Nahrungsmittelkonzern in der Pflicht - Nach abgesagter Übernahme: Wie geht es bei Unilever weiter?

Kraft Heinz will sich Unilever nicht länger einverleiben. Für den Nahrungsmittelkonzern ist der Übernahmeversuch jedoch ein Weckruf. Aus Aktionärssicht dürfte es deshalb spannend bleiben.
20.02.2017 08:48
Von Lorenz Burkhalter
Unilever-Chef Paul Polman stammt aus der Kader-Schmiede von Nestlé.
Unilever-Chef Paul Polman stammt aus der Kader-Schmiede von Nestlé.
Bild: Bloomberg

Es wäre wohl die grösste Firmenübernahme in der traditionsreichen Geschichte der Nahrungsmittelindustrie gewesen. Gestern Sonntag verwarf Kraft Heinz nun aber überraschend die Pläne, den ungleich grösseren Rivalen Unilever zu übernehmen. Darauf hätten sich die beiden Unternehmen freundschaftlich geeinigt, so heisst es von offizieller Seite.

Am Freitag liessen Übernahmespekulationen die Aktie von Unilever um 13 Prozent nach oben schiessen. Nach dem Rückzug von Kraft Heinz droht sie nun Gewinnmitnahmen zum Opfer zu fallen. In Analystenkreisen ist man sich allerdings einig: Die Aktie wird nicht den gesamten Kurssprung vom Freitag einfach so wieder preisgeben.

Es muss sich etwas bewegen bei Unilever

Denn für Unilever-Chef Paul Polman ist der Übernahmeversuch ist ein Weckruf. Ist die Aktienkursentwicklung ein geeigneter Gradmesser, konnte sein Arbeitgeber in den letzten zwei Jahren kaum Aktionärswerte schaffen.

Unter zunehmendem Druck wähnt der für die Credit Suisse tätige Analyst den britisch-niederländischen Nahrungsmittelkonzern. Der Übernahmeversuch zeige, dass Kraft Heinz ins Verhältnis zum operativen Gewinn (EBITDA) eine fast doppelt so hohe Verschuldung in Kauf genommen hätte, wie sie Unilever aufweise. Der Experte fordert deshalb ein 20 Milliarden Euro schweres Aktienrückkaufprogramm oder eine Sonderdividende von 7 Euro je Aktie.

Zumindest ein Teil der Freitags-Avance geht der Unilever-Aktie wieder verloren; Quelle: www.cash.ch

Allerdings schliesst er auch nicht aus, dass das Unternehmen selber in die Rolle des Jägers schlüpft und grössere Firmenübernahmen tätigt. Um all diesen Faktoren Rechnung zu tragen wird das 12-Monats-Kursziel für die mit "Neutral" eingestufte Unilever-Aktie auf 42 (bisher: 40) Euro erhöht. Am späten Freitag ging bei 44,80 Euro aus dem Handel.

Unilever könne den Übernahmeversuch nicht einfach unbeantwortet lassen, schreibt auch der Berufskollege von Barclays. Er sieht insbesondere auf der Kostenseite Handlungsbedarf, erwirtschaftet Kraft Heinz in den westlichen Weltregionen doch um 10 Prozent höhere Margen als sein europäischer Rivale. Selbst eine Unternehmensaufspaltung in einen reinen Nahrungsmittelhersteller und einen Hersteller von täglichen Gebrauchsgütern schliesst der Experte nicht mehr länger kategorisch aus. Die Unilever-Aktie wird bei der britischen Grossbank wie bis anhin mit "Equal-weight" und einem Kursziel von 41 Euro eingestuft.

Abgesagte Übernahme betrifft Nestlé bestenfalls am Rande

Eine andere Vermutung äussert Nahrungsmittelanalyst der Citigroup. Seines Erachtens lassen die am Sonntag versendeten Pressemitteilungen eine Wiederaufnahme der Übernahmeverhandlungen zwischen Kraft Heinz und Unilever jederzeit zu. Er hält für möglich, dass die Amerikaner zumindest gewisse Geschäftsbereiche von Unilever übernehmen könnten.

Für die hiesigen Händler stehen vielmehr die Auswirkungen auf die Aktie von Nestlé im Vordergrund. Dieser hatten die Übernahmespekulationen um Unilever am Freitagnachmittag zumindest Kursgewinne im tiefen einstelligen Prozentbereich beschert. Anders als Unilever wird Nestlé eher als Jäger und weniger als Gejagter gesehen. Auch wenn Unilever-Chef Paul Polman aus der Kader-Schmiede der Westschweizer stammt. Nachdem Mark Schneider ein Konzernchef aus dem Gesundheitsbereich übernommen hat, erwarten Beobachter vor allem in diesen Geschäftsaktivitäten kleinere Zukäufe. Der Übernahmeversuch zeigt allerdings: Auch ein Unternehmen von der Grösse Nestlés darf sich seiner Sache nicht zu sicher sein, kaufen amerikanische Nahrungsmittelhersteller doch vermehrt in Europa ein.