Nützt das Bauchgefühl für ein gutes Investment?

Händler, die besser auf die Signale ihres eigenen Körpers zu Marktmustern hören, verdienen mehr Geld und überleben länger in der Branche.
25.09.2016 06:53
Milliardär und Investor George Soros wird nachgesagt, er investiere bei Rückenschmerzen.
Milliardär und Investor George Soros wird nachgesagt, er investiere bei Rückenschmerzen.
Bild: you tube

Das geht aus einer Studie von John Coates hervor, einem ehemaligen Derivate-Händler, der zum Neurowissenschaftler geworden ist. Coates - dessen Buch "The Hour Between Dog and Wolf” aus dem Jahr 2012 verrät, wie die Entscheidungen von Händlern durch die Biologie beeinflusst werden - wollte herausfinden, ob Bauchgefühle valide Signale oder nur Lärm sind.

Zusammen mit Medizinwissenschaftlern von der University of Cambridge nahm er die Physiologie von 18 männlichen Hochfrequenzhändlern, die bei einem Londoner Hedgefonds arbeiten, unter die Lupe. Die Ergebnisse wurden in dieser Woche im Online-Magazin Scientific Reports veröffentlicht. Sie zeigen, dass Menschen mit Risikoneigung, die ihre eigene Herzfrequenz besser schätzen konnten, mehr Geld verdienen als jene Kollegen, die bei dieser Aufgabe schlecht abschnitten.

"Wir wussten, dass Physiologie für gewöhnlich genauer Risiko und Chance auf den Märkten widerspiegelt als die bewussten Bewertungen von Menschen", sagt Coates, 54, in einem Interview mit Bloomberg. "Wenn es derart wertvolle Handelssignale bei unseren Körperreaktionen gibt, ist es dann möglich, dass Menschen, die diese physischen Veränderungen besser bemerken, Zugang zu unbezahlbaren Handelssignalen haben?"

Soros investiert wegen Rückenschmerzen

Über die Rolle von Bauchgefühlen wird seit Jahrzehnten gesprochen, bewiesen wurde sie aber nie. Über den Milliardär und Investor George Soros wird beispielsweise gesagt, er baue sein Portfolio um, wenn seine Rückenschmerzen aufflammen. Fortschritte beim Verständnis der Verbindung zwischen Physiologie und Leistung könnten menschlichen Händlern dabei helfen, relevant zu bleiben, während Maschinen mehr Aufgaben beim Market-Making und Investieren übernehmen.

Die Testteilnehmer wurden darum gebeten, ihre Herzschläge zu zählen - ohne den Puls zu fühlen - über zufällige Zeitintervalle hinweg. Die Schätzungen wurden dann mit der tatsächlichen Herzfrequenz verglichen, berichtet Coates. Wie sich herausstellte, sind Händler bei diesem Test besser als die allgemeine Bevölkerung, mit einer durchschnittlichen Genauigkeitsquote von 78,2 Prozent - verglichen mit 66,9 Prozent bei einer Kontrollgruppe, bestehend aus Cambridge-Studenten.

Mittels Auswertung der Gewinn- und Verlustaufstellungen der Händler kamen Coates und seine Kollegen zu dem Schluss, dass diejenigen mit höherer Sensibilität im vergangenen Jahr mehr Geld verdient hatten.

Berufserfahrung zählt

Am meisten überraschte Coates, der zwölf Jahre für Goldman Sachs, Merrill Lynch und Deutsche Bank im Derivatehandel tätig war, dass die Personen mit der längsten Berufserfahrung genauere Schätzungen abgaben. Händler mit weniger als vier Jahren in der Branche kamen auf eine Quote von 68,7 Prozent, während jene mit mindestens acht Jahren bei 85,3 Prozent lagen.

"Es gibt diesen wirklich mächtigen Vorteil auf dem Markt, und keiner weiss davon", sagt Coates. Die Studienergebnisse waren für Coates so überzeugend, dass er Cambridge verlassen hat, um mit einem Technologie-Startup an einem Produkt zu arbeiten, das mit seiner Studie in Verbindung steht. Um welche Firma es sich handelt, wollte er nicht sagen.

"Das ist kein mystisches Ding. Man muss richtig trainiert werden, man muss das üben. Und dann kann man sich selbst so anpassen, dass die Bauchgefühle besser werden", sagt er. "Dann befindet man sich in einer Welt des Handels, die einfach komplett neu ist."

(Bloomberg)