Neuer Chef verordnet Nestle Gesundheits-Kur

Für Nestle ist es eine Zäsur: Mit Ex-Fresenius-Lenker Ulf Mark Schneider tritt zum Jahreswechsel zum ersten Mal seit knapp hundert Jahren ein Firmenchef von aussen sein Amt an.
30.12.2016 13:30
Der Nestlé-Hauptsitz in Vevey am Genfersee.
Der Nestlé-Hauptsitz in Vevey am Genfersee.
Bild: Bloomberg

Der Schritt kommt einem Eingeständnis gleich: Der weltgrösste Nahrungsmittelkonzern - bekannt für Marken wie Maggi, KitKat, Nescafe oder Nespresso - hat sich in eine Sackgasse manövriert. Konsumenten in aller Welt setzen zunehmend auf frische Nahrungsmittel, während Fertigprodukte zu Ladenhütern werden. Und Nestle - für viele der Inbegriff von Stabilität - wächst nicht mehr so stetig wie früher. Da tut frisches Blut gut: Der 51-jährige Deutsch-Amerikaner Schneider hat jahrzehntelange Erfahrung im Gesundheitsbereich - und genau den will Nestle ausbauen. Denn das Geschäft mit Spezialnahrung für alte oder kranke Menschen verspricht deutlich höhere Wachstumsraten als beispielsweise der vielerorts gesättigte Markt für Süssigkeiten.

Investoren erwarten im Zuge dessen milliardenschwere Zukäufe im Gesundheitsmarkt. Doch das dürfte für den neuen Kapitän eine schwere Reise werden: Denn Nestle - ein Supertanker mit einem Börsenwert von 230 Milliarden Franken - ist schwer zu steuern. Und die See ist rau: In den vergangenen vier Jahren hat Nestle das selbst gesteckte Wachstumsziel von fünf bis sechs Prozent verpasst. Von Januar bis September 2016 lag das Umsatzplus des 150 Jahre alten Traditionskonzerns lediglich bei 3,3 Prozent - der schwächste Zuwachs seit über zehn Jahren.

Tiefkühlkost contra Gesundheitsfood

Die Lösung scheint einfach: Raus aus weniger rentablen Bereichen wie dem US-Süsswarengeschäft oder Tiefkühlkost, rein in das zukunftsträchtige Gesundheitsgeschäft. Dieser Bereich (Nestle Health Science) machte zuletzt mit gut zwei Milliarden Franken weniger als drei Prozent des Konzernumsatzes aus. Das soll nicht so bleiben: Nestle hat für die Sparte eine Zielmarke von bis zu zehn Milliarden Franken Umsatz aufgestellt.

Für den Ausbau verantwortlich ist der neue Chef Schneider höchst persönlich: Er leitet das Gesundheitsgeschäft sowie die Hautpflege-Sparte Nestle Skin Health künftig selbst. Am einfachsten zu bewerkstelligen wäre das geplante Wachstum mit Zukäufen, glauben Analysten. "Sie müssen entweder ganz gross zukaufen oder viele Akquisitionen stemmen, damit das für Nestle einen Unterschied macht - denn das Kerngeschäft ist gross", sagt David Moss, Leiter der europäischen Aktieninvestments der Bank of Montreal.

Bis 60 Milliarden Spielraum für Zukäufe

An Finanzkraft mangelt es dem Schweizer Konzern nicht. Nach Einschätzung der Credit-Suisse-Analysten könnte Nestle bis zu 60 Milliarden Dollar für Zukäufe ausgeben - wenn der Konzern seine gut 23-prozentige Beteiligung am französischen Kosmetikkonzern L'Oreal zu Geld macht. An der Börse ist der Anteil gut 22 Milliarden Euro wert. Investoren sehen Mega-Akquisition aber wegen des potenziell hohen Preises mit gemischten Gefühlen. "Zukäufe im Healthcare sind nicht einfach. Auch viele Pharmakonzerne wollen in dem Bereich wachsen - das ist sehr teuer", sagt ein Finanzexperte. Daniel Häuselmann, der beim Vermögensverwalter GAM einen Schweizer Aktienfonds managt, gibt sich ebenfalls zurückhaltend. "Je grösser eine Transaktion ist, umso riskanter ist sie", sagt er.

Schneider selbst hat sich bislang nicht zu seiner Strategie geäussert. Er hat seinen ersten öffentlichen Auftritt im Namen Nestles bei der Bilanzpressekonferenz am 16. Februar. Völlig freie Hand dürfte er bei der Umsetzung seiner Vision ohnedies nicht haben: Denn im Frühjahr wechselt sein Vorgänger Paul Bulcke an die Spitze des Verwaltungsrats und gibt Schneider von dort aus die Marschrichtung vor.

Ziel für Aktivisten?

Die mauen Wachstumsraten von Nestle dürften für Schneider nicht die einzige Herausforderung im neuen Job sein. In Amerika haben in den vergangenen Jahren aggressive Investoren die Branche umgepflügt - die sich nun auch verstärkt europäische Konzerne vornehmen könnten. Der Investor Nelson Peltz etwa war massgeblich an der Abspaltung der "Milka"-Firma Mondelez von Kraft Foods beteiligt. Auch bei Pepsi hatte sich Peltz eingekauft - scheiterte aber mit dem Versuch, den Getränke- und Snackriesen aufzuspalten.

Der Finanzinvestor 3G Capital übernahm zunächst den Ketchup-Hersteller Heinz und brachte dann die Fusion mit Kraft unter Dach und Fach. Es war nicht der erste Coup: 3G hatte zuvor bei der Fusion von Burger King und Tim Hortons und beim Bier-Zusammenschluss Anheuser-Busch Inbev seine Finger im Spiel. Auch Nestle könnte für solche Investoren attraktiv sein. "Wenn die US-Aktivisten zunehmend nach Europa kommen, ist Nestle durchaus ein Unternehmen, das für Aktivisten von Interesse sein könnte", sagt ein Finanzexperte. Sie könnten dort etwa auf Kosteneinsparungen dringen.

(Reuters)