Neuer Grossaktionär - US-Milliardär steigt bei Nestlé ein - neuer Kursrekord

Mit Dan Loeb gibt sich ein für seine aktive Einflussnahme bei Unternehmen bekannter US-Milliardär als Nestlé-Aktionär zu erkennen. Davon angetrieben steigt die Aktie auf den höchsten Stand in der Firmengeschichte.
26.06.2017 12:55
Von Lorenz Burkhalter
Daniel Loeb, CEO des Hedgefonds Third Point.
Daniel Loeb, CEO des Hedgefonds Third Point.
Bild: Bloomberg

Seit Wochen kursierten Gerüchte, wonach sich ein bekannter Finanzinvestor beim Westschweizer Nahrungsmittelkonzern Nestlé eingekauft habe. Mit Third Point, der Hedgefonds des US-Milliardärs Dan Loeb, ist das Geheimnis um den Namen gelüftet.

Wie sich einem offenen Brief an die Mitaktionäre entnehmen lässt, hält Third Point rund 40 Millionen Nestlé-Aktien sowie einige Derivate. Im Brief verweist der Finanzinvestor zudem auf die unterdurchschnittliche Kursentwicklung der letzten zehn Jahre. Er fordert deshalb Massnahmen zur Schaffung von Aktionärswerten, unter anderem einen Verkauf der verbleibenden L'Oréal-Beteiligung sowie ein kreditfinanziertes Aktienrückkaufprogramm.

Der Einstieg Loebs wird an der Börse begrüsst, ist der US-Milliardär doch für seine aktive Einflussnahme bei Unternehmen bekannt. An der Schweizer Börse SIX steigt die Nestlé-Aktie zur Stunde noch um 3,7 Prozent auf 85,10 Franken. Zeitweise wurden gar Kurse von bis zu 86 Franken bezahlt, was dem höchsten Stand in der Firmengeschichte entspricht.

Analysten und Händler sehen Handlungsbedarf

Wie der für die UBS Investmentbank tätige Nahrungsmittelanalyst in einer ersten Stellungnahme schreibt, verstärkt der Einstieg von Third Point den Druck auf den neuen Konzernchef Mark Schneider, rasch einen aktionärsfreundlicheren Kurs einzuschlagen.

Seines Erachtens liegt beim Westschweizer Unternehmen noch immer ein beachtliches Kosteneinsparpotenzial brach. Bankeigenen Berechnungen zufolge liesse sich die operative Marge (EBIT) über die nächsten drei Jahre alleine dadurch um 80 Basispunkte verbessern.

Die Nestlé-Aktie ist in den letzten Tagen von ihren Höchstkursen zurückgefallen (Quelle: www.cash.ch)

Raum, um Aktionärswerte zu schaffen, sieht der Analyst auch beim Firmenportfolio von Nestlé. Nach einem Verkauf der an L'Oréal gehaltenen Beteiligung verfüge das Unternehmen über genügend Barmittel um neben ergänzenden Übernahmen auch ein 10 Milliarden Franken schweres Aktienrückkaufprogramm zu stemmen, so lässt er durchblicken.

Sollte sich Nestlé nicht nur vom US-Süsswarengeschäft, sondern gleich von sämtlichen ähnlich gelagerten Geschäftsaktivitäten trennen, stünden sogar bis zu 26 Milliarden Franken für Aktienrückkäufe oder die Verstärkung der zukünftigen Kernbereiche Gesundheit, Kindernahrung und Wellness zur Verfügung. Erst vor wenigen Wochen kündigte der Nahrungsmittelkonzern eine strategische Überprüfung des US-Süsswarengeschäfts an.

Nestlé könnte sich dem neuen Aktionär widersetzen

Wie der Berufskollege bei Vontobel ergänzt, wird 2017 angesichts des Wechsels an der Konzernspitze und des Einstiegs von Third Point mit Sicherheit ein entscheidendes Jahr für Nestlé. Er gibt sich überzeugt, dass der neue Konzernchef Mark Schneider hochgesteckte Zeile verfolge, daunter auch einige, wenn nicht sogar alle von Third Point vorgeschlagene Massnahmen. Der Analyst sieht im neuen Aktionär einen möglichen Verbündeten und Wegbereiter Schneiders und empfiehlt die Nestlé-Aktie deshalb weiterhin mit einem Kursziel von 88 Franken zum Kauf.

Eher kritisch gibt sich der für die Zürcher Kantonalbank tätige Experte. Eine Erhöhung der Verschuldung nur um Aktien zurückzukaufen sei nicht nach dem bisherigen konservativen Gusto von Nestlé, so gibt er zu bedenken. Auch das Setzen eines aggressiven Margenziels würde ihn sehr überraschen. Seines Erachtens sollte es dem Grosskonzern jedoch ein Leichtes sein, sich dem kurzfristigen Profitdenken des neuen Aktionärs widersetzen zu können. Aufgrund des strukturell schwierigen Branchenumfelds stuft er die Aktie wie bis anhin nur mit "Marktgewichten" ein.

Der Experte bei Julius Bär fühlt sich durch den Neuzugang im Aktionariat in seiner Kaufempfehlung bestärkt. Er will das 83 Franken lautende Kursziel einer Erhöhung unterziehen.

Auf den Spuren von Warren Buffett

Im hiesigen Handel wird der Einstieg Loebs bei Nestlé begrüsst und dessen Forderungen auch durchaus als berechtigt bezeichnet. Allerdings sei der US-Milliardär mit einem Stimmenanteil von gerademal 1,3 Prozent auf die Unterstützung anderer namhafter Aktionäre angewiesen, so lautet der Tenor. Einziges Schwergewicht im ansonsten stark fragmentierten Aktionariat von Nestlé ist Blackrock. Der weltweit grösste Vermögensverwalter hält 3,7 Prozent der Stimmen.

Vor Loeb versuchten sich schon andere Finanzinvestoren mit eher mässigem Erfolg an Nestlé, unter ihnen der bekannte Milliardär Warren Buffett mit seiner Beteiligungsgesellschaft Berkshire Hathaway. Buffett war im dritten Quartal 2009 mit 3,4 Millionen amerikanischen Aktienzertifikaten ein- und bereits nach eineinhalb Jahren wieder ausgestiegen.

Wie es weiter heisst, könnte Loeb mit seinem Engagement bei Nestlé weitere Finanzinvestoren zum Einstieg ermuntern, was den Druck auf die Firmenvertreter rund um Konzernchef Mark Schneider zusätzlich verstärken würde.