«Noch stärkerer Franken kaum verkraftbar»

Trotz Eskalation der Griechenland-Krise bleibt der Schweizer Franken erstaunlich konstant. Was sind die Gründe und wohin geht der Trend? Thomas Flury, Devisenexperte bei der UBS, schätzt im cash-Interview die Lage ein.
29.06.2015 12:09
Interview: Ivo Ruch
Thomas Flury ist Global Head Currency Strategy bei der UBS.
Thomas Flury ist Global Head Currency Strategy bei der UBS.
Bild: cash

cash: Haben Sie die jüngsten Ereignisse rund um Griechenland überrascht?

Thomas Flury: Die vorübergehende Schliessung der Banken und Kapitalverkehrskontrollen waren absehbar. Das ist ein Szenario, auf das man sich im Vorfeld vorbereiten musste. Am Freitag hatte ich jedoch noch immer mit einem Entscheid der griechischen Regierung ohne Referendum gerechnet.

Der Franken hat sich zum Euro erstaunlich wenig aufgewertet in den letzten Stunden. Was ist der Grund dafür?

SNB-Präsident Thomas Jordan hat am Montag bekannt gegeben, dass die SNB interveniert hat, um eine übermässige Aufwertung des Frankens zu verhindern. Angesichts der geschlossenen Banken und der Kapitalverkehrskontrollen ist die Gefahr grösserer Transfers von Griechenland in den Franken natürlich eingedämmt.

Der nächste wichtige Termin in der Griechenland-Frage ist die Volksabstimmung am nächsten Sonntag. Was erwarten Sie in der Zwischenzeit an den Devisenmärkten vom Euro-Franken und vom Euro-Dollar?

Im Moment sieht es nicht so aus, dass das Griechenlandproblem sehr hohe Wellen schlagen wird. Zudem sind die Zentralbanken durchaus bereit, die weltweiten Märkte mit zusätzlichen Mitteln gegen ein Überschwappen der Griechenlandkrise zu schützen. Wir erwarten keine grossen Bewegungen im Euro-Franken, da die SNB sicherlich reagieren wird. Für den Euro-Dollar haben wir eine Dreimonatsprognose von 1.05. Eigentlich haben wir die Prognose in Erwartung von Zinserhöhungen durch die Fed gesetzt. Es könnte jedoch auch sein, dass die Euro-Schwäche wegen Griechenland eintritt. Die Richtung scheint auf beide Wege vorgegeben.

Was erwarten Sie bei einem möglichen Austritt Griechenlands aus dem Euroraum vom Euro-Franken-Kurs?

Ich erwarte relativ wenig Bewegung. Zum einen rechne ich mit dem Schutz der SNB für den Wechselkurs. Zum andern denke ich auch, dass nicht mehr so viele Gelder aus Griechenland in die Schweiz transferiert werden, auch wenn es zu einem Grexit kommen sollte.

Würde ein Grexit den Franken gegenüber dem Euro langfristig stärken oder schwächen?

Ich rechne nicht damit, dass ein Grexit die Eurozone langfristig belasten würde. Die Wahrscheinlichkeit, dass andere Länder einen Vorteil darin finden, dem Weg Griechenlands zu folgen, ist sehr klein. Also ist auch die Gefahr von noch grösseren Kapitalabflüssen gering. Der Franken ist schon sehr, sehr stark. Eine weitere Aufwertung gegenüber dem Euro wäre langfristig wohl kaum zu verkraften.

Sollen Leute, die demnächst in die Ferien fahren, jetzt Euro umtauschen oder noch zuwarten?

Ich sehe keinen Grund für Aktionismus. Der Wechselkurs war in den letzten Monaten ziemlich stabil, und das wird er wohl auch in den kommenden Monaten sein. Der Euro-Franken-Kurs von 1.03, den ich heute auf dem Bildschirm sehe, ist sicherlich günstig. Aber ich gehe auch nicht davon aus, dass der Kurs in ein paar Wochen deutlich höher sein wird.