und die Marge fiel von 13,2 auf 13,0 Prozent. Der Heimmarkt ist - im Detailhandel und in der Gastronomie - geprägt von Preis- und Wettbewerbsdruck sowie von Minderumsatz in den Grenzregionen. 

Übernahme von Culinor: Grosses Plus oder Risikokauf?

Orior versucht nun ein neues Standbein im Ausland aufzubauen. Wohl deshalb, weil es im Schweizer Markt nicht mehr viel zu holen gibt. Vor diesem Hintergrund entschied man sich im vergangenen Jahr für den Zukauf der belgischen Culinor, eine Herstellerin von Fertigmenüs und Menükomponenten in den Benelux-Staaten.

Ein Meilenstein der Strategie "Orior 2020" sei damit erreicht worden und die Akquisition sei sehr erfolgreich gewesen, sagte CEO Daniel Lutz an der Orior-Bilanzmedienkonferenz diesen Februar. Er sprach davon, dass es bezüglich Kultur und Werte ein sehr guter Fit zu Orior sei und auch die Zahlen zu überzeugen vermögen. Die Belgier sollen Orior 20 Prozent mehr Umsatz bescheren.

Weniger optimistisch gibt sich Wildmann von Research Partners: "Ich glaube nicht an einen Erfolg der Culinor-Akquisition. CEO Daniel Lutz war unter Druck, einen Zukauf zu tätigen", so der Aktien-Experte. Wildmann vergleicht die Situation mit Orior-Konkurrent Bell, welcher derzeit in Frankreich Fuss zu fassen versuche,  sich dort aber die Zähne ausbeisse. "Und der belgische Markt ist nochmals schwieriger."

Culinor erzielt gemäss Schätzung der Zürcher Kantonalbank (ZKB) über 50 Prozent des Umsatzes mit der riesigen niederländisch-belgischen Supermarktkette Ahold Delhaize, welche sich erst im Juli 2016 zusammenschloss. Die grosse Abhängigkeit von einem einzigen Kunden ist für Culinor - und damit auch für Orior - nicht unproblematisch.

Der Fünfer und das Weggli?

Die mit dem Zukauf verbundenen operativen Risiken könnten ein Grund für das Absacken der Aktie in den letzten Monaten gewesen sein. Dabei hat die Aktie auch einiges zu bieten, in Form von Dividende: Seit dem Börsengang 2010 wird diese kontinuierlich angehoben. Aktuell beträgt die Dividendenrendite 2,9 Prozent, was im Branchenvergleich ein hoher Wert ist. Die ZKB spricht in einem Analystenbericht sogar von einem Dividendenpotenzial von 5 Prozent. Zwar müsse Orior kurzfristig nach der Übernahme von Culinor Schulden abbauen, doch würde dies dank gutem Cashflow rasch gelingen.

Künftig könne Orior dann entweder die Ausschüttungsquote erhöhen oder weitere Übernahmen im Ausland oder in der Schweiz tätigen. Oder womöglich gar beides zusammen: "Der Fünfer und das Weggli ist möglich", schreibt die ZKB.

Kann Orior umgekehrt vom Jäger auch zum Gejagten werden? "Als einzige mögliche Käuferin kommt die Migros in Frage", meint dazu Wildmann. Allerdings sei die Migros eher am Ausbau des eigenen Industriebetriebes als an einem Zukauf interessiert. Und ein weiterer Grund spricht gegen eine solche Akquisition: Orior würde damit Coop als Kunde verlieren. In den letzten Jahren erzielte Orior rund 45 Prozent des Umsatzes mit der Migros und knapp 15 Prozent mit Coop. 

Ob die Orior-Aktie für Anleger schlussendlich ein Kauf ist oder nicht, darüber herrscht grosse Uneinigkeit: Die ZKB sagt "Ja" und traut dem Titel in den kommenden Monaten dank guter Dividendenpolitik, ansprechenden Zahlen und der Expansion ins Ausland eine Rückkehr zum Allzeithoch bei 86 Franken je Aktie zu (aktueller Aktienkurs 73 Franken). Weitaus skeptischer ist Research Partners mit einer Verkaufsempfehlung bei einem 12-Monats-Kursziel von 60 Franken.