Ökonomen uneins über angemessene Zinspolitik der EZB

Ökonomen sind vor dem Besuch von EZB-Präsident Mario Draghi im Bundestag gespalten in der Frage über die richtige Zinshöhe für Deutschland.
27.09.2016 13:57
Der Sitz der Deutschen Bundesbank in Frankfurt: Welcher Zins ist für Deutschland angemessen?
Der Sitz der Deutschen Bundesbank in Frankfurt: Welcher Zins ist für Deutschland angemessen?
Bild: ZVG

"Ein Zins von 2,5 Prozent wäre wohl angemessen", sagte Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer am Dienstag der Nachrichtenagentur Reuters. "Wir haben zwar eine relativ niedrige Inflation, aber nähern uns auch der Vollbeschäftigung in Deutschland." Langfristig sollten die Konsumentenpreise auch wieder stärker steigen. Das legten die aktuellen Lohnanstiege von knapp drei Prozent nahe. Derzeit liegt der Leitzins der Europäischen Zentralbank (EZB) für die Währungsunion bei null Prozent. Das billige Geld soll für mehr Wachstum und Inflation in der Währungsunion sorgen, birgt Kritikern zufolge aber in wirtschaftlich starken Ländern wie Deutschland die Gefahr von Preisblasen - etwa bei Immobilien.

DekaBank-Ökonom Kristian Tödtmann hält den EZB-Kurs allerdings für angemessen. Selbst wenn die Zentralbank sie ausschliesslich mit Blick auf die wirtschaftliche Lage in Deutschland ausrichten würde, wäre der Schlüsselsatz zur Versorgung der Banken wohl nur knapp über null, sagt der Volkswirt: "Die Zinsen müssten dann ähnlich sein." Deutschland habe trotz brummender Wirtschaft eine "unglaublich niedrige Inflation". Auch die Löhne stiegen nicht entsprechend der wirtschaftlichen Stärke Deutschlands. Er verweist darauf, dass es im zweiten Quartal nur einen Zuwachs um 1,8 Prozent gegeben habe: "Gemessen am Zustand des Arbeitsmarkts ist das geradezu erschreckend niedrig."

Aktuelles Zinsniveau für Europa zu niedrig

Chefökonom Alexander Krüger vom Bankhaus Lampe sieht den für Deutschland angemessenen Zinssatz bei bis zu 1,5 Prozent. Doch auch für den Euro-Raum sei das aktuelle Niveau zu niedrig: "Die Geldpolitik mag für südliche Länder durchaus angemessen sein. Am Durchschnitt der Euro-Staaten gemessen ist sie zu expansiv", betonte der Experte. Dass das Zinsniveau nicht höher liege, habe massgeblich mit den hohen Staatsschulden zu tun, die in einigen Südländern über "kritische Niveaus" gestiegen seien.

Draghi steht den deutschen Abgeordneten am Mittwoch im Europaausschuss des Bundestags Rede und Antwort zur EZB-Geldpolitik. Vor allem aus der Union kommt Kritik am Niedrigzinskurs. Die Währungshüter stecken in der Klemme, da sie nur einen Zins für alle 19 Mitgliedsländer festlegen können, obwohl sich diese wirtschaftlich sehr unterschiedlich entwickeln.

(Reuters)