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«Notenbanken haben ihren Zauber verloren»

Nach dem Zinsentscheid der Schweizerischen Nationalbank senden die Finanzmärkte unterschiedliche Signale aus. Anlage-Expertin Caroline Hilb schätzt im Börsen-Talk die Lage ein und gibt eine SMI-Prognose ab.
18.03.2016 02:46
Von Ivo Ruch
Caroline Hilb leitet bei der St. Galler Kantonalbank die Bereiche Anlagestrategie und Analyse.
Bild: cash

Nach der Europäischen Zentralbank (EZB) und der amerikanischen Fed veröffentlichte auch die Schweizerische Nationalbank (SNB) am Donnerstagmorgen ihren Zinsentscheid. Wie erwartet beliess die Notenbank das Zielband für den Referenzzins Dreimonats-Libor bei minus 1,25 bis minus 0,25 Prozent. Banken müssen für ihre Sichtguthaben bei der SNB weiterhin einen Strafzins von 0,75 Prozent bezahlen.

Da der Entscheid nicht überraschte, bewegte sich der Euro-Franken-Kurs kaum. Er befindet sich weiterhin im Bereich zwischen 1,095 und 1,10. Am Schweizer Aktienmarkt war hingegen eine deutliche Reaktion sichtbar. Der Swiss Market Index (SMI) drehte kurz nach der SNB-Nachricht ins Negative und pendelte sich bei einem Minus von 1,4 Prozent ein. Was war der Grund dafür? "Die SNB hat einen negativeren Konjunkturausblick abgegeben und das tut vielen SMI-Unternehmen weh", sagt Caroline Hilb im cash-Börsen-Talk. Laut der Leiterin Anlagestrategie und Analyse bei der St. Galler Kantonalbank (SGKB) trifft diese Einschätzung auf eine Marktstimmung, die grundsätzlich ein offenes Ohr für negativere Aussichten hat.

Die SNB nannte in ihrem Communiqué explizit verschlechterte Aussichten für die Weltwirtschaft. Insbesondere die global tiefe Teuerung in Zusammenhang mit dem gefallenen Ölpreis. Zudem machte sie auf Chinas Wachstumsverlangsamung und die strukturelle Schwäche in Europa aufmerksam. Auch erwartet die SNB für die Schweiz eine langsamere Erholung: Ein BIP-Wachstum von 1-1,5 Prozent statt wie bisher von rund 1,5 Prozent. Wie die SNB hatten jüngst auch die Fed und die EZB auf ähnliche Risiken hingewiesen.

Zwiespältige Bilanz der Negativzinsen

Trotz dieser heutigen Reaktion sind die Wirkungen von Notenbank-Massnahmen auf die Finanzmärkte nicht mehr so gross wie auch schon. Das zeigte sich auch nach der Ankündigung der EZB, ihre Geldpolitik auf vielen Ebenen noch expansiver zu gestalten. "Die Notenbanken haben einerseits ihren Zauber verloren", sagt Caroline Hilb. Andererseits sei den Finanzmarktteilnehmern auch klar geworden, dass die Notenbanken ihren Wirkungsradius ausgeschöpft haben. Der Grenznutzen jeder zusätzlichen Massnahme nehme ab. "Das war bei der EZB exemplarisch sichtbar", so Hilb im Börsen-Talk.

Die SNB-Massnahmen, insbesondere die vor rund einem Jahr eingeführten Negativzinsen, kommen auf jeden Fall allmählich im Bewusstsein der Bevölkerung an: Auf Sparkonten oder in der Säule-3a-Vorsorge gibt es praktisch keinen Zins mehr. Zudem haben etliche Pensionskassen erst kürzlich ihre zukünftigen Leistungen gekürzt. Anlage-Expertin Hilb anerkennt die zweiseitige Wirkweise der SNB-Strafzinsen: "Bei den Pensionskassen und den Spargeldern sind die Negativzinsen schädlich. Die SNB hat aber eine übergeordnete Sichtweise. Sie will den Wechselkurs zum Euro und die Wirtschaft stützen. Unter diesem Aspekt ist die Wirkung durchaus positiv."

"Nicht wahnsinig positiv gestimmt"

Nach dem sehr turbulenten Jahreswechsel und unruhigen Wochen im Januar und Februar haben sich die Aktienmärkte wieder etwas beruhigt. Der SMI beispielsweise hat sich zurück in die Region von 8000 Punkten gekämpft und die amerikanische Börse steht rund 12 Prozent höher als Mitte Februar. Doch die Verunsicherung ist noch nicht Geschichte. "Die Märkte bleiben weiterhin anfällig. Die starken Kursausschlägen werden uns weiterhin begleiten in diesem Jahr. Deshalb macht es Sinn, wenn man sich ein gutes Nervenkostüm zulegt", sagt Caroline Hilb.

Denn für Gesprächsstoff ist gesorgt. Eines der Hauptrisiken macht die Anlagestrategin in China aus. Trotz aller Negativschlagzeilen markiere die Regierung Präsenz und habe kommunikativ dazugelernt. Daneben sind Marktteilnehmer an der Entwicklung in den USA und an den Ölpreisen interessiert. Zwar haben sich die Rohstoffpreise stabilisiert und an Einfluss verloren. Doch "ob als Rezessionssignal oder als Belastungsindikator für den Finanzsektor", können sie jederzeit wider für Unruhe sorgen, ist Caroline Hilb überzeugt. Für zusätzliche Verunsicherung dürften auch die Gedankenspiele rund um einen möglichen Austritt Grossbritanniens aus der Europäischen Union sorgen.

Diesem Spannungsfeld wird sich auch die Schweizer Börse nicht entziehen können. Bereits zu Jahresbeginn war der SMI stark von den Unsicherheiten im Finanzsektor und dem Gesamtpaket an schlechten Nachrichten auf einen Zickzack-Kurs geschickt worden. "An der Schweizer Börse gibt es ein grosses Auf und Ab", sagt Caroline Hilb. Angesprochen auf eine konkrete Prognose bis Ende Jahr sagt sie: "Ich bin nicht wahnsinnig positiv gestimmt und froh, wenn wir Ende Jahr immer noch zwischen 8000 und 8200 Punkten stehen."

Im cash-Börsen-Talk äussert sich Caroline Hilb zudem zur den Devisenreserven der SNB und zu ihrer Unabhängigkeit.