Ökonomen zum Brexit-Votum: Erste Einschätzungen

Beim Brexit-Referendum hat sich eine Mehrheit der Briten für einen Austritt Großbritanniens aus der EU ausgesprochen. Das sagen Ökonomen in ersten Reaktionen.
24.06.2016 09:27
Die EU und Grossbritannien gehen auseinander.
Die EU und Grossbritannien gehen auseinander.
Bild: Pixabay

DAVID FOLKERTS-LANDAU, CHEFÖKONOM DEUTSCHE BANK:

"Europa wird ohne seinen hellsten Stern auf jeden Fall ein dunklerer Ort sein. Das wäre vermeidbar gewesen. Dass Großbritannien nun seinen eigenen Weg geht, spiegelt ein verbreitetes Misstrauen in das europäische Projekt wider. Dies ist wiederum eine Folge des schwachen Wirtschaftswachstums. Großbritannien und Europa brauchen sich auch weiterhin gegenseitig. Brüssel sollte deshalb allen Forderungen widerstehen, Strafmaßnahmen gegen Großbritannien zu ergreifen, nur um einen Warnschuss an die anderen Mitgliedstaaten abzugeben. Dies muss die freundschaftlichste aller Scheidungen werden, bei der beide Seiten ohne Groll zusammenarbeiten."

ISABEL SCHNABEL, WIRTSCHAFTSWEISE:

"Ein schwarzer Tag für Europa. Es ist schockierend zu sehen, dass die europäische Idee in Großbritannien nicht mehr mehrheitsfähig ist. Das Referendum hat auch gezeigt, wie gespalten die Bevölkerung ist - Junge und Alte, unterschiedliche Bildungsschichten und Regionen. Daher gilt es nun, Europa so zu reformieren, dass es von der breiten Bevölkerung wieder als Bereicherung empfunden wird, um weiteren Fliehkräften entgegenzuwirken.

Der Brexit schadet Großbritannien und Europa. Die politischen Gewichte in der EU verschieben sich, und wir verlieren einen Partner, der den Markt hochgehalten hat. Die Fliehkräfte in Großbritannien und in der EU werden zunehmen - eine wichtige Aufgabe der Politik wird es sein, einem weiteren Zerfall entgegenwirken."

MICHAEL HÜTHER, INSTITUT DER DEUTSCHEN WIRTSCHAFT:

"Die britische Bevölkerung hat für den Austritt aus der Europäischen Union gestimmt. Bereits im Vorfeld des Volksentscheids waren gerade Finanzmarktteilnehmer besonders nervös. Jetzt haben sich ihre Befürchtungen bewahrheitet: Der ehemalige Umschlagplatz für europäische Finanztransaktionen, die City of London, wird massiv an Bedeutung verlieren.

Für die Europäer ist dies ebenfalls kein Grund zum Jubeln. Denn die Europäische Kommission hat jetzt harte Verhandlungen vor sich, in denen sie deutlich machen muss, dass ein Land nicht vom EU-Exit profitiert. Europa als Ganzes wird verlieren, erst recht, wenn weitere Auf- und Ablösungen folgen."

CARSTEN BRZESKI, CHEFÖKONOM ING-DIBA:

"Es sieht so aus, als ob Europas schlimmster Alptraum Wahrheit geworden ist. Sollte sich das Ergebnis bewahrheiten, werden die wirtschaftlichen und politischen Folgen noch lange zu fühlen sein. Die erste Marktreaktion gibt schon einen guten Vorgeschmack. Es steht ein langer, schwieriger und dreckiger Scheidungsprozess an."

MICHAEL MENHART, CHEFÖKONOM MÜNCHNER RÜCK:

"Die Entscheidung des britischen Volkes ist ein schwerer Schlag für die EU. Sie wird die Konjunktur vor allem in Großbritannien stark belasten. Das britische Wachstum wird bis 2018 jährlich vermutlich um etwa einen Prozentpunkt niedriger ausfallen. Auch das Wirtschaftswachstum in der EU wird leiden, wenn auch in geringerem Umfang.

Was besonders langfristige Anleger wie Versicherer treffen wird, ist Folgendes: Die US-Notenbank Fed könnte nun mögliche Zinsschritte nach oben und damit die Rückkehr in ein normaleres Umfeld weiter verschieben.

Auf die Versicherungswirtschaft wird sich die Entscheidung vermutlich nicht so stark auswirken wie auf andere Branchen. Der Finanzplatz London wird aber Gewicht an Hubs wie Singapur oder New York verlieren, und das betrifft auch die Versicherer."

UWE BURKERT, LBBW:

"Die Austrittsverhandlungen stellen für den Europäischen Rat einen Ritt auf Messers Schneide dar. Sollte der Rat bei den Forderungen Großbritanniens kein Entgegenkommen zeigen - etwa nach dem Motto des deutschen Finanzministers Schäuble 'In is in and out is out' -, dann drohen beide Verhandlungspartner ohne Ergebnis auseinanderzugehen. Aufgrund der immensen Verflechtung Großbritanniens mit der EU - knapp die Hälfte der britischen Warenexporte geht in einen anderen EU-Staat -, würde in einem solchen Rosenkrieg-Szenario in erster Linie Großbritannien der Leidtragende sein, aber auch die Wirtschaft in den verbleibenden EU-Staaten dürfte spürbare Einbußen erleiden."

OTMAR LANG, CHEFÖKONOM TARGOBANK:

"Die Aktienmärkte stehen auch unabhängig vom Brexit immer mehr unter Druck: Vor allem die zunehmende politische Fragilität und die anhaltende - tatsächliche - weltweite Konjunkturschwäche übertragen ihre negativen Schwingungen auf die Börsen. Der Brexit ist also nur der letzte Auslöser, der für den Start einer Korrektur gefehlt hat.

Die Europäische Union ist schwer beschädigt, die bereits bestehenden wirtschaftlichen und auch politischen Risiken könnten sich nun weiter potenzieren."

CLEMENS FUEST, IFO-PRÄSIDENT:

"Die Entscheidung der britischen Wähler für den Brexit ist eine Niederlage der Vernunft. Die Politik muss jetzt alles tun, um den wirtschaftlichen Schaden zu begrenzen. Dazu gehört es, sicherzustellen, dass Großbritannien so weit wie möglich in den Binnenmarkt integriert bleibt. Es ist wichtig, die Verhandlungen darüber möglichst schnell zum Abschluss zu bringen, damit die Phase der Unsicherheit über die künftigen Wirtschaftsbeziehungen möglichst kurz bleibt."

STEFAN BIELMEIER, CHEFÖKONOM DZ BANK:

"Nun gilt es, den unabwendbaren Schaden für alle Beteiligten möglichst klein zu halten. Europa muss jetzt zu seinen Werten stehen, seine innere Fragmentierung stoppen und eine erneuerte europäische Idee entwickeln. Dies sollte ohne die europakritischen Tendenzen in Großbritannien sogar leichter möglich sein. Nur ein geschlossenes und handlungsfähiges Europa wird es seinen gegenwärtigen geopolitischen Einfluss erhalten können.

Die Finanzmärkte dürften kurzfristig mit hoher Volatilität auf die Entscheidung reagieren. Vor allem wird aber die nun bevorstehende Phase der Unsicherheit über die Modalitäten des Austritts die Kapitalmärkte belasten."

JAMES KNIGHTLEY, ING:

"Die entscheidende Frage wird sein: Kann eine Scheidung Großbritanniens von der EU im gegenseitigen Einvernehmen erfolgen, was die ökonomischen Schmerzen lindern würde, oder wird es einen Scheidungskrieg geben. Falls Letzeres eintreten sollte, könnte dies die politische Stimmung vergiften und zu langwierigen Verhandlungen führen, was für das Vereinigte Königreich und Europa wirtschaftlich weitreichende Folgen haben dürfte."

HOLGER SCHMIEDING, CHEFÖKONOM BERENBERG BANK:

"Jetzt kommt eine große Phase der absoluten Unsicherheit. Denn etwas Vergleichbares hatten wir noch nicht. Unsicherheit ist schlecht für die Wirtschaft. Der Aufschwung in Großbritannien dürfte weitgehend zu Ende sein. Auch die Euro-Zone wird die Folgen spüren: Der Aufschwung wird schwächer, geht aber weiter. Hersteller von Investitionsgütern wie Maschinen und Autos dürften die Folgen stärker spüren. Deutschland ist also stärker betroffen als beispielsweise Spanien."

HOLGER SANDTE, EUROPA-CHEFÖKONOM NORDEA BANK:

"Die Finanzmärkte werden einige Tage brauchen, um den Schock zu verarbeiten. Die Politik muss jetzt versuchen, das Beste aus einer Entscheidung zu machen, die die EU schwächt. Das wird lange brauchen. Und so lange wird Unsicherheit das Geschehen prägen, zumal die Fliehkräfte in anderen EU-Ländern stärker zutage treten werden. Das Ergebnis kann auch die Nicht-Mainstream-Parteien in Spanien stärken, wo am Sonntag gewählt wird. Bis gestern hatte Europa ein Problem, jetzt ist erst mal Panik."

HENRIK ENDERLEIN, DIREKTOR JACQUES DELORES INSTITUT:

"Das Ergebnis des Referendums ist kein gutes Signal für Europa. Aber es ist vor allem kein gutes Signal für Großbritannien. Die politischen Strukturen der EU sind stark. Und anders als bei einem 'Grexit', also dem Ausscheiden eines Landes aus der Währungsunion, für das es keine rechtliche Grundlage gibt, ist die Prozedur für das Ausscheiden eines Landes aus der EU rechtlich klar geregelt. Die Folgen für den europäischen Integrationsprozess werden weniger gravierend sein, als jetzt oft vorschnell beschrieben. Auch wenn es schwierig wird: Die EU kann einen Austritt Großbritanniens verkraften.

Innerhalb Europas sollte der Fokus der nächsten Monate auf der Vertiefung des Euro-Raums liegen. Die Euro-Krise ist immer noch nicht ausgestanden. Die EZB hat die Grenze ihres Mandats erreicht. Nun müssen sich die Euro-Länder so schnell wie möglich auf einen Stabilisierungsplan einigen, der sowohl mehr Risikoteilung (vor allem schwierig für Deutschland) als auch mehr Souveränitätsteilung (vor allem schwierig für Frankreich) umfasst. Allerdings ist für einen solchen Plan kaum Zeit."

JÖRG KRÄMER, COMMERZBANK-CHEFÖKONOM:

"Es kommt jetzt darauf an, ob wir eine saubere oder eine schmutzige Scheidung bekommen. Es geht vor allem darum, ob Großbritannien nach einem Verlassen der EU den Zugang zum EU-Binnenmarkt behält. Wichtig ist, dass die EU jetzt nicht die beleidigte Leberwurst spielt. Sie sollte ein starkes Interesse daran haben, mit den Briten in den kommenden zwei Jahren eine saubere Trennung zu vereinbaren. Das Land ist zweitwichtigster Handelspartner der EU, nach den USA und vor China. Die EU hat ein großes wirtschaftliches Interesse daran, Zölle im Warenhandel zu vermeiden und das Land im Binnenmarkt zu behalten.

Der Brexit stellt auch ein politischen Risiko für die EU dar. Denn das wird den Anti-EU-Parteien in vielen EU-Ländern Rückenwind geben. Die Regierungen werden noch weniger als bisher mehr Europa wagen, so dass die Probleme der Währungsunion weitgehend ungelöst bleiben. Was die EZB mehr denn je zwingt, die Probleme durch eine lockere Geldpolitik zu übertünchen.

Der Brexit schafft Unsicherheit und ist insofern schlecht für die deutsche Wirtschaft. Aber wir erwarten nicht, dass der Euro-Raum in die Rezession zurückfällt. Das gilt auch für Großbritannien und erst recht für den Fall, dass sich allmählich eine saubere Scheidung abzeichnet."

THOMAS GITZEL, VP BANK:

"Jetzt wird es turbulent an den Finanzmärkten. Das Pfund ist bereits auf einem 30-Jahres-Tief gegenüber dem Dollar. In absehbarerer Zeit sollten wir aber wieder eine Erholung sehen. Die Finanzmärkte fragen sich jetzt: Wie sieht das neue Verhältnis zwischen EU und Großbritannien aus? Die Briten könnten künftig Mitglied des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR) werden, wie Norwegen. Ich gehe nicht davon aus, dass das Verhältnis EU-Großbritannien damit beendet ist. Die EU wird das Land nicht am langen Arm verhungern lassen.

Mit dem heutigen Tag ändert sich erst einmal gar nichts. Es wird jetzt Verhandlungen mit der EU geben. So lange bleibt GB Vollmitglied der EU, also die nächsten zwei Jahre. Ich gehe nicht davon aus, dass sich die wirtschaftliche Lage dramatisch verändern wird. Die Briten dürften es aber merken: Die dortigen Unternehmen dürften jetzt Investitionen überdenken. Aber ich denke nicht, dass das Land nun in eine Rezession fällt."

(Reuters)